Der Mensch in der Moderne

Der Mensch der Moderne steht durch die Bedingungen seiner Zeit vor großen Schwierigkeiten.

Bar jedes überkommenes Wertesystems ist es allein an ihm, sich in der Welt zurecht zu finden. Erschwerend kommt hinzu, dass aus dem Wegfall limitierender Ordnungssysteme wie der Religion oder auch Traditionen die Möglichkeiten, für die sich der Moderne entscheiden kann, schier grenzenlos sind.

Was soll er also tun? Selbst wenn er es wollte, so könnte er nicht alle Möglichkeiten daraufhin prüfen, ob sie die richtigen für ihn sind. So viel Lebenszeit steht niemandem zur Verfügung – und so viel Erfahrung, wie sie für eine derartige Bewertung erforderlich ist, kann ein Mensch allein auch nicht anhäufen.

Angesichts dieser Situation gölte es also eigentlich, diese Unzahl an Fragen und Optionen auf einige wenige zu reduzieren, die noch handhabbar sind und die geeignet sind, einen Ausgangspunkt für alle weiteren Fragen zu bilden. Hat man diese Grundfragen geklärt, hat man inmitten der schwankenden Moderne zumindest einen festen Ausgangspunkt gefunden, auf dem man stehen und von man ausgehen kann. Dieser Ausgangspunkt ist die eigene Haltung zur Welt.

Doch oftmals kapituliert der Moderne bereits vor dieser Aufgabe und das hat einen einfachen Grund:

Jede Wahl für etwas, ist auch immer eine Wahl gegen etwas anderes.

Doch was, wenn das, wogegen ich mich entschieden habe, die eigentlich für mich bessere Wahl gewesen wäre?

Das Paradoxon des Verpassens

In einer Welt, in der einem niemand mehr sagt, was richtig und was falsch ist, könnte man sich also auch gegen etwas entscheiden, was eigentlich das richtige für einen wäre. Fällt der Moderne diesem Gedanken anheim, gerät er augenblicklich in das Paradoxon des Verpassens: Wähle ich A, weiß ich nicht, ob B nicht eigentlich besser wäre. Wähle ich B, weiß ich nicht, ob A eigentlich besser wäre. Also: Egal, was ich wähle, es könnte immer eine bessere Möglichkeit geben, weshalb jede Wahl im Grunde falsch ist. Daraus folgt für den Modernen totale Stagnation oder auch Apathie. Der Moderne versucht sich, diesem Problem mit drei Strategien zu entziehen: entweder versucht er, jeder Wahl zu entgehen oder er folgt anderen in ihrer Wahl, damit nicht er die Verantwortung, die Schuld, an der – modern gedacht: immer falschen – Wahl trage. Beide Möglichkeiten können freilich nicht funktionieren und das erklärt auch, warum der Moderne so anfällig für Fehlschlüsse ist. Der Moderne spürt nämlich intuitiv, sowohl dass er allein die Verantwortung für sein Handeln trägt als auch dass das Unterlassen (einer Wahl) auch ein Tun ist, für das er wiederum Verantwortung trägt. Fehlschlüssen zu folgen, bietet da eine ungeahnt einfache Möglichkeit, eine Rechtfertigung für sein Tun zu haben und dadurch eben doch sich der Schuld entziehen zu können (so die Annahme).

Die dritte Möglichkeit, sich dem Paradoxon des Verpassens zu entziehen, besteht in einem radikalen Rückzug in die Subjektivität, in der – so glaubt der Moderne – allein er weiß, was gut und richtig ist. Ist das nämlich der Fall, hebt sich die Möglichkeit einer falschen Wahl auf, weil es unerheblich wird, was andere sagen, solange es ja nur mich selbst betrifft. Finde ich etwas richtig, dann ist es gemäß dieser Auffassung auch richtig. Dieser Fehlschluss ist zwar ebenfalls sehr leicht durchschaubar – denn nur weil ich etwas irgendwie beurteile, heißt das ja schließlich nicht, dass es so ist –, der Moderne will das aber einfach nicht sehen.

Wie verbreitet diese Strategie des Rückzugs in die Subjektivität ist, zeigt sich am Zustand einer maßgeblichen gegenwärtigen Richtung der Kunst und Literatur, die sich nurmehr um sich selbst dreht und reine Subjektivität zelebriert.

Der Ausweg aus dem Paradox

Der Fehler, den der Moderne hier macht, besteht darin, dass er vom Ende her denkt. Ich habe mich für etwas entschieden, etwas anderes könnte aber besser sein – wieso? Die Frage ist doch, warum man sich für etwas entschieden hat. Gibt es Gründe dafür, warum ich dieses oder jenes tue, dann weiß ich einerseits, warum ich es tue, und ich weiß andererseits, dass selbst wenn es etwas anderes geben sollte, dass eventuell die bessere Wahl gewesen wäre, meine Wahl trotzdem die richtige gewesen ist. Sollte ich mich später doch  anders entscheiden wollen, so kann ich das ja noch problemlos tun. Dadurch verliere ich weder mein Gesicht, noch gebe ich zu, vorher falsch gewählt zu haben. Ich habe aufgrund bestimmter Überlegungen eine Entscheidung getroffen und später eine andere.

