Fehlschlüsse der Moderne: Präliminarien

Typisch für die Moderne sind einige Fehlschlüsse, die man allesamt als Fehlschlüsse der Trennung bezeichnen kann, weil sie unzulässigerweise trennen (oder auch Getrenntes verbinden). Typisch sind sie deswegen, weil Ihr Ursprung untrennbar verbunden ist mit dem Gründungsakt der Moderne und weil dementsprechend der Fehler, auf dem sie beruhen, der Moderne immanent ist. Man könnte also fast sagen, dass ein Moderner gar nicht umhin kann, diese Fehlschlüsse zu begehen, andernfalls wäre er kein Moderner.
Worin besteht nun das Gemeinsame dieser Fehlschlüsse? Rene Descartes, sozusagen der geistige Vater der Moderne, schied die res extensa von der res cogitans. Er Unterschied damit die räumlich ausgedehnten (extensa) Dinge von den denkenden (cogitans). Damit war zweierlei in der Welt: zunächst einmal war es neu, ein Seiendes in der Weise aufzuteilen, dass es quasi aus zwei Gegenständen besteht. Zuvor war es üblich, Seiendes als eines zu denken, dem verschiedene Attribute oder Aspekte zukommen. Das hatte den Vorteil, dass keine Erklärungsbedürftigkeit entstand, wie die beiden Gegenstände, aus denen das Seiende besteht, denn verbunden sind. (Dieses Problem musste Descartes nun auch lösen, was ihm nur sehr unbefriedigend gelungen ist, indem er behauptet hat, dass die Zirbeldrüse diese Verbindung herstellt). Weiterhin war die konkrete Unterscheidung in Körper und Denken neu und darf keinesfalls mit der bis dahin üblichen Unterscheidung zwischen Körper und Seele verwechselt werden, weil letztere eine weiter gehende Reduktion darstellt. Wurde das Denken bisher eben als Eigenschaft der Seele aufgefasst, verschwindet die Seele nun, der Mensch wird auf seinen Körper und das Denken reduziert.
In dieser neuen, cartesischen Unterscheidung liegt der Konstruktionsfehler der Moderne begründet: Es wird um der besseren Analysierbarkeit wegen getrennt, was sich nicht trennen lässt. Das Problem einer solchen Trennung lässt sich folgendermaßen umreißen: kam vormals der Seele neben dem Denkvermögen auch noch die Eigenschaft der Lebenskraft zu, eignet diese dem Denken nicht. Wo ist sie aber dann in der Moderne verortet? Descartes versucht sich in einer Antwort mit seinem berühmte Diktum aus seinen Meditationen „Ego cogito, ego sum“, das später in seiner Abhandlung Von der Methode des richtigen Vernunftgebrauchssogar zu einem – von ihm akzeptierten – Schluss „Cogito, ergo sum“ erweitert wurde. Descartes schließt also aus der Tatsache, dass er denkt darauf, dass er ist. Freilich handelt es sich hier nicht um eine logische Deduktion. Ohne zu weit vom eigentlichen Thema abschweifen zu wollen, sei an dieser Stelle doch immerhin erwähnt, dass Descartes‘ Meditationen auf einem so genannten methodischen Zweifel aufgebaut aufgebaut sind. Das heißt, Descartes will alles anzweifeln, was überhaupt nur angezweifelt werden kann. Dazu gehören auch die logischen Schlussregeln. Der Schluss „Ich denke, also bin ich“ ist aber nur die konkreten Anwendung eines logischen Schlusses der Form „Wenn etwas denkt, dann ist es. Ich denke. Also: ich bin“. Zweifelt man aber die Schlussregeln an, lässt sich auch kein objektiver Beweis mehr führen. Descartes führt also folgerichtig keinen Beweis (und präsentiert damit kein Wissen), sondern was er durch sein Argument gewinnt, ist lediglich subjektive Gewissheit.
In Auseinandersetzung mit Descartes und diesem Argument stellt der amerikanische Philosoph Gilbert Ryle in seiner Schrift The concept of mind (vgl. dazu S. 13ff.) nun aber fest, dass Descartes dabei ein so genannter Kategorienfehler unterläuft. Das heißt: Descartes schließt unzulässigerweise von einer Kategorie (dem Denken) auf eine andere (das Sein), ohne dass gezeigt wäre, wie beide Kategorien verbunden sind.

Der Clou, auf den Ryle meiner Kenntnis nach nicht hinweist: diese Verbindung lässt sich ausgehend von der cartesischen Methode auch nicht ausweisen, denn um das zu tun, müsste ja bereits die Möglichkeit eines entsprechenden Beweises zugestanden sein und damit das, was eigentlich erst noch (durch das Cogito-Argument) bewiesen werden soll. Die Folge: ein Zirkelschluss. Descartes – und mit ihm die Moderne, die ja auf genau diesen Annahmen ruht – hat also die Wahl, die zuvor eingeführten Trennung durch einen Zirkelschluss oder einen Kategorienfehler zu überwinden, was beides gleichermaßen unbefriedigend ist. Descartes unternimmt bekanntlich letzteres.
Das Problem dieser Trennung ist das Erbe, das Descartes der Moderne und den Modernen aufgebürdet hat. Sie ist seither konstitutiv für die Lebenswirklichkeit des Modernen: Der Moderne hat das Sein so lange zerlegt und zergliedert, bis es in mannigfache Kategorien zerfallen ist, die scheinbar nichts mehr miteinander zu tun haben. Ihre Verbindung zueinander ist dem Modernen nicht mehr bekannt und doch besteht sie. Die Folge ist eine ständige Konfusion dergestalt, dass er entweder Kategorien miteinander verbindet, die nichts miteinander zu tun haben, oder Kategorien trennt, die doch eine Verbindung haben.
Die sich daraus ergebenden Fehlschlüsse haben alle gemein, dass sie aus einer solchen unzulässigen Trennung oder Verbindung resultieren. Allerdings unterscheiden sie sich jeweils im Detail, weswegen im Folgenden einige von ihnen exemplarisch vorgeführt werden.

Die wichtigsten modernen Fehlschlüsse sind:

Fehlschluss von der Trennung von Form und Inhalt

Fehlschluss von der Trennung von Wissen und Weisheit

Fehlschluss von der Verbindung von Erfolg mit Anerkennung

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