Ludwig Wittgenstein

Für diejenigen, die an Ludwig Wittgenstein und seiner Philosophie interessiert sind, veröffentliche ich im Folgenden den Einleitungsteil aus meinem Skript einer Vorlesung zur Einführung in die Philosophie Wittgensteins, der einen kurzen Überblick bietet.

Ludwig Josef Johann Wittgenstein wird am 26.4.1889 in Wien geboren und römisch-katholisch getauft. Er hat sieben Geschwister, vier Brüder und drei Schwestern. Die Wittgensteins sind eine sehr bemerkenswerte Familie. Vater Karl, mit vielen Begabungen und Leidenschaften ausgezeichnet, hat ein sehr bewegtes und erfahrungsreiches Leben hinter sich, als er einer der größten Industriellen Österreichs der damaligen Zeit wird. Hat er doch keine richtige Ausbildung genossen und mehrfach versucht, sich dem Elternhaus durch Flucht zu entziehen, kam er gleichwohl immer wieder dorthin zurück und schaffte es, durch Interesse und Fleiß sich die nötigen Fähigkeiten anzueignen. Mit großem organisatorischen Geschick, starkem Willen und analytischer Fähigkeit schaffte er es, die österreichische Stahlproduktion zu revolutionieren, und dadurch nicht nur sehr viel Geld zu verdienen, sondern sich einen großen Einfluss aufzubauen. Seine Frau Leopoldine war wegen ihrer Freundlichkeit und Offenheit in gewissem Sinne ein Korrektiv zu Karls Ehrgeiz und Strenge. Beide lernten sich beim Musizieren kennen. Musik war im Hause Wittgenstein immer von sehr großer Bedeutung (Karls Schwestern studierten bei Brahms und Julius Stockhausen).

Das Familienleben ist zweigestalt: Einerseits geprägt von der Strenge und dem Ehrgeiz des Vaters, der unter seinen Söhnen einen Ingenieur und damit einen Nachfolger für sich sucht. Andererseits dominieren Kunst und Musik, besonders, wenn sie unkonventionell sind. So ist klar, dass nicht die Wagner-Mode sondern die Wagner-Kritik dominierte. Und als sich einige junge Künstler – darunter Gustav Klimt – von der Wiener Akademie lösten, um ihre eigene Schule, die Wiener Secession, zu gründen, war es selbstverständlich Karl Wittgenstein, der sie darin unterstützte, gegen die bestehenden Konventionen zu revoltieren. Der größte Teil des Secessionsgebäudes ist von ihm finanziert worden. Es ist daher nicht verwunderlich, dass berühmte Wiener Künstler im Hause Wittgenstein ein- und ausgehen. Darunter waren neben dem bereits erwähnten Gustav Klimt, der ein Bild von Margarete angefertigt hat, auch Johannes Brahms und Gustav Mahler.

Seine außerordentliche Stellung und sein Reichtum brachten dem Hause Wittgenstein jedoch nicht nur Anerkennung und Möglichkeiten: Die üblichen Schmähungen und Anfeindungen, besonders von Seiten kritischer und linker Intellektueller, blieben erwartungsgemäß nicht aus.

Es ist klar, dass diese besondere Atmosphäre einen prägenden Einfluss auf die Kinder hatte, besonders, weil diese die ersten Jahre Privatunterricht im eigenen Hause genossen. Entgegen der Hoffnung des Vaters, sie zu Ingenieuren auszubilden, entwickelte sich bei allen, bis auf Ludwig, eine musikalisch-künstlerische Begabung. Paul Wittgenstein brachte es später als Konzertpianist zu Berühmtheit. Ungeachtet der Tatsache, dass er kriegsbedingt einen Arm verlor. Er verlegte sich deshalb auf einarmige Stücke. Berühmte Komponisten wie Richard Strauss, Maurice Ravel und Sergej Prokofjew komponierten Stücke für ihn.

