Wat de Neurowissenschopler nich kennt, dat givt dat nich

Im Ostfriesischen gibt es den Spruch: „Wat de Buer nich kennt, dat frett he nich“, übersetzt: „Was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht“. Gemeint ist damit der Vorbehalt desjenigen einer Sache gegenüber, die er nicht kennt. In der Wissenschaft findet dieser Spruch ebenfalls treffliche Anwendung.

Wissenschaftler neigen dazu, ihr eigenes System von Wissenschaft mit allen dazugehörigen Definitionen, Axiomen und dergleichen zu errichten. Folgerichtig erkennen sie anschließend nur diejenigen Theoreme als gültig an, die in ihrem System ableitbar sind. Was sie nicht kennen, das kann es nicht geben.

Was dann passiert, wenn zwei verschiedene Wissenschafter – am besten noch aus möglichst verschiedenen Disziplinen – aufeinandertreffen, ist erwartbar: Sie reden aneinander vorbei und behaupten entweder, dass das System des anderen fehlerhaft ist oder, noch besser, ignorieren das andere System schlichtweg.

Gute Wissenschaftler erkennt man in diesem Lichte nicht daran, welches System sie errichtet haben und wie kundig sie darin sind. Vielmehr gibt es eine Tugend, die einen guten Wissenschaftler auszeichnet, die jedoch in der Moderne nahezu in Vergessenheit zu geraten scheint. Gemeint ist die Tugend des Verstehens. Ein in diesem Sinne guter Wissenschaftler wird versuchen, das andere System zu verstehen, es eventuell, sofern möglich, in sein eigenes zu übersetzen, um Anknüpfungspunkte zu finden oder aber um klarzustellen, worin genau die Differenzen bestehen. Leider sind derart gute Wissenschaftler heute selten.

Zeugnis davon liefert der Mitschnitt einer Diskussion zwischen Rowan Williams (dem Erzbischof von Canterbury), Sir Anthony Kenny (einem Schüler Wittgensteins) und dem so genannten „Religionskritiker“ und eigentlich Neurowissenschaftler Richard Dawkins. Diese drei sind in der ehrwürdigen Universität Oxford zusammengekommen, um über die religionskritischen Thesen Richard Dawkins zu diskutieren.

Als Zuschauer dieser Diskussion ist es nun völlig unerheblich, ob man selbst an Gott glaubt, dessen Existenz für möglich hält oder eben nicht. Denn um diese Frage geht es hier eigentlich gar nicht. Viel interessanter nämlich ist aus philosophischer Sicht die Art, wie darüber geredet wird. Dass dem modernen Menschen bestimmte Werte abhanden gekommen sind, ist den Umständen dieser Epoche geschuldet. Schaut man sich jedoch die Diskussion an und zieht man insbesondere die öffentlichen Reaktionen auf Dawkins Beiträge in Betracht, dann zeigt sich ein Bild, nach dem man den Eindruck gewinnen könnte, dass der Moderne offenbar sehr unter seiner Wert-losigkeit zu leiden scheint und als Folge dessen gleichsam einen Kreuzzug gegen die Religion, also gegen diejenigen, die an bestimmten Werten festhalten, führt. Anders lässt sich die Art der Diskussion nicht deuten, denn darin werden fundamentale Dinge nicht nur verwechselt, sondern auch in einer Weise betont, von der man fragen kann, weshalb das so ist.

