Das ästhetische Leben ist Verzweiflung

Der Artikel Hauptsache schön: von der Ethik zur Ästhetik endete mit der Frage, ob die Ästhetik allein ein ausreichendes Urteilskriterium ist. Ich habe schon angedeutet, dass das nicht der Fall ist. Doch was sind die Gründe dafür?

Zur Beantwortung dieser Frage denke man sich folgenden Grenzfall: Was wäre, wenn es jemandes Geschmack ist, nackt durch die Stadt zu laufen? Nun, offenbar lässt sich über diesen Geschmack eben doch streiten, denn diese Handlung ist strafbar. Und das hat ihren Grund: es gibt ethische Argumente dafür, warum man fremde Menschen nicht mit dem Anblick der eigenen Geschlechtsorgane behelligen soll. Dieses ethische Urteil begründete einst bestimmte Kleidervorschriften. Zwar sind diese heute fast gänzlich bis auf eine letzte Grenze gefallen, nichtsdestotrotz haben diese Regeln einen ethischen Ursprung. Wenn das nun aber so ist, wenn es bestimmte ästhetische Urteile gibt, die (auch) eine ethische Begründung haben, dann kann die Ästhetik notwendig nicht grundsätzlich rein, also ohne Ethik, gedacht werden.
Es gibt aber noch eine viel wichtigere Begründung für ein ethisches Fundament jeder Ästhetik. Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard, einer der ersten Kritiker der Moderne, ahnte bereits Mitte des 20. Jahrhunderts, welche Konsequenzen die radikale Beliebigkeit der Modernen in all ihrem Tun, die notwendig auf ein rein ästhetisches Leben zulaufen müsse, haben würde.
In seinem Hauptwerk Entweder – Oder unterscheidet er drei Stadien des menschlichen Seins.
Das erste und niedrigste ist das ästhetische Stadium. In diesem Stadium kennt der Mensch als einziges Richtprinzip die Schönheit. Der Ästhet lebt in der Unmittelbarkeit seiner Sinneserfahrungen, er nimmt lediglich alles wahr, was ihm gegenüber steht, und beurteilt es nach seiner Erscheinung.

Der Prototyp eines solchen Ästheten ist für Kierkegaard Mozarts Don Giovanni. Dieser jagt einer Frau nach der nächsten hinterher und kommt doch niemals bei einer Frau an. Don Giovanni sieht nicht den Wert der Frau, sondern nur denjenigen ihrer Schönheit . Verblasst diese Schönheit oder kennt er sie nur zu genau, ist sie für ihn nicht mehr von Interesse. Liebe macht sich für ihn an der Schönheit fest, nicht am Sein. Don Giovanni gleicht dem ästhetischen Modernen. Der Moderne kommt ebenfalls nicht zu sich, weil er bei den Erscheinungen stehen bleibt. Er schafft sich ein neues Mobiltelefon an und ist gänzlich davon eingenommen. Solange, bis er alle Funktionen kennt. Dann ist es ihm über, sein Interesse fällt ab und er verfällt in einen Zustand der Lethargie, bis ihm ein neues Spielzeug gebracht wird, das wiederum seine Aufmerksamkeit fesselt, bis auch dieses ihm über ist. Der einzige Wert, den der moderne Ästhet kennt, ist derjenige des oberflächlichen Scheins. Hilflos greift er auf diesen Wert zurück, wenn er selbst wertvoll sein will: Er glaubt, wenn er mit seinem schönen, neuen Auto umherfährt, wertvoll oder besonders zu sein,weil er dem Wagen einen solchen Wert beimisst. Er missversteht die eventuelle Begeisterung für den Wagen als Anerkennung seiner selbst. Der Moderne muss zeigen, was er hat, denn er ist ja nichts. Dieses Konzept ist ihm fremd. Er präsentiert Autos, Mobiltelefone, Frauen – und verwendet Kraft darauf, sich einzureden, dass der Glanz dieser Dinge auf ihn übergehe (erinnert sei an eine Fernsehwerbung, in der ein Mann einem anderen folgendermaßen zeigen wollte, was er erreicht hat: mein Haus, mein Boot, meine Frau). Doch tief in seinem Inneren spürt er, dass er einen Kategorienfehler begeht. Aus dem Schein folgt niemals ein Sein. Er kann noch so viele schicke Autos kaufen, weder wird er dadurch jünger, noch in irgendeiner Weise interessant. Bestenfalls lieben ihn die anderen für seine Autos oder Mobiltelefone. Doch hat er sie nicht mehr, bleibt nichts mehr von ihm übrig – niemand liebt ihn dafür, wie er ist, da er ja niemand ist, sondern lediglich jemand zu sein scheint. Diese Einsicht bringt den Ästheten und also den Modernen laut Kierkegaard in den Zustand der Verzweiflung (Sören Kierkegaard, Entweder – Oder, dtv, München1988):

