Hauptsache schön: von der Ethik zur Ästhetik

Ethik und Ästhetik, neben der Wahrheit zwei der seit Platon kanonischen drei Disziplinen der Philosophie, wurden in der griechischen Antike als derart zusammenhängend gedacht, dass sie jeweils nicht allein auftreten konnten. Eine Person war niemals nur schön. Um schön zu sein, musste man gleichzeitig auch gut sein. Schönheit war also ein sittlich-ästhetisches Konzept, wie auch Gutsein notwendig eines ästhetischen Aspekts bedurfte.

Die historischen Gründe für diese Auffassung sind vielfältig und können hier nicht im einzelnen nachvollzogen werden. Aber, so viel sei gesagt, ihre prominente Begründung fand diese Theorie in der so genannten Ideenlehre des Platon, wie er sie zu großen Teilen in einem seiner Hauptwerke, dem Staat, entwickelt. Die nach Platon höchste und oberste Idee ist die des Guten. Alle anderen Ideen verdanken ihre Realität einzig durch ihre jeweilige Teilhabe an dieser Idee. Abgesehen davon, dass aus dieser Festlegung folgt, dass wahr nur sein kann, was gleichzeitig gut ist, gilt dies analog eben auch für die Idee des Schönen: schön kann nur sein, was auch gut ist.
An dieser Auffassung hat sich in den folgenden Jahrhunderten im Wesentlichen nichts geändert. Man denke beispielsweise nur an

die Römer, die Herren der Welt, die Träger der Toga,

so der römische Dichter Vergil in seinem Lied vom Helden Aeneas (282) über die Römer. Die Toga, das Kleidungsstück der freien römischen Männer, durfte eben nur derjenige tragen, der sich dieses Titels, ein freier Römer zu sein, als würdig erwiesen hat und dementsprechend ehrbar war. Die Toga war schlechthin der ästhetische Ausdruck eines sittlich guten Lebens.
Diese enge Verbindung von Ethik und Ästhetik bricht erst auf, als sich mit der aufkommenden Moderne die Wissenschaft modernen Typs mit ihren jeweiligen Einzeldisziplinen zu entwickeln beginnt. Die cartesische Forderung, alles soweit zu zergliedern, wie es erforderlich ist, um eine Frage beantworten zu können, trifft folgerichtig auch das Agglomerat von Ethik und Ästhetik und zerspaltet es in die jeweiligen Einzeldisziplinen.
Allerdings wird es noch eine gute Weile dauern, bis mit der Arbeit Alexander Baumgartens (1714-1762) im Jahre 1735 durch die Abhandlung Meditationes philosophicae de nonnullis ad poema pertinentibus (deutsch etwa: Philosophische Reflexionen auf einige Gedichte von Dauer) die Ästhetik als eigene Disziplin begründet ist.
Baumgartens Schrift, und insbesondere die spätere, systematische Abhandlung Aesthetica(1750-1758), hatten großen Einfluss auf die Philosophie. Abgesehen davon, dass Immanuel Kant sich daraufhin genötigt sah, seinen bis dahin zwei Kritiken (der reinen Vernunft und der praktischen Vernunft) noch eine dritte (der Urteilskraft) beizustellen, die sich explizit mit Ästhetik befasst, übte Baumgarten großen Einfluss auf Johann Gottfried Herder und den deutschen Dramatiker Friedrich Schiller aus. Schiller, als gleichsam „Klassiker der Klassik“ entwarf in seinen Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen und in seiner Abhandlung Ueber Anmuth und Würde eine Ästhetik, die – ganz klar klassisch – dem Ideal der alten Griechen entsprach und die Ethik mitbedachte und einbezog. Anmut und Würde, so ließe sich Schiller zusammenfassen, haben zwar je getrennte Bereiche, auf die sie sich beziehen. In der Person aber kommen beide zusammen. Anmut wird dann zum Ausdruck von Würde in der Gestalt – Ethik und Ästhetik sind damit wieder vereint (Friedrich Schiller: Ueber Anmuth und Würde, 1793):

So wie die Anmuth der Ausdruck einer schönen Seele ist, so ist Würde der Ausdruck einer erhabenen Gesinnung. […]

Beherrschung der Triebe durch die moralische Kraft ist Geistesfreiheit, und Würde heißt ihr Ausdruck in der Erscheinung. […]

Da Würde und Anmuth ihre verschiedenen Gebiete haben, worin sie sich äußern, so schließen sie einander in derselben Person, ja in demselben Zustand einer Person nicht aus; vielmehr ist es nur die Anmuth, von der die Würde ihre Beglaubigung, und nur die Würde, von der die Anmuth ihren Werth empfängt. […]

Sind Anmuth und Würde, jene noch durch architektonische Schönheit, diese durch Kraft unterstützt, in derselben Person vereinigt, so ist der Ausdruck der Menschheit in ihr vollendet, und sie steht da, gerechtfertigt in der Geisterwelt und freigesprochen in der Erscheinung. Beide Gesetzgebungen berühren einander hier so nahe, daß ihre Grenzen zusammenfließen. Mit gemildertem Glanze steigt in dem Lächeln des Mundes, in dem sanftbelebten Blick, in der heitern Stirne die Vernunftfreiheit auf, und mit erhabenem Abschied geht die Naturnothwendigkeit in der edeln Majestät des Angesichts unter. Nach diesem Ideal menschlicher Schönheit sind die Antiken gebildet, und man erkennt es in der göttlichen Gestalt einer Niobe, im Belvederischen Apoll, in dem Borghesischen geflügelten Genius und in der Muse des Barberinischen Palastes.

