Fehlschlüsse der Moderne: Die Trennung von Form und Inhalt

Der prominenteste modernen Fehlschluss (siehe Fehlschlüsse, Moderne) ist derjenige der Trennung von Form und Inhalt. Form und Inhalt sind seit der Antike zwei Kategorien (so etwa bei Aristoteles, der sie als Substanz und Quantität zu seinen zehn Kategorien zählt), die in einer untrennbaren Beziehung zueinander stehen. Der Grund dafür ist klar: Ohne Inhalt wird die Form nichts sagend (sofern es eine solche Form überhaupt geben kann) und ohne Form wäre kein Inhalt erkennbar. Die inhaltslose Form ist allenfalls gleichsam ein ausdehnungsloser Punkt, den es höchstens in der Mathematik geben kann, der aber genau so viel oder wenig existent ist wie alle mathematischen Objekte. Der formlose Inhalt ist rein begrifflich schon nicht denkbar, weil der Inhalt eben erst durch seine Form zum Inhalt – nämlich einer Form – wird. Inhalt ist in diesem Sinne da formende oder formgebende Prinzip.
Der Moderne nun sieht diesen engen Zusammenhang der beiden Kategorien offenbar nicht mehr und glaubt anscheinend, einer von beiden, der Form, den Vorzug geben zu können. Das hat einen einfachen Grund: der Inhalt einer Form bedarf immer einer Begründung und kann gemäß richtig und falsch beurteilt werden. Um ein einfaches Beispiel zu geben: Ist der Auftrag gegeben, eine mathematische Division durchzuführen, so kann man problemlos die richtigen Zeichen verwenden, und dennoch nicht angeben können, warum diese Schritte richtig sind. Dies mag etwa dann der Fall sein, wenn jemand auswendig Gelerntes hersagt. Von diesem würde man nicht sagen, dass er verstanden hat, was er tut. Aus diesem Grunde ist es etwa für Schauspieler so wichtig, die Rolle, die sie spielen, zunächst wirklich verstanden zu haben, bevor sie deren Text auswendig hersagen, da sie andernfalls wie bloße Marionetten wirken. Ja, es ist sogar das Kriterium für gutes darstellerisches Spiel, wenn Inhalt und Form zusammenpassen.
Der Inhalt, eine Begründung, kann richtig oder falsch sein. Sie wiederum bedarf einer Grundlage, auf der sie gegeben wird. Entscheidend aber ist: eine Begründung kann beurteilt und damit auch als falsch zurückgewiesen werden. Dies ist ja gerade, was der Moderne vermeiden möchte und so verlegt er sich eben auf die Form, von der er glaubt, darin ein sicheres Terrain gefunden zu haben, weil sie keiner Begründung bedarf. Der Moderne macht Bildungsabschlüsse, wodurch er viel weiß, außer, warum und was er da erlernt hat (siehe Fehlschluss von der Trennung von Wissen und Weisheit).
Er macht Geschäftsabschlüsse, doch weiß er gar nicht, was sie zur Folge und also welche Konsequenzen sie haben. Der Moderne glaubt, dass wenn er sich auf formale Richtigkeit beziehen kann, eine inhaltliche Richtigkeit daraus folgt. Doch das ist mitnichten der Fall. Besonders eklatant fällt dieser Irrglaube im beruflichen Zusammenhang auf. Entscheidend ist dort oftmals, wer als letzter im Büro das Licht ausmacht, wer am längsten arbeitet und die höchste Schlagzahl erreicht. Gut ist demnach, wer quantitativ und also formal messbar viel arbeitet. Dabei ist es doch schon eine Binsenweisheit, dass aus Quantität nicht auch Qualität folgt. Qualität ist dabei eine Eigenschaft, die einem Inhalt zukommt, wenn er in der ihm entsprechenden Form auftritt. In der Ästhetik gibt es ein Prinzip namens form follows function. Dieses Prinzip besagt, dass zunächst klar sein muss, welches Ziel erreicht werden soll und gegebenenfalls auch, welche Art der Zielerreichung als qualitativ gut gilt. Daraus folgt dann schließlich, welche Form erforderlich ist, um dieses Ziel zu erreichen. Das Zusammenspiel zwischen Form und Inhalt lässt sich in diesem Sinne als Eleganz definieren: elegant ist demnach, was mit angemessener Form ein gegebenes Ziel gut erreicht.
Auf die Arbeit bezogen heißt das, dass derjenige eine Aufgabe elegant löst, der die Aufgabe inhaltlich (also qualitativ) durchdringt und sie mit den erforderlichen Mitteln (quantitativ) löst. Eleganz darf jedoch keinesfalls mit Effizienz verwechselt werden. Effizienz ist ein Begriff der Wirtschaftswissenschaft, der immer schon unter monetärem Vorzeichen steht. Effizienz bedeutet nämlich schlicht, ein Ziel möglichst kostengünstig zu erreichen, was dieser Tage auch gern zulasten der Qualität gehen darf.
Gut arbeitet also eben nicht derjenige, der Zeit bloß absitzt (das meint das in Amerika verbreitete Konzept der facetime) oder einfach nur quantitativ lange arbeitet. Insbesondere letztere erscheint vor diesem Hintergrund gerade als schlechte Arbeit: Wer zu viel Zeit auf Arbeit verwendet, ist entweder nicht ausreichend kompetent für seine Aufgaben, nicht in der Lage abzuschätzen, wann er die Aufgaben allein nicht bewältigen kann, oder eben ganz modern pathologisch gestört, insofern er denkt, dass er dann gute Arbeit leistet, wenn er nur lange arbeitet. Arbeit selbst ist jedoch notwendig immer nur eine Form und kann deshalb schon rein begrifflich niemals gut sein. Denn Arbeit beschreibt schließlich nur einen Vorgang, der erforderlich ist, um etwas Bestimmtes zu erreichen. Arbeit ist immer final: das heißt, auf einen Zweck gerichtet. Ein Vorgang kann nur dann ein reiner Selbstzweck sein, wenn er eben nicht Arbeit ist: beim Spiel etwa oder bei der Meditation. Beides Tätigkeiten, die um ihrer selbst willen ausgeführt werden und gerade nichts anderes erreichen sollen (es wäre ein großes Missverständnis anzunehmen, dass man deswegen meditiert, um beispielsweise entspannt zu werden. Wer so an eine Meditation herangeht, hat ihr Wesen nicht verstanden. Man kann nicht meditieren, um zur Ruhe zu kommen, wie man sich nicht zwingen kann einzuschlafen. Fehlende Finalität ist ein wesentliches Merkmal von Spiel und Meditation.). In jedem Falle jedoch ist die Dauer der Arbeit kein sinnvolles Maß ihrer Güte.
Gut kann allein das Ergebnis der Arbeit sein (und in diesem Zusammenhang in gewissem Sinne die Arbeit selbst: man sagt beispielsweise manchmal: gute Arbeit! Gemeint ist damit aber, dass das Ergebnis des Arbeitsprozesses elegant erzeugt wurde). Elegant ist, wer dieses Ergebnis in jeder Hinsicht optimal herstellt.
Weil der Moderne jedoch den Maßstab für gute Arbeit verloren hat, ist er so versessen auf den Prozess des Arbeitens selbst. Doch wie im Grunde bedauernswert sind diejenigen, denen als einziges Kriterium für gute Arbeit deren Dauer oder die einfache Tatsache, dass man arbeitet, zur Verfügung steht und die deswegen in einem Fort betonen, wie viel sie doch arbeiten, um nach Anerkennung zu heischen (siehe Fehlschluss von der Verbindung von Erfolg mit Anerkennung). Diese Menschen können eigentlich niemals gute Arbeit leisten, da man immer noch mehr arbeiten kann (was sie dann ja auch tun, wie die steigenden Erkrankungszahlen an so genanntem Burn-Out nahe legen). Erst andere Kriterien können zeigen, wann etwas wirklich gute Arbeit ist – und die muss dann auch nicht notwendig lange dauern. Paul McCartney sind zum Beispiel einige der besten Beatles-Lieder in nur wenigen Minuten eingefallen.

