Wer noch aus Interesse an der Sache forscht, ist nicht modern

Wissenschaft, so meint der Laie vielleicht, diene dazu, genau herauszufinden, wie es sich mit bestimmten Dingen verhält. Richtige Wissenschaft – da denken diejenigen, die sich schon ein wenig mit dem Thema befasst haben, vielleicht an solche Ideen, wie sie auch von Wilhelm von Humboldt überliefert sind – müsse sich mit ihrem Gegenstand zweckfrei beschäftigen.

Zweckfrei, also nicht zweckgebunden. Gemeint ist damit, dass Wissenschaft nicht deshalb betrieben werden soll, um gezielt etwas herauszufinden. Nun wird  Wissenschaft selbstverständlich immer aus einem bestimmten Zweck heraus betrieben. Dieser Zweck aber ist ganz allgemein, um Erkenntnisse zu gewinnen. Auch eine Spezifikation auf eine bestimmte Richtung oder ein Fragenspektrum fallen immer noch unter die Anforderungen zweckfreier Wissenschaft. Es gibt aber einen Unterschied zwischen Wissenschaft und Forschung: Forschung wird mit einem ganz konkreten Ziel betrieben, das eben nicht primär der Erkenntnisgewinn ist, sondern etwa, einen neuen Klebstoff zu gewinnen, der anschließend vermarktet werden soll. Forschung und Wissenschaft darf man niemals verwechseln. Das hat Gründe, die darauf abstellen, dass es Forschung niemals geben kann, ohne vorher Wissenschaft betrieben zu haben. Die zwei wichtigsten sind:

  1. Zweckgerichtete Forschung trägt zum Gebäude der Wissenschaft fast nichts bei. Die Wissenschaft ruht einem Haus gleich auf einem Fundament. Die Innendekoration kann man also nur deshalb so genau angehen, weil vorher mit grober Kelle das Fundament gebaut wurde. Es versteht sich von selbst, dass man nicht mit der Inneneinrichtung beginnen kann. Zweckgerichtete Forschung ruht, überträgt man dieses Bild auf die Wissenschaft, notwendig auf dem Fundament zweckfreier Wissenschaft. Erst diese schafft eine Basis, von der ausgehend man Spezialfragen überhaupt erkennen und wissenschaftlich angehen kann.
  2. Wissenschaft hat die Eigenschaft, dass man vorher nicht wissen kann, zu welchem Ergebnis sie führt. Das ist aus wissenschaftstheoretischen Gründen notwendig der Fall. Zweckgerichtete Forschung kann es vor diesem Hinterrund also nur dann geben, wenn man die Forschungsfragen zu Gunsten des Erfolgs und der wissenschaftlichen Handhabbarkeit so sehr einengt, dass die Aussagekraft dieser Untersuchungen sehr gering ist.

Insbesondere die letztgenannte Praxis ist in den Ausbildungsstudiengängen, also denjenigen wissenschaftlichen Fächern, die gezielt auf einen definierten Beruf vorbereiten (insbesondere Medizin, Jura, Wirtschaftswissenschaft), bereits länger schon üblich, da hier oftmals der Titelerwerb das Ziel der Tätigkeit ist, nicht der Erkenntnisgewinn. Es kann vor diesem Hintergrund auch kaum verwundern, dass die jüngste Diskussion um zu Unrecht verliehene Doktorgrade eben Personen betraf, die gerade solche Fächer studiert hatten, die zu den Ausbildungsstudiengängen zählen. Daraus ließe sich freilich noch das Argument gewinnen, dass insbesondere dann, wenn Wissenschaft zu anderen Zwecken als dem bloßen Erkenntnisgewinn betrieben wird, die nötige und geforderte Sorgfalt bisweilen (vorsätzlich) missachtet wird.

Nun ist das Prinzip der Moderne die Effizienz und ihre Form der Fortschritt. Es ist klar, welche Konsequenzen das für die ehemals freie Wissenschaft haben muss, von der nunmehr Ergebnisse erwartet werden, die in Form von Benchmarks miteinander verglichen werden können. Ein solcher Irrweg bedeutet über kurz oder lang das Ende der Wissenschaft. Dementsprechend liest sich der Bericht der Autorin eines Artikels in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über eine Veranstaltung an ihrem Graduiertenkolleg mit ungläubigem Erschrecken:

Der mitreißende Schwung seiner [des Gastredners, T.W.]  Worte, seine Gesten Marke netter Onkel eröffneten mir ganz neue Perspektiven auf Sinn und Zweck von Wissenschaft. Begriffe wie „Freiheit der Forschung“ verblassten völlig neben der Vorstellung von „Wissenschaft als Dienstleistung“. Irrte ich bisher darin, dass das intrinsische Interesse eines jeden Forschers darin bestehe, möglichst genau herauszufinden, was es mit einem bestimmten Gegenstand auf sich habe, so wurde mir als Nachwuchswissenschaftlerin nun enthüllt, dass der Anspruch, irgendetwas hervorzubringen, das eine längere Halbwertszeit als fünf bis zehn Jahre habe, längst nicht mehr up to date sei. Statt auf die lästige Qualität solle ich lieber auf die Quantität meiner Publikationen schauen.

