Fehlschlüsse

Wegweiser – ob klassisch oder im übertragenen Sinne – sind ein fester Bestandteil der menschlichen Lebenspraxis. Wer orientierungslos ist, dem können sie eine Hilfe sein. Oft folgt man ihnen aber auch, obwohl man eigentlich zu wissen glaubt, wohin man will.
Wegweiser weisen den Weg und darin üben sie eine anziehende Wirkung aus. Wegweiser können aber auch auf einen Irrweg führen. Was bedeutet das?
Ist von einem Wegweiser bekannt, dass er nicht zum gesuchten Ziel führt, wird ihm wohl niemand folgen. Solche Wegweiser stellen also eine ziemlich kleine Gefahr dar, jemanden in die Irre zu führen. Das Problem sind diejenigen Wegweiser, denen man nicht sofort ansieht, dass sie auf einen Irrweg führen, weil sie manchmal sogar derart glaubwürdig erscheinen, dass man nicht so einfach annehmen würde, es mit einem falschen Wegweiser zu tun zu haben.
In der Philosophie, und hier besonders in der Logik, nennt man solche falschen Wegweiser Fehlschlüsse. Fehlschlüsse sind das Gegenteil von gültigen Schlüssen, die aus wahren Voraussetzungen – Prämissen – bestehen, aus denen eine wahre Schlussfolgerung – eine Konklusion – mit logischer Notwendigkeit folgt. Gültige Schlüsse können in diesem Sinne als richtige Wegweiser verstanden werden. Sie helfen dem, der etwas sucht, weiter, weil sie neue Einsichten gewähren, neue Wege, die man beschreiten kann.
Das berühmteste Beispiel für die Form eines gültigen Schlusses stammt bereits von Aristoteles und lautet:

Alle Philosophen sind Menschen, Sokrates ist ein Philosoph, also ist Sokrates ein Mensch.

Aus falschen Prämissen jedoch lässt sich nicht notwendig auf eine wahre Konklusion schließen. Das heißt: ein Fehlschluss gibt keine Sicherheit darüber, ob die Konklusion aus den Prämissen folgt oder einfach nur zufällig wahr ist.
Erscheint ein Fehlschluss außerdem noch auf den ersten Blick plausibel, ist die Gefahr, ihn zu glauben, um so größer.
Es gibt eine Reihe berühmter Fehlschlüsse, deren Struktur derart verführerisch ist, dass es des genauen Hinsehens bedarf, will man ihnen nicht auf den Irrweg folgen.
Ein einfaches Beispiel dieser Art wird regelmäßig in Krimis aller Art vorgeführt:

Jemand wurde ermordet. X war am Tatort, also ist X der Mörder.

Der Fehler ist hier auf den ersten Blick ersichtlich: Selbstverständlich ist es möglich, am Tatort gewesen, ohne auch gemordet zu haben. Man nennt diesen Fehlschluss Behauptung des Konsequenz (auch: falscher Modus tollens) (weitere Informationen)

Besonders verführerisch ist der gern in politischem Kontext verwendete Fehlschluss namens Post hoc ergo propter hoc, was zu deutsch etwa Nach diesem, also Folge von diesem heißt. Seine berühmte Fassung lautet:

Die Kriminalitätsrate ist hoch. Die Strafen werden verschärft. Die Kriminalitätsrate sinkt. Also: Die Erhöhung der Strafen ist eine wirkungsvolle Maßnahme.

Selbstverständlich ist es möglich, wenngleich in diesem Beispiel erwiesenermaßen unwahrscheinlich, dass die Kriminalitätsrate wegen der Erhöhung der Strafmaße zurück geht. Allein: das folgt nicht notwendig aus den Prämissen. Es sind auch andere Gründe denkbar, die für eine niedrigere Rate verantwortlich sein können, beispielsweise könnten, was in diesem Beispiel gleichfalls unwahrscheinlich, aber dennoch möglich ist, die Menschen such zur Vernunft gekommen sein und nun von geplanten Verbrechen absehen. (Eine gute Übersicht zu diesem Fehlschluss findet sich hier und hier)

Es gibt zahlreiche andere Fehlschlüsse, die erheblich schwieriger aufzudecken sind, insbesondere dann, wenn man deren Gültigkeit glaubt oder glauben will. Der Grund, warum man einen Fehlschluss glauben wollen könnte, kann darin liegen, dass er immerhin eine, wenngleich auch falsche, Antwort auf eine Frage darstellt, mit der man sich, aus welchen Gründen auch immer, nicht beschäftigen will oder vielleicht gar vor der richtigen Antwort zurückschreckt. Fehlschlüsse wirken in diesem Sinne als eine Art Beruhigungsmittel.
Die in diesem Sinne wohl wichtigsten der in der Moderne verbreiteten Fehlschlüsse haben alle die Struktur einer Verwechslung. Sie verwechseln Form und Inhalt, Wissen und Weisheit, Erfolg und Anerkennung und die beiden Kategorien intern und extern. Auf diese Fehlschlüsse wird an anderer Stelle ausführlich eingegangen.

Weiterführend:

Empfehlenswert zur Einführung in die Logik ist das Lehrbuch von Barwise und Etchemendy: Sprache, Beweis und Logik, erschienen im mentis-Verlag.

Außerdem ist der Eintrag zur informalen Logik in der Stanford Enzyklopädie aufschlussreich.

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