Die unsichtbare Hand und das Schwarmhandeln

Oft sind dieser Tage Sätze wie diese zu hören oder zu lesen:

(a) Die Märkte erwarten etwas von der Politik.

(b) Die Wirtschaft muss sich auf niedrige Steuersätze verlassen können.

Nun, was sollen solche Sätze eigentlich bedeuten?

Der Satz Hans erwartet, dass eine Behörde seinem Antrag entspricht ist durchaus verständlich und sinnvoll. Für alle drei darin verwendeten Namen beziehungsweise Kennzeichnungen Hans, eine Behörde und Antrag lassen sich die jeweiligen Bedeutungen im Bedarfsfalle klar angeben und schon ist klar, wer hier was zu tun hat beziehungsweise über wen hier etwas ausgesagt wird.

Bei den Sätzen (a) und (b) ist das anders. In beiden kommen so genannte abstrakte Begriffe vor, die sich jeweils auf eine Klasse von Gegenständen oder Eigenschaften beziehen und sogar personalisiert verwendet werden. Das Bizarre in diesem konkreten Fall ist, dass selbst dann, wenn es möglich wäre, wirklich alle Gegenstände zu nennen, auf die beispielsweise mit dem Sammelbegriff Wirtschaft Bezug genommen wird, immer noch nicht entscheidbar wäre, ob der Satz nun sinnvoll ist oder nicht. Denn die einzelnen Wirtschaftsbetriebe bilden ja keinen einzigen, gleichsam „Durchschnittswillen“, sondern das Resultat wäre eine Menge von Einzelwillen. Es ist schließlich klar, dass bei mehreren hunderttausend Wirtschaftsbetrieben zahlreiche verschiedene Meinungen zu einer Frage bestehen. Eine Verallgemeinerung in einem strengen Sinne, dass die Wirtschaft etwas will oder nicht will, ist demnach also schlechterdings sinnlos. Offenbar handelt es sich lediglich um eine politische Phrase, einen Slogan, der dem geäußerten Satz rhetorisch Gravität verleihen soll, die anstelle konkreter Argumente eingesetzt wird.

Allerdings gibt es eine Möglichkeit, die personalisierte Rede von den Märkten oder der Wirtschaft zu erklären. Jedoch zeigt bei genauerer Analyse, dass gerade diese Erklärung darauf hinausläuft, warum eine solche Rede wie in den Sätzen (a) oder (b) in der Sache verfehlt ist und im Grunde genommen die eigentliche Intention konterkariert.

Den Weg zu einer solchen Erklärung bereitet eine Passage aus dem Werk Der Wohlstand der Nationen des Ökonomen Adam Smith:

In einer zivilisierten Gesellschaft ist der Mensch ständig und in hohem Maße auf die Mitarbeit und Hilfe anderer angewiesen […], wobei er jedoch kaum erwarten kann, daß er sie allein durch das Wohlwollen der Mitmenschen erhalten wird. Er wird sein Ziel wahrscheinlich viel eher erreichen, wenn er deren Eigenliebe zu seinen Gunsten zu nutzen versteht, indem er ihnen zeigt, daß es in ihrem eigenen Interesse liegt, das für ihn zu tun, was er von ihnen wünscht. Jeder, der einem anderen irgendeinen Tausch anbietet, schlägt vor: Gib mir, was ich wünsche, und du bekommst, was du benötigst. Das ist stets der Sinn eines solchen Angebotes, und auf diese Weise erhalten wir nahezu alle guten Dienste, auf die wir angewiesen sind. Nicht vom Wohlwollen, des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, daß sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen. Wir wenden uns nicht an ihre Menschen-, sondern an ihre Eigenliebe, und wir erwähnen nicht die eigenen Bedürfnisse, sondern sprechen von ihrem Vorteil. (Adam Smith, Der Wohlstand der Nationen [1789] 1-2, 16f., München 2005)

Der Hauptpunkt dieses Arguments besteht darin, dass der einzelne nicht handelt, weil er so handeln will (weil ihm etwa die Handlungen selbst oder die jeweils damit erreichten Ziele einen Wert haben), sondern weil er ein bestimmtes Ziel erreichen will, zu dem ihm diese Handlungen ein Mittel sind. Der Brauer oder Metzger will seine Interessen, in diesem Falle wohl, genug Geld zu haben, um leben zu können, verfolgen und unternimmt das Erforderliche, um dieses sein Ziel zu erreichen. Daraus folgt zugleich, dass beispielsweise die Tätigkeiten des Metzgers ihm nicht als eben diese Tätigkeiten etwas bedeuten – er unternimmt sie nicht um ihrer selbst willen, sondern nur um sein eigentliches Ziel zu erreichen. Sein eigentlicher Antrieb dafür, gutes Fleisch zu verkaufen, besteht also nicht darin, dass er gutes Fleisch verkaufen will, sondern darin, möglichst viel Umsatz zu machen. Die Qualität seines Angebots ist ihm dazu letztlich bloß ein Mittel.