Bevor nun aber Ludwig die Wünsche seines Vater zu erfüllen begann und in Berlin-Charlottenburg an der heutigen TU Ingenieurwissenschaften zu studieren anfing, hatte die Familie Wittgenstein noch zwei schmerzhafte Ereignisse zu überstehen. Zwei der vier Brüder Ludwigs starben. Die genauen Todesumstände des ältesten Bruders Hans in Amerika sind nicht genau bekannt. Wahrscheinlich hat er sich selbst getötet. Vermutet wird, dass er dem gesellschaftlichen Druck, der wegen seiner Homosexualität, aufgrund derer die Diskriminierung damals noch größer war, als sie es heute ist, auf ihn ausgeübt wurde, nicht standhielt. Von Rudolf wird ebenfalls vermutet, dass er den Freitod wählte. Die genauen Gründe dafür sind unklar. Dies ist einzig im Falle Kurts anders, von dem man weiß, dass er später – 1918 – als Folge des alltäglichen Wahnsinns eines irrsinnigen Krieges, Selbstmord beging. (Der Legende nach setzte er sich in Berlin an die Bar einer Kneipe, bestellte beim Klaviermusiker ein trauriges Lied und trank ein Glas mit Zyankali.) All dies hinterließ in dem pubertierenden Jungen Ludwig mit Sicherheit Spuren.

Ludwig nimmt jedenfalls 1906 sehr zur Freude seines Vaters das besagte Studium auf und ist auch recht erfolgreich an der Konstruktion von Flugzeugmotoren beteiligt. Insgesamt scheint dieses Studium aber nur der Versuch zu sein, ein Hobby zum Beruf zu machen: zeitlebens bastelte Ludwig an verschiedenen Maschinen. Überliefert ist, dass er als Kind eine Nähmaschine aus Streichhölzern bastelte, die auch funktionierte. Später konstruierte er unterschiedliche Fluggeräte. Alsbald kommt dann aber doch der Fachwechsel. Über verschiedene Fehler bei der Berechnung eines Propeller-Flügels, die auf Probleme der Mathematik zurückzuführen sind, wird Wittgensteins Aufmerksamkeit auf die Grundlagen der Mathematik gelegt. Er fährt schließlich nach Jena, um einige diesbezügliche Fragen mit dem später in der analytischen Philosophie zu großer Berühmtheit gelangten Mathematiker Gottlob Frege zu diskutieren. Da dieser ihm jedoch nur sehr begrenzt helfen kann, empfiehlt er Wittgenstein, nach Cambridge zu dem berühmten Mathematiker, Logiker und Philosophen Bertrand Russell zu fahren, und dort zu studieren. Dieser Empfehlung leistet er 1911/12 Folge. Er, der junge Student, schließt schnell Freundschaft mit Russell, John M. Keynes und G. E. Moore, die alle bereits gestandene Gelehrte waren. Ein Jahr später stirbt Karl Wittgenstein, der Vater.

Spätestens ab jetzt besteht Wittgensteins Hauptbeschäftigung darin, sich ausschließlich mit der Klärung von bohrenden, ihn quälenden Fragen zu beschäftigen. Dann überrascht ihn der Erste Weltkrieg bei einem Aufenthalt in Wien.

Wittgenstein meldet sich freiwillig und fällt sogleich durch besonderen Ehrgeiz und Brauchbarkeit auf. Er wird Offizier und an mehreren Fronten eingesetzt. Schließlich gerät er in Italien in Kriegsgefangenschaft. Während seiner Zeit an der Front beginnt er am „Tractatus logico-philosophicus“ zu arbeiten. Das Manuskript stellt er in der Kriegsgefangenschaft fertig und übersendet es von dort an Russell zur Veröffentlichung, die nach einigem Hin und Her schließlich auch gelingt.

Nach dem Ende des Krieges entschließt sich Wittgenstein, der der Meinung ist, alle Probleme der Philosophie durch den „Tractatus“ gelöst zu haben, Grundschullehrer zu werden. Nach entsprechender Ausbildung in Wien verschenkt er sein gesamtes, nicht unbeträchtliches Erbe an seine Geschwister und kommt dieser Tätigkeit bis 1926 nach. Er gilt zwar als streng, setzt sich zugleich aber über die Maßen für diejenigen Schüler ein, die er für besonders begabt hält. Während seiner Lehrerzeit unterhält er in Form von Briefen und Besuchen durchaus den Kontakt zu seinen alten akademischen Freunden.

Nach der Aufgabe des Lehrerberufs wird Wittgenstein zunächst Gärtner in einem Kloster und betätigt sich anschließend zusammen mit dem Architekten Paul Engelmann, den er während des Krieges kennen gelernt hat, als Architekt. Zusammen bauen sie 1926-28 in Wien ein Haus für Ludwigs Schwester Margarete, sehr zum Missfallen der Handwerker, die Wittgenstein durch seine exakten Vorgaben – man könnte auch sagen: Pedanterie – in den Wahnsinn treibt. Dieses Haus hat bis heute nichts von seiner eigenwilligen Faszination verloren.