Das Ziel, das dahinter steht, klar: sind die Wissenschaften endlich in Forschungsdisziplinen und Ausbildungsstudiengänge umgewandelt, dann erhöht sich auch endlich die Effizienz und damit zugleich die so genannte Forschungsrendite, also das Verhältnis von Investitionen in die Wissenschaft zu dem Ertrag, den ihre Forschung einbringt.

Um dieses Ziel auch möglichst rasch zu erreichen, werden sowohl Doktoranden als auch angehende Studierende sogleich entsprechend indoktriniert. Die bereits erwähnte Autorin erhielt beispielsweise auf besagter Tagung praktische Tipps, um ihre persönliche Karriere – und um nichts anderes geht es dem Modernen ja – möglichst effizient zu verfolgen (und mit ihren Arbeitsergebnissen selbstverständlich rasch und viel Geld zu machen):

Vom „career service“ lernt man etwa, dass allzu eigensinnige Forschungsinteressen leicht die Laufbahn stören und es besser ist, sich möglichst schnell an allgemeine Strömungen „anzudocken“.

Das Ergebnis so verstandener Wissenschaft sind beispielsweise die Publikationen eines beliebigen Graduiertenkollegs, die ein gegebenes Thema lediglich immer weiter zersplittern, um auf diese Weise noch ein wenig Neues sagen zu können und die Karriere ihres Verfassers rasch zu befördern.

Undenkbar wäre heute, was vor Jahrzehnten noch üblich war: Wissenschaftler, die nur wenig publizierten, weil sie über ihr Thema eben sehr genau nachdachten. Ein Mathematiker wie Kurt Gödel hat nur zwei wichtige Aufsätze veröffentlicht, die aber haben die Welt revolutioniert. Ludwig Wittgenstein hat gar nur ein wissenschaftliches Buch publiziert – er hat damit ebenfalls die Wissenschaft revolutioniert. Die Liste ließe sich fast beliebig erweitern.

Heute dient Wissenschaft offenbar bloß noch dem einzelnen Individuum und der Vergrößerung seines eigenen Ansehens. Damit das auch jeder Studienanfänger sogleich versteht und nicht etwa auch nur einige Seminare in seiner Studienzeit auf freie Wissenschaft verschwendet, bekommen die modernen Jungwissenschaftler auch an der Universität Potsdam zu Studienbeginn kompetente Hilfe vom Career Service:

Liebe Studentinnen und Studenten,
Sie wollen Ihr Studium von Anfang an aktiv planen und sich gezielt auf den beruflichen Einstieg vorbereiten, (neue) Berufswege entdecken und Herausforderungen erfolgreich meistern? Dann nutzen Sie den Studierendenvertrag!
Der Career Service bietet Ihnen mit dem Studierendenvertrag  die Möglichkeit, bereits ab dem ersten Semester des Studiums Ihre Karriereplanung in die Hand zu nehmen.
In einem ersten Gespräch sollen Ihre Stärken und Entwicklungsfelder herausgestellt sowie ein persönlicher Erfolgsplan erarbeitet  werden. Festgehaltene Meilensteine im Vertrag helfen Ihnen, die selbst gesetzten Ziele im Laufe des Studiums  auch wirklich zu erreichen. In dieser individuellen Vereinbarung kann es beispielsweise darum gehen Soft Skills auszubauen oder ein Praktikum während des Studiums durchzuführen.
Ein zweiter Bestandteil dieses Angebots ist der Austausch in sogenannten Erfolgsteams. Diese bieten die Möglichkeit, konsequent an den eigenen Zielen zu arbeiten sowie Rat und Feedback von anderen zu bekommen.

Nutzen Sie Ihre Chance und gestalten Sie schon jetzt Ihren individuellen Karriereweg!

 

In diesem Sinne, liebe Jungwissenschaftler: Hören Sie keine Musik mehr, weil Sie in der Zeit effizientere Dinge erledigen könnten. Gehen Sie auch nicht ins Museum oder ins Theater, denn die Zeit, die Sie dort verbringen, ist für die Wertschöpfung verloren. Und vor allem: Schauen Sie bloß niemals über den eigenen Tellerrand! Es könnte sein, dass Sie dadurch genau die Kompetenz erwerben, vor der sich die modernen career services so fürchten: Die Fähigkeit zum kritischen Denken, mit dessen Hilfe Sie nämlich das tun könnten, wovon man Sie mit aller Macht abzuhalten versucht: all diese Reden von Effizienz und Planung in der Wissenschaft als das zu entlarven, was sie sind: Unsinn, gefährlicher Unsinn.

