Die Form der Moderne ist der Fortschritt

Der am häufigsten vom Modernen begangene Fehlschluss ist derjenige von der Trennung von Inhalt und Form. Gemeint ist an dieser Stelle ein Fehlschluss, der von einem einzelnen begangen wird. Nun besteht eine Gesellschaft aber aus zahlreichen einzelnen Menschen und diese prägen, was oftmals leicht vergessen wird, durch ihr je eigenes Handeln die Gesellschaft. So hat jeder auf seine Weise Einfluss auf die Verfasstheit der Welt, in der er lebt. Umgekehrt wird er selbstverständlich auch von der gesellschaftlichen Realität beeinflusst. Es besteht hier also ein Wechselverhältnis, das zu beschreiben nicht ganz einfach ist. Im Rahmen der (später auf diesem Kanal noch zu erfolgenden) Besprechung des neuen Buches von John Searle: Wie wir die soziale Welt machen, worin es um dieses Thema geht, wird noch Gelegenheit zur vertieften Erörterung dieser Problematik sein.
Vorerst möge die Feststellung reichen, dass der einzelne mit der sozialen Realität, in der er lebt, eng verbunden ist. Vor diesem Hintergrund kann es kaum verwundern, warum der Moderne den besagten Fehlschluss begeht und fortwährend versucht, der Form den Vorzug vor dem Inhalt zu geben: Die Form ist das leitende Prinzip der Moderne: sie ist wesentlich Form. Folglich werden ehedem formale Eigenschaften wie arbeiten oder fortschreiten, die irgendwelchen menschlichen Tätigkeiten zukamen, die auf ein je eigenes Ziel gerichtet waren, nun zur Form dieser Tätigkeiten selbst und das heißt die Form wird zu ihrem Zweck.

Mit anderen Worten: Ein Forscher, der beispielsweise wissen wollte, wie sich ein bestimmtes Metall unter bestimmten Bedingungen verhält, hat durch seine Forschung gearbeitet und der Kenntnisstand seiner Disziplin ist dadurch zugleich fortgeschritten. Etwas wissen zu wollen war der Antrieb seiner Tätigkeit. In der Moderne hat sich das Verhältnis umgekehrt: Der Antrieb der Tätigkeit ist nun, Fortschritt erzielen zu wollen oder Arbeiten zu wollen (um beispielsweise etwas zu haben, von dem man sagen kann, es gäbe seinem Leben einen Sinn). Es ist also nicht mehr eine Eigenschaft einer Tätigkeit, dass man dadurch fortschreitet, sondern umgekehrt wird die Tätigkeit unternommen, um fortzuschreiten und nicht mehr, um ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen. Fortschritt ist nicht mehr eine Folge einer Tätigkeit, sondern ihr Ziel. Ludwig Wittgenstein hat diesen Wandel in den 1930er Jahren bereits beschrieben:

Unsere Zivilisation ist durch das Wort Fortschritt charakterisiert. Der Fortschritt ist ihre Form, nicht eine ihrer Eigenschaften, daß sie fortschreitet. Sie ist typisch aufbauend. Ihre Tätigkeit ist es ein immer komplizierteres Gebilde zu konstruieren. Und auch die Klarheit dient doch nur wieder diesem Zweck & ist nicht Selbstzweck. (Vermischte Bemerkungen, Suhrkamp, 1994, 30f)

Nicht mehr nur die einzelnen Modernen, die den Begriff für den Inhalt ihres Lebens und ihrer Tätigkeiten verlieren, sind folglich auf einem Irrweg, sondern es ist die ganze Epoche. Das Bizarre daran ist bloß, dass der Glaube an unbegrenzten Fortschritt tatsächlich keine Folge moderner Tätigkeiten ist, sondern deren Antrieb – es ist der Moderne inhärent eingeschrieben.
Was tun? Ein Anfang wäre die Rückbesinnung auf die Tätigkeiten und ihren jeweiligen Zweck. Werden die Tätigkeiten wieder Selbstzweck, werden sie wieder um ihrer selbst oder ihres eigentlichen Zieles willen unternommen, besteht die Hoffnung, ihren Wert wieder soweit ins Blickfeld zu rücken, wie es ihnen gebührt. Viele Moderne klagen schließlich darüber, dass sie oftmals den Sinn ihres Tuns nicht mehr erkennen können. Das kann ja auch nicht verwundern, denn Sinn ist eine Eigenschaft, die einem Inhalt zukommt und keiner Form. Ist das Wesen moderner Tätigkeit aber bloß eine Form, muss diese notwendig sinnlos sein.
In diesem Sinne setzt auch Wittgenstein fort:

Mir dagegen ist die Klarheit, die Durchsichtigkeit, Selbstzweck. Es interessiert mich nicht ein Gebäude aufzuführen sondern die Grundlagen der möglichen Gebäude durchsichtig vor mir zu haben. Mein Ziel ist also ein anderes als das der Wissenschaftler & meine Denkbewegung von der ihrigen verschieden. (ebd.)

Die Analogie zur Errichtung eines Gebäudes erweist sich für die Sache als überaus fruchtbar. Ist nur der Fortschritt das Kriterium moderner Tätigkeit, dann ist deren Maß, wie schnell oder wie hoch das Gebäude wird. Wie das Gebäude errichtet wird, wird dann zu notwendigem instrumentellen Wissen, das aber nur so weit vorhanden ist, wie es zum Bau des Gebäudes eben erforderlich ist. Alles, was darüber hinaus geht, wird als irrelevant betrachtet. Dies genau ist der Zustand moderner Handwerker, Techniker oder Wissenschaftler. Sie alle wissen auf ihrem Gebiet gerade so viel, wie für ihre Tätigkeit eben erforderlich ist. Ärzte beispielsweise, die sich im Zusammenhang mit ihrer Tätigkeit ständig in ethisch schwierigen Bereichen bewegen, haben im Regelfalle keine Ausbildung in Ethik genossen. Viele Tischler wissen von ihrem Beruf nicht mehr, als für ihre aktuellen Aufgaben, die sich all zu oft auf das Einsetzen von Fenstern und Türen beschränken, erforderlich ist. Ein Möbel zu bauen, das gemäß alten Traditionen konstruiert ist, überfordert so manche bereits. Desgleichen ist es schwierig, einen Uhrmacher zu finden, der willens und in der Lage ist, eine Uhr mit Spindelhemmung zu reparieren, obwohl diese eine – zwar veraltete, aber – grundlegende Technik seiner Kunst ist.
Diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Gemeinsam ist allen: gelernt wird nicht, um ein Fach zu verstehen – wodurch das Fach zu einem Selbstzweck wird –, sondern um es soweit ausüben zu können, wie es gerade erforderlich ist – wodurch das Fach zu einem bloßen Zweck wird.
Das Handwerk der Moderne (zu dem an dieser Stelle alle auf einen Zweck gerichteten Tätigkeiten gezählt werden) weiß in der Folge nicht mehr, warum es tut, was es tut (vgl: Richard Sennett: Handwerk). Dementsprechend ist Ratlosigkeit das Resultat, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, das mit dem begrenzten modernen, instrumentellen Wissen nicht behandelt werden kann.
Darin ist die Denkweise der Moderne unterschieden von derjenigen, die die Grundlagen eines Faches ergründen will, um es wirklich zu verstehen. Es handelt sich hier um zwei verschiedene Denkbewegungen oder auch Haltungen.

Vor diesem Hintergrund lässt sich auch eine Frage beantworten, die mich von meiner verehrten Kollegin Petra Sorge erreicht hat und die ich sinngemäß so zusammenfassen möchte (ich hoffe, liebe Petra, du bist mit der Formulierung einverstanden): Was ist denn die Konsequenz aus der Kritik an der Moderne? Wie kann denn der Moderne etwas ändern? Er kann doch nicht einfach alles lassen, was er tut.

Nein, das kann er nicht. Die Frage ist aber, mit welcher Haltung er an die Welt herantritt. Aus unterschiedlichen Haltungen erwachsen nämlich unterschiedliche Handlungen und damit auch unterschiedliche Konsequenzen. Die Frage also ist nicht: Was will ich erreichen (welche Konsequenzen), sondern: welche Haltung will ich zur Welt einnehmen? (Welche Haltung erscheint mir als die richtige?) Daraus ergibt sich alles Weitere. Die Denkbewegungen der Moderne und der Unmoderne, wie ich sie einmal nennen will, gehen also in verschiedene Richtungen: Die eine denkt vom Anfang her (die Unmoderne), die andere vom Ende (die Moderne).

Was meinen Sie?