Bald darauf beginnt Wittgenstein sich wieder mit der Philosophie zu beschäftigen. Ursächlich dafür waren Kontakte zum Wiener Kreis, die zwischenzeitlich entstanden, und Vorlesungen, die er hörte. Vornehmlich beeindruckte ihn Brouwer mit seinen Gedanken über die Grundlagen der Mathematik.

1929 kehrt er nach Cambridge zurück. Ab 1930 erhält er dort einen Forschungs- und Lehrauftrag bis 1936. Ab 1939 übernimmt er, der zwischenzeitlich die britische Staatsangehörigkeit angenommen hat, den frei gewordenen Lehrstuhl G. E. Moores. Seine Philosophie unterscheidet sich nunmehr in wesentlichen Punkten sehr von seiner früheren, auf dessen Urheber er nur noch mit “der Verfasser der LPA“ [logisch-philosophischen Abhandlung] Bezug nimmt. Einer der Gründe für die erneute Beschäftigung mit der Philosophie waren schließlich Fehler gewesen, die er in seinem Frühwerk entdeckte.

Während des Zweiten Weltkrieges hat er sich als Sanitäter zur Verfügung gestellt und in Krankenhäusern in London und Newcastle gearbeitet.

1947 legt er die Professur schließlich nieder.

Während seiner ganzen “zweiten” Zeit in Cambridge unternimmt Wittgenstein viele Reisen unter anderem nach Norwegen, Island, Russland und selbstverständlich Österreich. Immer wieder sucht er die Einsamkeit, um ungestört seinen Gedanken nachgehen zu können.

Das ändert sich auch nach dem Ausscheiden aus dem akademischen Bereich nicht. Erst eine schwere Krankheit, Prostatakrebs, die 1949 diagnostiziert wird, hindert ihn an längeren Reisen und lässt ihn nicht mehr philosophisch arbeiten. Zwar begibt er sich noch einmal nach Norwegen und Österreich, alsbald kehrt er jedoch nach Cambridge zurück, wo er am 29.4.1951 stirbt. Kurz zuvor hatte er noch einmal für einige Wochen Kraft gefunden, philosophisch zu arbeiten.

Der Philosoph Wittgenstein

Wittgenstein war zweifelsohne einer der bedeutendsten Philosophen des vergangenen Jahrhunderts. Seine Präzision und seine damals unkonventionelle Art, die philosophischen Probleme zu betrachten, schufen ein Werk, das an Tiefe und Wirkmächtigkeit kaum zu überschätzen ist. Er hat sich nicht – wie so viele akademische Philosophen – an den seit Jahrtausenden feststehenden Scheidelinien der Probleme der Philosophie abgearbeitet. Er hat die Grenzen entweder neu gezogen oder gleich ganz eingerissen. Statt der Unterscheidung synthetisch-analytisch trennte er Sätze über die Welt von grammatischen Sätzen. Im Falle der – spätestens seit Descartes populären – Trennung zwischen Innen und Außen, also zwischen einer Welt des Subjektiven und einer des Objektiven, einer Grenze, die zu so vielen unsinnigen Diskussionen und überflüssigen Schriften geführt hat, hat er bewiesen, dass diese Grenze gar nicht existiert.

Nicht zu Unrecht wird er von einigen in eine direkte Reihe mit Aristoteles und Kant gestellt. Was verbindet gerade diese drei Denker in welcher Hinsicht?

Aristoteles begründete die Philosophie als Wissenschaft. Danach ist unter anderem ihre Aufgabe, das Wesen der Dinge zu erkennen; herauszufinden, was ein Ding eigentlich ist. Diese Aufgabe findet ihren Ausdruck in dem berühmten „to ti en einai“ (“Das, was ein Ding ist.”).