Verwechselt werden zum Beispiel die beiden distinkten Sphären des Wissens und des Glaubens. Der Glaube an Gott ist etwas kategorial anderes als der wissenschaftliche Beweis, dass die Erde eine Kugel ist. Einfache wissenschaftstheoretische Argumente zeigen, dass man weder die Existenz Gottes noch dessen Nichtexistenz beweisen kann. Dennoch schicken sich regelmäßig so genannte Wissenschaftler an, Beweise dafür zu liefern, warum es Gott nicht geben könne – und diese „Beweise“ erfreuen sich in der Öffentlichkeit nahezu sakrosankter Anerkennung. Dies wirkt so, als bestünde beim Modernen eine Unsicherheit, ob seine eigene Weltsicht tatsächlich stimmt und scheint gleichzeitig eine Sehnsucht danach auszudrücken, dass die eigene Weltsicht, die der Moderne, die richtige ist. Dennoch wirkt die Leidenschaft, mit der die religionskritischen Argumente vorgetragen werden, bizarr. War es nicht das Credo der Moderne, dass es keine letztgültig richtigen Werte gibt? War nicht alles irgendwie dem einzelnen überlassen? Doch wenn das so ist, wieso lässt man dann nicht diejenigen, die der Auffassung sind, ihr Leben mit dem Glauben an einen Gott zu verbringen, einfach in Ruhe?

Dazu kommt noch die offenbar weit verbreitete Unfähigkeit, zwischen Kirche und Religion zu unterscheiden, so dass die eigene Unzufriedenheit mit der Einrichtung der Kirche mit dem religiösen Glauben verwechselt wird.

Wie auch immer, als staunender Betrachter dieser ganzen Debatte zeigt sich, mit welcher Geschwindigkeit die in langwierigen Prozessen (auch und gerade gegen die Kirche!) errungenen Maßstäbe der Wissenschaftlichkeit über Bord geworfen werden, wenn es darum geht, gegen die Religion vorzugehen.

Aber sehen Sie selbst, wie schnell Fehlschlüsse auf einen Irrweg führen können:

The nature of human beings and the questions of their ultimate origin

 

3 Replies to “Wat de Neurowissenschopler nich kennt, dat givt dat nich”

  1. Empfehle, zu Fragen der Religionsevolution das Buch von Gerhard Schurz : „Evolution in Natur und Kultur“ zur Hand zu nehmen

    • Danke für diesen Hinweis.
      Gerhard Schurz ist Naturalist und seine Position sicherlich interessant.
      Grundsätzlich ist bei Argumentationen, die eine naturwissenschaftliche Theorie zur Erklärung psychischer oder – in diesem Artikel – religiöser Fragen nutzen, jedoch Vorsicht geboten. Denn diese Vorgehensweise setzt voraus, so wie es auch Richard Dawkins in der hier vorgestellten Diskussion tut, dass das zu erklärende Phänomen naturwissenschaftlich erklärbar ist – oder eben nicht existiert, falls es nicht erklärbar ist. Dies ist aber eine Unterstellung, die keineswegs selbstverständlich wahr ist.
      So hat der australische Philosoph Frank Jackson in seinem berühmten „Mary sees red“-Argument gezeigt, dass es Phänomene gibt, die nicht naturwissenschaftlich erklärbar sind (Dazu gibt es einen wunderbaren Podcast: http://www.minerva-podcast.com/post/23449722359/mary-argument). Ein anderes Beispiel dafür sind zum Beispiel die so genannten Qualia, also etwa Wahrnehmungsqualitäten. Naturwissenschaftlich lässt sich nicht erklären, was derjenige empfindet, der etwa eine Rotwahrnehmung hat (wie es für denjenigen ist, rot zu wahrzunehmen).
      Der Irrweg, um den es mir in meinem Artikel ging, ist nun der, dass es derzeit eine Tendenz gibt, naturwissenschaftlichen Erklärungsversuchen blind zu vertrauen. Da muss nur jemand für sich das Prädikat „Neurowissenschaftler“ reklamieren und schon wird seinen Meinungen eine besondere Gravität beigemessen.
      Sehr schön lässt sich das an Manfred Spitzers Buch „Digitale Demenz“ zeigen, das genau unter diesem Aspekt in diesem Artikel aus der FAZ hervorragend besprochen worden ist:

      http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/manfred-spitzers-digitale-demenz-mein-kopf-gehoert-mir-11883726.html

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