Dieser Umstand birgt selbstverständlich ein Problem, denn im eigentliche Sinne gewollt ist nur das Ziel eines Unternehmens, um bei diesem Beispiel zu bleiben. Problematisch ist das deshalb, weil man in einem strengen Sinne nur dafür ethisch verantwortlich gemacht werden kann, was man vorsätzlich getan hat – in diesem Falle ist das das Unternehmensziel. Die mit der Erreichung dieses Ziels einher gehenden Handlungen werden dann oftmals gleichsam als ein notwendiges Übel in Kauf genommen und dem Unternehmensziel untergeordnet, als gäbe es dazu keine Alternative, weshalb eine ethische Beurteilung eben dieser Handlungen als unzulässig erscheint.

Eine Bemerkung am Rande: Die Einsicht, dass freilich sämtliche Handlungen eines Unternehmens ethisch zu bewerten sind, setzt sich immer mehr durch. So gibt es mittlerweile namhafte Unternehmen, die sich explizit vorgenommen haben, ihr Unternehmensziel unter ethischen Gesichtspunkten zu erreichen – was keinesfalls selbstverständlich oder der Regelfall ist. Dies sind etwa der Outdoorhersteller Patagonia oder die Drogeriekette dm. Wer sich für Fragen der Art, ob und inwieweit Unternehmen ethische Akteure sind, interessiert, sei an die Studie Unternehmen als moralische Akteure von Christian Neuhäuser verwiesen.

Zurück zur eigentlichen Frage: Aus der Feststellung, dass ein Unternehmen kein großes Augenmerk auf die Handlungen legen muss, mit denen es sein Ziel erreichen will, folgt für Adam Smith jedenfalls, dass es dadurch zu Handlungen kommt, die nicht immer abzusehen oder geplant waren, weil dem Unternehmen sozusagen jedes Mittel recht ist, um das gegebene Ziel zu erreichen. Die Handlungen, die nur als Mittel ausgeführt werden, um einen Zweck zu erreichen, sind aber nicht selbst unbedingt wertvoll, weil sie eben nicht um ihrer selbst willen als Ausdruck des unternehmerischen Handeln getan werden. Genau dadurch kommt es zu in diesem Sinne nicht-intendierten Handlungen (man beachte diese contradictio in adjeto), die entsprechend außer den beabsichtigten noch weitere Folgen haben können. Dennoch sind diese Handlungen in einer Weise gerichtet, eben weil sie ja vorsätzlich unternommen werden – allerdings nicht um ihretwillen, sondern zur Erreichung eines Zieles. Wenn man unterstellt, dass aus den genannten Gründen alle so handeln, ergibt sich also eine Menge gerichteter, aber nicht als solche intendierter Handlungen. Smith hat für dieses Phänomen die berühmte Metapher der unsichtbaren Hand geprägt, die den Akteur leitet:

Er wird in diesem wie auch in vielen anderen Fällen von einer unsichtbaren Hand geleitet […]. (ebd., 4-2, München 2005)

Mit Hilfe dieses Konzepts der unsichtbaren Hand lässt sich eine Bestimmung des so genannten Schwarmhandelns angeben. Die unsichtbare Hand meint danach, einfach gesprochen, dass Akteure ihr jeweiliges Ziel verfolgen und, um das zu erreichen, sich die ihrer Auffassung nach beste Möglichkeit dazu heraussuchen und diese realisieren. Dies ist genau die Bestimmung eines Schwarms: Ein Schwarm besteht immer aus einer Gruppe, deren Mitglieder dasselbe Ziel teilen und dieselbe Methodik beherrschen, weshalb sie sich aneinander orientieren (oder sich in ihrer „Arbeitsweise“ gleichen). Auf diese Weise entsteht eine große, gerichtete Bewegung, die aus einzelnen Handlungen entstanden ist, die wiederum ihrerseits nicht direkt beabsichtigt waren, sondern einzig der Erreichung des Zieles dienten.

Das Prinzip der unsichtbaren Hand weist also den Weg hin zu einer Theorie des Schwarmhandelns oder des Schwarmverhaltens. Das Konzept des Schwarmhandelns ist einfach ein Erklärungsmodell, wie Handlungen von Gruppen funktionieren, die aus einzelnen Mitgliedern bestehen, die hinsichtlich ihres Ziels und ihrer Methodik gleich sind, aber eigenständig handeln. Kennt man in so einem Falle das Ziel und die Methodik dieser Gruppe, kann man auf deren handlungsleitende Prinzipien schließen. Umgekehrt lässt sich von beobachteten Prinzipien darauf schließen, welches Ziel unter Anwendung welcher Methodik die Gruppe zu erreichen versucht. Wichtig ist für das Konzept des Schwarmhandelns, dass die einzelnen Akteure nicht gemeinsam handeln. Tatsächlich sind ihre Handlungen entsprechend der Theorie des Schwarmhandelns bloß gleichförmig. Mit Hilfe dieser Theorie lassen sich solche Handlungsmuster beschreiben (die Theorie ist deskriptiv).

