Endlich! Alle philosophischen Probleme gelöst

Es ist vollbracht! Die aktuelle Ausgabe von Spektrum der Wissenschaft beschäftigt sich mit dem Thema Philosophie. Die Autoren sind zuversichtlich: durch den Schulterschluss mit den Naturwissenschaften wird es endlich gelingen (wo es noch nicht der Fall ist), alle philosophischen Fragen zu lösen.

Der Tenor ist ganz klar: Die Philosophie brütet nur deshalb schon seit zweitausend Jahren an den immer gleichen Fragen, weil ihr schlicht die Mittel fehlen, diesen Fragen auch effizient beizukommen (zur Erinnerung: Effizienz ist schließlich das Kriterium der Moderne und Fragen werden auch nur gestellt, um eben möglichst effizient Antworten zu bekommen).

Die analytische Philosophie, die sich stärker an den Naturwissenschaften ausrichtet, hat nun diesen Fortschritt gebracht und wir dürfen hoffen, bald Klarheit über alles zu haben.

Zwei wesentliche Probleme werden dabei jedoch außer acht gelassen. Wie, bitte sehr, möchten die Naturwissenschaften denn Erkenntnisse liefern? Wissenschaftstheoretisch gesehen arbeitet eine Wissenschaft innerhalb eines Axiomensystems oder im Rahmen ihrer Methode. Theoreme, also Ergebnisse, sind dann immer nur innerhalb dieses Systems gültig. Die Philosophie ist es jedoch, die nicht nur dieses System selbst, sondern überdies den Grund, auf dem solche Systeme ruhen, befragt. Will also die Naturwissenschaft, wenn sie mehr leisten können will als die Philosophie, ihre eigene Methode auf ihre eigenen Methoden anwenden? Will sie sich selbst aus dem Sumpf ziehen, an ihren eigenen Haaren? Oder sind wir aus dem Alter schon längst raus, in dem wir uns mit derlei Kinkerlitzchen aufhalten. Was interessieren uns der Grund, auf dem wir stehen, und der Rahmen, innerhalb dessen wir uns bewegen: Ergebnisse zählen. Und so lange uns die Naturwissenschaft Ergebnisse liefert, wer fragt dann schon nach deren Qualität. Dann denkt das Gehirn eben, wie es uns die Neurowissenschaft weismachen will. Wen schert schon, dass es sich bei dieser Aussage um einen mereologischen Fehlschluss handelt (worauf Philosophen hingewiesen haben, nämlich Peter Hacker und Max Bennett in ihrem einschlägigen Werk Die philosophischen Grundlagen der Neurowissenschaft)?

Schließlich bleibt noch ein Hinweis Ludwig Wittgensteins aus seinem Tractatus logico-philosophicus:

 Wir fühlen, daß, selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. (6.52)

Und dies sind gemeinhin die Fragen der Philosophie. Selbst wenn die Naturwissenschaft demnach alle Fragen beantwortet hat, beginnt überhaupt erst die Arbeit der Philosophen.

Die Beschwörung der Naturwissenschaften als Erlöser der Philosophie ist nichts anderes als eine Schimäre. Erst wenn die Philosophen aufhören, danach zu schielen, können sie sich vielleicht wieder auf ihre eigentliche Arbeit – nämlich Fragen zu beantworten, von denen die meisten Naturwissenschaftler noch nicht einmal ahnen, dass es sie überhaupt gibt – konzentrieren und ihrem Fach dadurch wieder die Schärfe geben, die es eigentlich hat – auch und gerade ohne die Hilfe anderer Disziplinen.

Zur aktuellen Ausgabe des besprochenen Magazins geht es hier.

One Reply to “Endlich! Alle philosophischen Probleme gelöst”

  1. bin eben zum ersten Mal auf Ihre Webseite gestoßen und bei diesem ersten Artikel höchst entzückt, ist er doch Balsam auf meine wunde Seele, die seit der Physikerinnentagung 2007 verzweifelt war. Da hat ein Professor (Schmidt?, weiß den Namen nicht mehr) über die Rolle der Philosophie vor den jungen Physikerinnen (Studenten gesprochen) und gesagt: Wieso sich die Studentinnen trotz des vollen Lehrplanes immer noch für Philosophie interessieren, verstehe er nicht. Er hat ihnen dann ein paar (seltsame) Literaturempfehlungen gegeben, die ganz gewiss das Interesse an Philosophie eher erschlagen als beflügeln können. Und er zitierte irgendjemanden kommentarlos (als sei das auch seine eigene Meinung), der gesagt hatte: Für den Naturwissenschaftler / Physiker (genau weiß ich es nicht mehr, welches Wort er wählte) sei die Philosophie so etwas wie die Ornithologie für den Vogel.
    Nach dem Motto: ein Physiker braucht keine Philosophie.

Was meinen Sie?