In einer ästhetischen Welt gilt um so mehr: „sex sells“

Der Trend, das eigene Ich zum alleinigen Gegenstand der Kunst zu machen, greift nicht nur in der Literatur (siehe: Der moderne Rückzug in die Individualität in Kunst und Literatur) um sich, sondern auch in der Fotografie.

Im Folgenden möchte ich beispielhaft und stellvertretend für unzählige andere zwei Fotografinnen, Lina Scheynius und Nabiha Dahhan, vorstellen, deren jeweilige Karrieren mit Selbstinszenierungen begannen (oder an deren Karriereanfang zumindest Selbstinszenierungen standen).
Beide Damen haben nicht nur zahlreiche Selbstporträts von sich angefertigt, was ja ein bekanntes und übliches Sujet in der Kunst ist, sondern sie haben darüber hinaus sich und ihren Lebensalltag allein (Scheynius) oder mit ihrem Partner (Dahan) inszeniert. Beide haben dafür viel Zuspruch und auch Auszeichnungen erhalten.
Was, so lässt sich nun fragen, kann aber daran interessant sein, wenn (damals) völlig unbekannte Menschen, die in künstlerischer Hinsicht rein gar nichts grundsätzlich von anderen unterscheidet, ihr Leben dokumentieren und damit an die Öffentlichkeit gehen? Es ist nicht lange her, da war ein derartiger Selbstdarstellungsdrang noch als Narzissmus verschrien. Sicherlich werden die zahlreichen voyeuristischen Fans derartiger Selbstentblößung nicht um eine diesbezügliche Antwort verlegen sein. Einfacher und überdies interessanter scheint mir jedoch die Suche nach einem wesentlichen Grund dafür zu sein, warum beide Fotografinnen mit ihrer Kunst derartigen Anklang finden.
Auf dem Weg zu einer Antwort muss man sich noch einmal in Erinnerung rufen, dass der Mensch der Moderne ein reiner Ästhet und sein Kapital die Schönheit ist. Schöne Menschen, das belegen zahlreiche Studien, haben es im Leben leichter, erfolgreich zu sein. Nun sind beide fotografierenden Damen schön – und zeigen das auch.
Die Vermutung, dass man nicht lange suchen muss, bis sich Nacktfotos (ich spreche bewusst nicht von Aktfotos) von ihnen in ihrem jeweiligen Portfolio (Scheynius, Projekt „Self“ und Dahhan, Projekt „Unity“, Jahr 1997) finden, bestätigt sich in beiden Fällen, noch bevor man nur 20 Fotos gesehen hat. Freilich, das möchte ich explizit betonen, soll das nicht heißen, dass beide Damen ausschließlich aufgrund ihrer Schönheit bekannt geworden sind – über ihre künstlerische Qualifikation zu urteilen soll hier nicht der Ort sein. Allerdings nötigen Komposition (insbesondere innerhalb des Kontextes der jeweiligen Projekte) und Bildsprache zu dem Schluss, dass ein wesentlicher Zweck der Bilder darin besteht, auf die eigenen körperlichen Präferenzen hinzuweisen. So fehlt erwartungsgemäß in nahezu keinem Bericht über die Fotografinnen der Hinweis, dass sie hübsch seien oder schön. Ein Blog spricht in Bezug auf Scheynius beispielsweise von „der hübschen Schwedin“ und davon, „dass der Betrachter hie und da ein paar freizügige Blicke auf ihren nackten Körper werfen darf, schließlich [ist] nichts an ihr dran, wofür sie sich schämen müsste.“ Eine interessante Begründung dafür, warum sich eine Fotografin nackt fotografieren sollte: einfach, weil sie schön ist. Als ob Nacktheit an sich einen künstlerischen und nicht vielmehr bloß einen voyeuristischen Wert hätte. Man stelle sich diese Art der Rede zum Beispiel über Jim Rakete vor!
In Bezug auf diese latente Präsenz der Sexualität der Fotografinnen im Werk bestehen Parallelen zum Erfolg von Büchern wie Charlotte Roches‘ „Feuchtgebiete“ und „Schoßgebete“ (oder auch E. L. James‘ „Shades of Grey„), über die die Autorin nicht müde wird zu betonen, dass da auch ein wenig ihre eigenen Erfahrungen, Wünsche, Vorstellungen und Erlebnisse eingeflossen seien. Genau so, wie sich der Leser dann selbstverständlich bei den geschilderten Sexszenen vorstellt, mit Roche selbst im Bett zu sein, genau so sieht man auch den Bildredakteur förmlich vor sich, wie er mit den Nachwuchsfotografinnen über ihre Fotos verhandelt, während er die Damen vor seinem inneren Augen bereits entsprechend der von ihnen selbst – wie zufällig, einfach aus künstlerischer Intuition heraus – aufgenommenen fotografischen Vorlagen ausgezogen hat.
Sex sells – dies ist bekanntlich das Diktum einer ganzen Industrie. Und deshalb werden wir im Regelfalle leider nie etwas über all die talentierten Fotografinnen erfahren, die für ihren Erfolg nicht bereit sind, sich auszuziehen. Deren Bilder nämlich werden gar nicht erst daraufhin geprüft, ob sie vielleicht gut sind. Denn leider ist das Urteilsvermögen des Bildredakteurs bestimmt von hübschen Nacktfotos schöner Fotografinnen.
Desgleichen gilt übrigens auch schon lange in der klassischen Musik. Dort gilt das Motto Stories and sex sell better than sounds.
Sehr gutgläubig, wer denkt, man könne eben auch im Wollpulli gut sein. Qualifikation hat in der Moderne nicht mehr notwendig etwas mit Kompetenz zu tun. Gut ist schließlich keine ästhetische Kategorie.

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