Das Konzept des Schwarmhandelns darf nicht mit der derzeit viel diskutierten Schwarmintelligenz verwechselt werden, die ein Spezialfall des Schwarmhandelns ist. Schwarmhandeln muss nämlich nicht notwendig intelligent sein. Im Gegenteil ist es das oftmals nämlich gerade nicht (wie im Übrigen auch die Schwarmintelligenz, aber aus anderen Gründen). Wenngleich an dieser Stelle selbstverständlich nicht abschließend erörtert werden kann, was Intelligenz bedeutet, so diene doch für die hier verfolgten Zwecke als eine vorläufige und eingeschränkte Definition von Intelligenz diese: Intelligenz ist die Fähigkeit, auf Zwecke zu reflektieren und diese unter bestimmten Gesichtspunkten zu beurteilen oder gegeneinander abzuwägen (Mit anderen Worten: Intelligenz ist die Fähigkeit, die Gültigkeit von Induktionsschlüssen zu bewerten, hierin folge ich der Bestimmung des amerikanischen Philosophen Hilary Putnam aus seinem Buch „Für eine Erneuerung der Philosophie„).

Der Unterschied zwischen Schwarmintelligenz und Schwarmhandeln besteht gemäß dieser Definition also darin, dass beim Schwarmhandeln die Akteure im Regelfalle gerade nicht auf Zwecke reflektieren (und dies auch nicht gefordert ist!) und es daher auch nicht intelligent ist. Mit Schwarmintelligenz werden dagegen solche Prozesse bezeichnet, in denen kollektiv auch auf Zwecke reflektiert wird. Schwarmintelligenz ist also intentional, weil eben die zu erreichenden Zwecke ebenfalls Gegenstand des Schwarmprozesses sind. Während die Theorie des Schwarmhandelns kollektive Verhaltensweise nur beschreibt, werden im Falle von Prozessen der Schwarmintelligenz auch die Ziele des Handelns festgelegt. Damit bekommen letztere auch eine ethische Dimension.

Einen genaueren Eindruck davon, wie Schwarmhandeln, das auch im Zusammenhang mit den Stichworten kollektives Handeln oder kollektive Intentionalität diskutiert wird, funktioniert, gibt der einschlägige und sehr erhellende Aufsatz zur Entscheidungstheorie des Groninger Soziologen Siegwart Lindenberg, der auch auf weitere Quellen verweist.

Die Überlegungen zum Schwarmhandeln lassen sich nun auf Fragen wie die eingangs gestellten übertragen. Der Satz „Die Wirtschaft (oder: die Märkte) erwartet etwas von der Politik“ lässt sich dann folgendermaßen analysieren:

Eingedenk dessen, dass die Wirtschaftswissenschaft heute immer noch lehrt, dass das Ziel wirtschaftlichen Handelns ist, aus Geld mehr Geld zu machen, verfolgen die Unternehmen somit dasselbe Ziel und in Form der Praxis unternehmerischen Handelns teilen sie auch dieselbe Methodik. Die Wirtschaftsunternehmen bilden in diesem Sinne einen Schwarm. Mit Hilfe der Theorie des Schwarmhandelns lässt sich nun darauf schließen, dass die Unternehmen den für sich besten Weg suchen werden, dieses Ziel zu erreichen. Die Prinzipien, denen sie dabei folgen, legen sie entsprechend dem Gesagten keine eigenständige Relevanz bei, sondern verstehen sie nur als Mittel zum Zweck, ihr Ziel zu erreichen. Aus diesem Grund darf man annehmen, dass sie nur solche Prinzipien wählen werden, die schon bekannt sind und die daher ohne großen Aufwand zur Verfügung stehen. Prinzipien solcher Art sind entweder üblich oder stehen zumindest nicht in grobem Widerspruch zu den allgemein anerkannten Praktiken. Mit anderen Worten: sie entstammen dem Zeitgeist oder der Strömung der jeweiligen Epoche.