Kant, rund anderthalb Jahrtausende später, löste das aristotelische Paradigma, das Wesen eines Dinges erkennen zu wollen, ab. Das Wesen der Dinge, so wie sie sind, können wir nicht erkennen. Das Kantische “Ding an sich” bleibt für uns prinzipiell unzugänglich. Was wir lediglich herausfinden können, sind die Bedingungen, unter denen wir überhaupt etwas erkennen können. Die so genannte transzendentale Deduktion führt schließlich zu den Kantischen Kategorien. Damit war der erste Schritt in Richtung einer Abkehr vom Glauben an eine unbedingte Erkennbarkeit der Welt gemacht.

Wittgenstein geht noch einen Schritt weiter. Über die Welt (die Dinge an sich, wenn man so will) werden wir in der Tat nichts erfahren können. Das ist aber auch überhaupt nicht tragisch, weil jeder Versuch, über eine von uns unabhängige Welt und wie sie geartet ist, Erkenntnis erlangen zu wollen, letztlich völlig unerheblich ist. Das einzige, was uns direkt gegeben ist, ist die Sprache. Sie bestimmt unsere Sicht auf die Welt, ganz egal, wie sie beschaffen ist. Auch die traditionell vielfach behandelte Frage nach einer Außenwelt interessiert Wittgenstein nicht, weil sie schlicht unsinnig ist. Denn wie sollte man auf so eine Frage antworten? Könnte eine Antwort irgendeine Erkenntnis ausdrücken? Die Hinwendung zur Sprache als Gegenstand der Philosophie wird auch als der “linguistic turn” bezeichnet.

Die vordringlichste Aufgabe der Philosophie muss es sein, unsere Sprache und ihre Funktionsweise zu verstehen. Denn auf diese Weise verstehen wir zugleich, was über die Welt überhaupt zu verstehen ist. Dass heißt nicht etwa, dass unsere gewöhnliche Sprache fehlerhaft sei und deswegen Erkenntnisprobleme entstünden, die man durch die Schaffung einer neuen, perfekten Sprache beheben könnte, und auf diese Weise endlich gesichertes Wissen über eine unabhängige Außenwelt bekommen könnte. Gegen derartige zu dieser Zeit erneut in Mode gekommenen, positivistischen All-Erkennbarkeitsphantasien stellt Wittgenstein fest:

[…] die Aufgabe der Philosophie ist nicht, eine neue, ideale Sprache zu schaffen, sondern den Sprachgebrauch unserer Sprache – der bestehenden – zu klären. Ihr Zweck ist es, besondere Mißverständnisse zu beseitigen; nicht, etwa, ein eigentliches Verständnis erst zu schaffen. (Philosophische Grammatik: 72.)

Während Kant noch an einem universellen Wahrheitsbegriff festhielt (die analytischen Sätze beispielsweise sind wahr), gibt Wittgenstein eine bedingungslose, universelle Wahrheit auf. Die Kantischen analytischen Sätze können wir uns einfach nicht anders vorstellen. Wahr sind sie deswegen noch lange nicht. Lediglich für uns unbezweifelbar. Die Möglichkeit, dass alles anders sein könnte, wird dadurch nicht bestritten.

Insofern markieren diese drei Denker drei bedeutende Wendepunkte in der Philosophie, wodurch jeweils der Focus der philosophischen Untersuchungen in eine andere Richtung gelenkt wurde.

Die Eigenarten Wittgensteins

Insgesamt, darin sind sich die Zeitgenossen im Grunde einig, war Wittgenstein durchaus kein einfacher Mensch. Warum das so war, soll an dieser Stelle nicht nachgegangen werden – falls das überhaupt möglich ist.

Fest steht, dass er keine Kompromisse duldete, und stets äußerste Präzision und Disziplin von sich und anderen forderte. Unklarheit, beispielsweise wenn Menschen bestimmte Wörter gebrauchen, ohne darüber nachzudenken, was sie eigentlich bedeuten sollen, war ihm zuwider. So war ein Antrieb seines Philosophierens immer das Streben nach Klarheit. Diese Haltung kann man an vielen Formulierungen in seinen Schriften sehen. Im „Tractatus“ ist beispielsweise zu lesen:

[Die Aufgabe der Philosophie ist, T. W.] wenn ein anderer etwas Metaphysisches sagen wollte, ihm nachzuweisen, daß er gewissen Zeichen in seinen Sätzen keine Bedeutung gegeben hat. (TLP: 6.53.)

In den „Vermischten Bemerkungen“ heißt es

Mir dagegen ist die Klarheit, die Durchsichtigkeit, Selbstzweck. (459)

Stellen dieser Art gibt es viele. Schließlich waren es ja auch Unklarheiten, die ihn überhaupt zur Philosophie gebracht haben: Grundlagenprobleme der Mathematik.