Wer aber sagt, er wolle das Leben genießen, der setzt stets eine Bedingung, die entweder außerhalb des Individuums liegt, oder im Individuum ist, doch so, daß sie nicht durch das Individuum selbst ist. (II, 731)

 

Es zeigt sich also, daß jede ästhetische Lebensanschauung Verzweiflung ist und daß ein jeder, der ästhetisch lebt, verzweifelt ist, ob er es nun weiß oder nicht. (II, 746)

Diese Verzweiflung ist der Ausdruck dessen, dass alles, an was sich der Ästhet bindet, vergänglich ist. Dem Ästheten bleibt nichts als der Augenblick, der Hingabe an das Vergängliche. Wenn etwas Wert haben soll, dann muss es jedoch von Dauer sein, denn sonst hätte es eben keinen Wert, sondern allenfalls zeitweilige Attraktion. Wenn der Moderne ein Mensch werden will, so muss er nach etwas streben, was den Augenblick transzendiert. Denn einen Menschen zeichnet sein Charakter aus. Ein Charakter ist jedoch das, was über die Zeit Bestand hat und woran man einen Menschen erkennt. Ein Charakter wiederum gründet auf Werten und nicht auf der Beliebigkeit der Kontingenz, die sich aus der Hingabe an das gerade dem Individuum Erscheinende ergibt.

Dieser Wert, der den Augenblick transzendiert, ist das Ethische.

Das zweite Stadium des Menschen ist folglich das ethische Stadium. In diesem Stadium erkennt das Individuum, dass es sich zur Welt verhält und diese bewerten kann. Das bedeutet, der Ethiker erkennt, dass er aus Körper und Geist besteht und dass er auf die Wahrnehmungen, die er als Ästhet macht, reflektieren und diese nach bestimmten Kriterien beurteilen kann. Diese Kriterien sind ethisch und der Ethiker erkennt seine Aufgabe darin, Kriterien zu finden, nach denen er sein Leben ausrichten will. Aus dieser Aufgabe erfolgt zugleich seine Verantwortung für sich und sein Leben.

Kann der Ethiker allerdings viele Werte setzen, so gelingt es ihm nicht, den Wert seines eigenen Seins zu setzen und zu begründen. Dazu bedarf es einer weiteren Instanz.

Durch die Frage nach dieser Instanz gelangt das Individuum in das dritte Stadium, das religiöse. Erst in diesem Stadium, so Kierkegaard, kommt das Individuum vollkommen zu sich, weil es sich in ein Verhältnis zur Welt, zu sich und zu Gott setzt.

Die Modernen nun bleiben bereits beim ersten Stadium stehen. Sie leben ein von sich selbst entfremdetes Leben der Verzweiflung.

One Reply to “Das ästhetische Leben ist Verzweiflung”

  1. Vielen Dank für diesen differenzierten und wertvollen Beitrag. Sie haben das Problem ganz treffend formuliert. Ich habe Kierkegaards „Entweder – Oder“ gelesen und finde Ihre Interpretation sowie die Analogie zu unserem modernen Zeitalter sehr gelungen.

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