Doch diese von Schiller betonte Einheit währte nicht lange. Es bedurfte nicht erst Friedrich Nietzsches Forderung nach der Umwertung aller Werte (was übrigens genau das bedeutet: neue Werte sollen gelten. Nietzsche als Nihilisten zu verstehen geht insofern fehl), um zu sehen, dass die ethischen Werte in der Moderne einer kritischen Prüfung unterzogen wurden. Schließlich ist es ja gerade das Programm der Moderne, nichts anzuerkennen, was nicht klar und deutlich bewiesen ist. Eben dies, einen solchen Beweis zu führen, ist in der Ethik allerdings aus vielerlei Gründen schwer. So geriet diese Disziplin immer mehr in Misskredit und aus dem Blickfeld einer sich immer mehr wissenschaftlich verstehenden Philosophie. Ethik wurde gleichsam zur Privatsache. Das freilich führt auch zu Problemen, denn die zwischenzeitlich aufgekommenen Nationalstaaten sehen es in der Tradition Thomas Hobbes stehend als ihre Aufgabe an, in Form des staatlichen Gewaltmonopols das Recht durchzusetzen, das als ein Minimalkonsens darin besteht, dass – vereinfacht gesprochen – jeder tun darf, was er will, solange er die Freiheit (die jeweiligen Grundrechte, die bei den verschiedenen Autoren jeweils andere sind) des anderen nicht einschränkt. Dieser Minimalkonsens des Rechts wurde nach und nach als Minimalkonsens auf die Ethik übertragen und zugleich weitestgehend einer Diskussion entzogen. Alles, was über diesen Minimalkonsens hinaus geht und eventuell den einzelnen weiter einschränken würde, wurde nicht mehr gern als Gegenstand der Diskussion gesehen. So kam es, dass letztlich die Ethik insgesamt nicht mehr gern gesehen wird. Gestritten wird allenfalls über das Recht. Ethik dagegen – das ist höchstens etwas für philosophische Theoretiker. So wird heutzutage beispielsweise Günther Grass, wenn er sich zu ethischen Fragen äußert, als Moralist beschimpft. Es geht gar nicht mehr darum, was Grass gesagt hat und ob er Recht hat oder nicht – und allein dies ist in ethischen Fragen entscheidend –, allein die Tatsache, dass jemand überhaupt ethisch redet, macht ihn schon verdächtig. Ethik, einstmals die Grundlage des menschlichen Miteinanderseins und überhaupt das Verhältnis des einzelnen zur Welt bestimmend, ist nurmehr zu einem Schimpfwort geworden, das einzig dazu dient, abfällig so genannte Gutmenschen zu diskreditieren. Ethisch zu denken oder zu handeln, ist also keine Tätigkeit mehr, die Respekt verdient. Sie ist auch kein Ziel des Lebens mehr. Ethik ist lediglich etwas, das bestenfalls belächelt, meistens jedoch diskreditiert wird.

Die Ästhetik dagegen sieht sich derartigen Anfeindungen nicht ausgesetzt. Der Grund dafür ist einfach: Fragen der Schönheit und des Geschmacks tangieren im Regelfalle nicht die Freiheit des anderen. Folglich könne jeder in der Ästhetik tun, was er will. Zu tun, was man will, kommt dem Modernen, der sich gern selbst als Herr aller Regeln, denen er folgt, sieht, freilich sehr entgegen. Dementsprechend kam ihm ein Sprichwort der Antike in Erinnerung, von dem er fortan in der Ästhetik regen Gebrauch macht: De gustibus non est disputandam, also: Über Geschmack kann man nicht streiten.
Der Siegeszug der Ästhetik begann und wer heutzutage offenen Auges durch die Welt geht, dem fällt unweigerlich auf, dass dem Modernen jedes Bewusstsein dafür, dass pure Ästhetik hohl und ohne ethische Fundierung nicht bestehen kann, abgeht. Der Primat der Ästhetik zeigt sich angefangen bei der Kleidung der Modernen bis hin zu ihrem Kunstgeschmack. Schön ist, was gefällt – so lautet ihr vehement vorgetragenes Diktum. Kann das aber das einzige Kriterium eines Urteils sein?

Die Antwort ist ganz sicher nein. Von den Gründe dafür handelt der Artikel Das ästhetische Leben ist Verzweiflung.

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