Diese Gründe, die zu einer Entscheidung führen, sind schließlich das, was einen Menschen ausmacht, was ihn interessant macht. Wer nur versucht, sich Entscheidungen zu entziehen, wer andere verantwortlich machen will oder nur von sich selbst spricht, hat einen wesentlichen Aspekt des Menschseins nicht verstanden. Mensch zu sein heißt, urteilen und entscheiden und für die jeweilige Entscheidung auch die Verantwortung zu tragen. Wir sind in die Welt geworfen, dieser Situation können wir uns nicht entziehen, das ist unsere Faktizität, wie es im Existenzialismus Martin Heideggers und Jean-Paul Sartres heißt. Und somit können wir uns auch der Wahl nicht entziehen.

Die Gründe aber, die wir für unsere Entscheidungen haben, machen uns zu dem Menschen, der wir sind. Sie prägen unsere Haltung. Ist diese Haltung bestimmt durch Gründe dafür, sich Gründen zu entziehen, dann haben wir es mit jemandem zu tun, der vor sich selbst auf der Flucht ist. Dies charakterisiert im Groben das Wesen des Modernen: Er ist immer auf der Flucht, immer in der Hoffnung, dass noch etwas besseres kommt. Etwas, dass ihn aus seiner Lethargie reißt und ihm zu einer Haltung verhilft. Der Moderne vertraut nicht sich und seinen Fähigkeiten, sondern allein der Welt. Darin begeht er den Fehlschluss von der Verwechslung sowohl von Form und Inhalt als auch von Erfolg und Anerkennung.

 

One Reply to “Der Mensch in der Moderne”

  1. Existentielles Vakuum

    „Jede Zeit hat ihre Neurose – und jede Zeit braucht ihre Psychotherapie. Tatsächlich sind wir heute nicht mehr wie zur Zeit von Freud mit einer sexuellen, sondern mit einer existentiellen Frustration konfrontiert. Und der typische Patient von heute leidet nicht mehr so sehr wie zur Zeit von Adler an einem Minderwertigkeitsgefühl, sondern an einem abgründigen Sinnlosigkeitsgefühl, das mit dem Leeregefühl vergesellschaftet ist – weshalb ich von einem existentiellen Vakuum spreche“ (Frankl 1983, 11), so Frankl. Er führt das existentielle Vakuum zurück „auf den Instinktverlust und auf den Traditionsverlust“ (Frankl 1984, S.12). Der Mensch muss nichts, da er nicht nur Instinkten folgt wie die Tiere. Durch den Wert- und Traditionsverlust wird ihm nicht mehr gesagt, was er tun soll. Da er selbst nicht mehr zu wissen scheint was er eigentlich will, passt er seinen Willen den Handlungen seines Umfelds an, was von Frankl als „Konformismus“ (Frankl 1984, S.13) bezeichnet wird. Oder der Mensch passt sein Handeln dem Willen der anderen an, was er als „Totalitarismus“ (Frankl 1984,13) bezeichnet. Den existentiell frustrierten und gelangweilten Mensch überkommt im existentiellen Vakuum „das Gefühl der Sinnlosigkeit der eigenen Existenz.“ (Frankl 1983, 75) Sowohl die Befriedigung des Willens zur Lust, als auch der Macht stehen dann über der Befriedigung des Willens zum Sinn. (vgl. Frankl 1983, 75 ff.) Die innere Leere wird entweder mit Machtwillen (z.B. Manager) oder diversen Süchten (Alkohol-, Drogen-, Spiel-, oder Sexsucht) verdrängt und der Wille zum Sinn wird dadurch betäubt. Frankl unterstellt diesen Menschen „auf der Flucht vor sich selbst“ zu sein „indem sie sich einer Form der Freizeitgestaltung hingeben, die ich als zentrifugal bezeichnen und einer solchen gegenüberstellen möchte, die den Menschen nicht nur Zerstreuung, sondern auch solche zur inneren Sammlung zu geben versucht“ (Frankl 1983, 77). Frankl stellt fest, „erst in ein existentielles Vakuum hinein wuchert die sexuelle Libido.“ (Frankl 1983, 75) In der Beziehung zwischen Mann und Frau geht es laut Frankl nur um reine Triebbefriedigung nach dem Lustprinzip, wenn der Wille nach dem Sinn frustriert wurde. Die Liebe und sinnvolle Hingabe zu einer einzigartigen Person geht jedoch eigentlich dem sexuellen Trieb voraus, „sie gibt der Triebhaftigkeit überhaupt erst die Richtung“ (Frankl 1981, 88) und nicht umgekehrt. Die existentielle Frustration an sich sei aber keinesfalls pathogen, da sie ja gerade die menschliche Existenz ausmache. „Denn die Sorge um den Sinn seiner Existenz zeichnet ja den Menschen als solchen aus – kein Tier ließe sich vorstellen, das von solcher Sorge betroffen wäre -, und wir dürfen dieses Menschliche – mehr als dies: dieses Allermenschlichste am Menschen – nicht zu […] einer Schwäche, zu einer Krankheit, zu einem Symptom, zu einem Komplex“ machen, so Frankl. (Frankl 1983, 78) Gegen das von Frankl beschriebene „existentielle Vakuum“ hilft nur die „Erweckung“ des „Sinnwillen[s]“. (Frankl 1984,24)

    Frankl, Viktor E. (1981): Psychotherapie für den Laien. Rundfunkvorträge für Seelenheilkunde. Herder, Freiburg, 9.Auflage

    Frankl, Viktor, E. (1983): Das Leiden am sinnlosen Leben. Psychotherapie für heute. Herder, Freiburg, 7. Auflage

    Frankl, Viktor E. (1984): Der leidende Mensch. Anthropologische Grundlagen der Psychotherapie. Verlag Hans Huber, Bern, 2. erweiterte Auflage

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