Im Falle der Wirtschaft entstammen sie dem Geist der Moderne (der bereits hinreichend Thema war), die wohl durch keinen anderen Satz so sehr auf den Punkt gebracht worden ist, wie durch Benjamin Franklins Diktum: „Zeit ist Geld“ aus dem Jahre 1748. In Anbetracht der besonderen Bedingungen des Kapitalismus (in dessen Zentrum dieses Diktum verortet ist) und der Globalisierung kam es davon ausgehend zur Herausbildung des leitenden ökonomischen Handlungsprinzips, das Effizienz heißt. Effizienz meint nichts anderes, als dass alle Kostenfaktoren billig sein und alle (Produktions-)Prozesse schnell gehen müssen. Schnell und billig – so lassen sich demnach (für den größten Teil der Wirtschaft) die Anforderungen an modernes Wirtschaften charakterisieren. Hierbei handelt es sich um ein formales Prinzip und das heißt: es ist nicht ethisch. Die Theorien der Wirtschaftswissenschaft, so verstanden, fragen also nicht, ob die Bedingungen, die durch die Forderung nach Schnelligkeit und billigem Preis bei den Produzenten entstehen, gut sind oder nicht. Abweichungen von diesem verhalten sind allenfalls dann möglich, wenn durch geringere Geschwindigkeit oder höheren Produktionspreis am Ende ein signifikant höherer Erlös mit dem so gefertigten Produkt erreicht werden kann – also ebenfalls nicht aus ethischen Gründen. Die Konsequenzen eines solchen Handeln können regelmäßig der Tagespresse entnommen werden.

Schwarmtheoretisch lässt sich festhalten: Kennt man das Ziel (Aus Geld mehr Geld machen) und weiß man, wie die Akteure funktionieren (die Praxis unternehmerischen Handelns) und welchen Prinzipien sie folgen (schnell und billig), dann lässt sich das Verhalten der Wirtschaft bis zu einem gewissen Grad modellieren und beschreiben. Solche Beschreibungen stellen aber jeweils keine Forderungen dar, sondern schlichtweg Beschreibungen dessen, wie einzelne Wirtschaftsunternehmen in ihrer Gesamtheit handeln. Umgekehrt lassen sich dadurch bestimmte Verhaltensmuster auch erklären oder bis zu einem gewissen Grad vorhersagen.

Sagt man nun also den Eingangssatz: „Die Märkte erwarten etwas von der Politik“, dann ist das selbstverständlich Unsinn. Die Märkte oder die Wirtschaft gibt es nicht, weshalb sie schlechterdings auch nichts erwarten können. Dass sich die Gesamtheit der einzelnen Wirtschaftsunternehmen aus den diskutierten Gründen in einer bestimmten Weise verhält, ist eine Beschreibung. Aus einer Beschreibung, die zunächst einmal ethisch neutral ist, kann aber niemals eine ethische Forderung folgen. Doch genau die wird impliziert, wenn man sagt: „Die Märkte erwarten etwas von der Politik. Dann nämlich wird ein ethisches Subjekt konstruiert, dem man etwas schuldig sein kann, weil es ja etwas erwartet.

Ein solcher Satz dient also keinem anderen Zweck als der Verschleierung der eigentlichen Absichten des Urhebers dieses Satzes. Der möchte nämlich eigentlich sagen: „Ich (oder wir) bin der Auffassung, dass es zur Förderung der Wirtschaft erforderlich ist, x zu tun.“ Doch um seine Meinung nicht als bloße Meinung (und in der Politik gibt es nichts anderes als Meinungen! – das ist ja das Wesen der Politik) erscheinen zu lassen, wird ein ethisches Subjekt konstruiert, dem man etwas schuldig sei und dessen Erwartungen man nicht missachten dürfe, und folglich geht es gar nicht anders, als x zu tun. Wer so redet, der drückt dadurch zugleich auch seine Zustimmung für den Status quo, in diesem Falle der Verfasstheit der Wirtschaft, aus. Außerdem manövriert er sich selbst in eine schwierige Lage: Schwenkt er auf einen ethischen Diskurs ein, lässt sich selbstverständlich fragen, ob die Märkte denn zu Recht x erwarten. Eine Antwort hierauf kann selbstverständlich sein, dass derjenige, der sich in seinem Handeln keinen ethischen Grundsätzen verpflichtet fühlt (wie die meisten der gegenwärtigen Wirtschaftsunternehmen, insbesondere die Banken, die maßgeblich für die aktuelle Krise verantwortlich sind) auch keinen Anspruch hat, dass ihm geholfen wird, so lange er sich nicht den geltenden ethischen Standards unterwirft. Eine solche Position – im Groben – vertritt etwa der Gründer des Drogeriemarktes dm Götz Werner.

Dass es nun einer so langen Analyse bedurfte, um Sätze der Art der Eingangssätze als Unsinn und rhetorisch zu erkennen, erklärt zugleich, warum solche Sätze überhaupt geäußert werden. In einer Zeit, in der alles schnell und billig gehen muss, ist oftmals schlicht nicht die Ruhe für eine entsprechende Untersuchung.

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