Der zweite entscheidende Antrieb in seinem Leben war ethisch-religiöser Natur. Zeitlebens wurde er von Fragen nach dem guten Leben – wann und wie ein Leben glücklich ist – und nach dem Wesen Gottes gequält. Besonders in seinen früheren Schriften finden sich zahlreiche Bemerkungen, in denen er sich um Antworten darauf bemüht. Diese Teile gehören zweifelsohne zu den eindringlichsten Passagen seines 20.000 Seiten umfassenden Nachlasses.

Die gefühlte Unfähigkeit, beides zusammen, also Klarheit in ethisch-religiösen Fragen, zu finden, ließ Wittgenstein an der Welt verzweifeln. Sein Leben ist durchzogen von einer Todessehnsucht, die zu Zeiten des ersten Weltkrieges am ausgeprägtesten ist. Oftmals ließ er sich auf gefahrvolle Posten in der Hoffnung versetzen, dass er dabei den Tod finden würde. Briefe aus dieser Zeit an seine Verwandten enthalten Zeilen wie “Ich lebe noch immer.” Gestorben ist er tatsächlich nicht, sondern paradoxerweise als guter Soldat bewertet und mehrfach befördert worden.

Über Wittgensteins Eigenarten sind zahlreiche Anekdoten überliefert. Es heißt, wenn er überhaupt Humor hatte, dann einen sehr speziellen. Er geriet mehrfach in gesellschaftlich unangenehme Situationen, was ihn selbstverständlich nicht interessierte. Wenn es darum ging, Klarheit herzustellen, haben solche Dinge halt hintanzustehen. So kam es oft vor, dass derjenige, der eine unbedachte Bemerkung gemacht hatte, die nächsten Stunden in eine Diskussion mit Wittgenstein verwickelt war. Egal, wo und wann diese stattfand. Lord Russell fand sich gar oftmals mitten in der Nacht in seinem Arbeitszimmer wieder, weil Wittgenstein einen Einfall hatte, den es unbedingt zu verfolgen galt.

Dass Russell das ertrug, und Wittgenstein überhaupt so lange und so intensiv Philosophie betrieben hat, liegt daran, dass Ludwig Wittgenstein ein Genie gewesen ist und das auch wusste. Es war Wittgenstein sehr wichtig, so eingeschätzt zu werden, weil er sonst eben seinen eigenen Ansprüchen nicht genügt und die Philosophie aufgegeben hätte. Deshalb erkundigte er sich diesbezüglich bei Russell:

Am Ende des ersten Semesters in Trinity kam er zu mir und sagte:; Ich sagte:; Er antwortete:; Ich sagte zu ihm:; Er tat dies und brachte ihn mir zu Beginn des nächsten Semesters. Sobald ich den ersten Satz gelesen hatte, war ich überzeugt, dass er ein genialer Mann sei, und versicherte ihm, er solle auf keinen Fall Pilot werden. (Kurt Wuchterl: „Ludwig Wittgenstein: Mit Selbstzeugnissen und Bildokumenten“, 12. Auflage, rororo, Hamburg 2001, S. 40.)

Und zu Hermine Wittgenstein sagte Russell:

Wir erwarten, daß der nächste große Schritt in der Philosophie durch ihren Bruder unternommen wird.

Es war aber nicht aus einer Eitelkeit heraus, dass Wittgenstein sich gleichsam als Attitüde bestimmte Eigenartigkeiten zulegte. Vielmehr sah er seine Begabung als Bürde und es als seine Pflicht an, der ihm gestellten Aufgabe nachzugehen, koste es eben, was es wolle. Bestimmte Eigenarten waren da nur die Folge.

Empfehlenswerte Einführungsbücher zu Wittgenstein:

Norman Malcolm: „Erinnerungen an Wittgenstein“, Suhrkamp, Frankfurt 1987 (derzeit nur antiquarisch erhältlich).
Hans-Johann Glock: „Wittgenstein Lexikon„, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2000.
Lange vergriffen, nun endlich wieder lieferbar, ein sehr schönes und kenntnisreiches Buch:

Michael Nedo: „Ludwig Wittgenstein. Ein biographisches Album„, Beck, München 2012.

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