2 Replies to “Fehlschlüsse der Moderne: Die Trennung von Form und Inhalt”

  1. Leider verstehen die meisten philosophisch orientierten Menschen zu wenig von (Meta-)Mathematik oder formaler Logik. Die dort gebräuchlichen Begriffe Syntax und Semantik sind durchaus geeignet, die hier geäußerten Meinungen zu stützen. Ganz besonders interessant dürften dabei die bereits in den 60/70-er Jahren im Zusammenhang mit Programmiersprachen gewonnenen Erkenntnisse sein, dass es prinzipiell unmöglich ist, Semantik vollständig zu formalisieren (= in Syntax zu gießen). In der Informatik hat man deshalb diesen Irrweg aufgegeben und zielt heute auf Sprachen mit einem ausgewogenen Syntax-Semantik-Verhältnis.
    Ich fände es interessant, diese Gedanken auf das Rechtswesen zu übertragen, wo – aus meiner laienhaften Sicht -, die Semantik manchmal etwas zu kurz zu kommen scheint.
    Insofern volle Zustimmung. Ich freue mich schon darauf, wenn irgendwo das nächst Mal verlangt wird, die Qualität zu messen…;-)

  2. Ich stimme dem Geschriebenen nicht zu und das eigentlich aus den gleichen Gründen, die „Jürgen Karl“ als Pro-Argumente sieht. Es gibt sehr wohl eine Trennung von Form und Inhalt. Sehr gut ersichtlich wird das bei den ganzen Markup-Formalismen bzw. Sprachen. Der absoluten Notwendigkeit der Trennung der Daten und der Meta-Daten. Des Textes und des Über-Textes. Wie sehr würde ich mir doch wünschen, dass manche WYSIWYG-verseuchten Büroarbeiter zumindest konzeptionell eine formal strikte(re) Trennung a la LaTeX kennen würden.
    Ein Webdesigner, der heutzutage keine gute Grenze zwischen Form und Inhalt ziehen kann ist ein schlechter bzw. arbeitsloser Webdesigner.

    Es tut mir leid, Form und Inhalt sind trennbar und sollten als trennbare Kategorien gesehen und behandelt werden. Das Postulat des Fehlschlusses ist in meinen Augen ein Fehlschluss.

Was meinen Sie?