 

 

 

 

 

3 Replies to “Wer noch aus Interesse an der Sache forscht, ist nicht modern”

  1. Soleil noir – Nichts Neues unter der (schwarzen) Sonne!

    Vor einigen Jahren wurde in der Campus-Zeitschrift „UNICUM“ ein Interview mit dem Rektor einer renommierten, weltweit bekannten deutschen Universität abgedruckt, in dem er wortwörtlich verlautbaren liess, seine Hochschule brauche keine Hochbegabten. Die seien nur „lästig durch ihren Eigensinn“ und „störten den Regelbetrieb“. Guter Durchschnitt reiche ihm völlig aus.

    Diese Aussage – publiziert durch einen Universitäts-Rektor, auf den auch das Ausland blickt – deckt sich doch völlig mit Nietzsches zeitloser Kritik am „braven Karrenschieber“, der „unbegeistert, ungespäßig, unbeirrbar mittelmässig“ sei. Anders als zu Nietzsches Lebzeit ist der „brave Karrenschieber“ jedoch heute das Sollziel der „Aus-Bildung“, und nicht die bespöttelte Ausnahme.

    Ich will heute kein Student mehr sein. Die Lage an deutschen Hochschulen widerspricht dem Ziel der „Universitas“ mit seinem Anspruch auf freie, unvoreingenommene Forschung, deren Ergebnis die Lebensbedingung der Menschheit langfristig (und nicht die Planung des Forschers kurzfristig) verbessern soll und stellt somit einen vorauseilenden Gehorsam für Wirtschaftsinteressen dar, die zudem in ihrer Instabilität gar nicht als massgeblich über längere Zeiträume betrachtet werden können. Studenten sollen sich an – prinzipiell unwägbare – zukünftige Wünsche der Wirtschaft anpassen, die als neuer absoluter Herrscher gesetzt wird. Auf der Strecke bleibt der kritische Geist, der unter der Angst des Anpassungsdrucks seine Existenz verliert. Es sind schlimme Zeiten 2012, gerade für die Philosophie.

  2. Wow ich bin selbst Studentin der Geisteswissenschaft und kurz vor dem Staatsexamen und finde mich sowohl im Artikeltext, als auch in der Antwort von Fr. Dr. Dorchain. Eigentliches studieren findet erst im letzten Semester statt, vorher geht es darum Oberstufenwissen zu wiederholen und zu vertiefen. Ich war eine sehr gute Schülerin die wenig lernen musste und habe noch nie so viel im Leben auswendig lernen müssen wie auf der Uni. Platz und Zeit für eigene Ansichten gab es nicht. Ich bin froh wenn es nächstes Frühjahr vorbei ist. Trotz Studiengebühren hatte ich immer das Gefühl als Student ein ungebetener Gast zu sein. Übrigens führte ich erstmals ein Gespräch mit einem Professor im 9. Semester.

    Trotz 1,3 Abitur blieb ich 3 Semester über der Regelstudienzeit und musste mich schon oft genug deswegen rechtfertigen. Es bleibt deshalb nichts weiter zu sagen als: „Armes Deutschland“.

    • Vielen Dank für Ihren Beitrag. Seien Sie versichert, Sie sind nicht die einzige Studentin, die derartige Erfahrungen macht und ich bedaure es sehr, so etwa lesen zu müssen.
      Dr. Dorchain hat ja treffend darauf hingewiesen, was diese Situation so Besorgnis erregend macht: Es geht hier nicht um einen irrigen Fehltritt einer einzelnen Universität, sondern um einen Trend, der bewusst herbei geführt wird, um die unterstellten Interessen „der Wirtschaft“ vorauseilend zu befriedigen. Mit anderen Worten: der Zweck der Wissenschaft wird ersetzt durch die Prinzipien der Moderne. Dadurch bekommt diese Entwicklung eine solche Eigendynamik, dass sie sich selbst reproduziert. Spannend daran: Man muss hier noch nicht einmal „Verschwörungstheorien“ unterstellen. Das alles geschieht ganz offen vor den Augen aller. Ich schließe mich Ihrer Einschätzung in diesem Sinne an: es ist bedauerlich, dass die Prinzipien des deutschen Bildungssystems nunmehr vollkommen fremden und wohlfeilen Interessen mit einem bestimmten Ziel geopfert werden, das allerdings genau dadurch über kurz oder lang nicht mehr zu erreichen ist.

Was meinen Sie?