Schönsein ist alles

Das entscheidende Kriterium, anhand dessen der Moderne seinen Wert bemisst, ist Zustimmung. Zustimmung lässt sich am einfachsten, das liegt in der Natur der Sache,  dadurch erzeugen, dass man zunächst einmal so ist und sich so verhält und so präsentiert, wie es am wenigsten Anstoß bei anderen erregt. Wenn man dazu dann noch einfach nichts mehr sagt, sondern nur noch spricht und darin Allgemeinplätze äußert, steht der Zustimmung nichts mehr im Wege. Noch einfacher ist es jedoch, noch nicht einmal mehr zu sprechen, sondern sich nur noch zu präsentieren – und zwar so, wie es der so genannte „Mainstream“ erwartet. Wer aufmerksam „soziale Netzwerke“ beobachtet, wird feststellen, dass insbesondere die jungen Damen und Herren sich immer in denselben Posen fotografieren – und das reichlich. Von diesen Posen versprechen sie sich offenbar, besonders „sexy“ oder attraktiv zu wirken, womit sich immer Zustimmung erzeugen lässt. Schön zu sein wird so zur vornehmlichsten Lebensaufgabe des Modernen, nachdem er sich eines anderen Lebensziels ja selbst beraubt hat, als er die Ethik in Misskredit brachte. Fortan ist es nicht mehr erstrebenswert, seinen Selbstwert daraus zu beziehen, ein guter Mensch zu sein oder sich zu fragen, was der eigene Platz in der Welt ist. Schönheit ist der Maßstab, an dem der Moderne – von anderen – gemessen wird und aus dem sich sein Wert in der Währung der Zustimmung ergibt.

Der Mensch, der in die Welt geworfen ist, ist zunächst einmal frei von eigenen Wertzuschreibungen – er ist in diesem Sinne wert- und sinn-los. Die Welt an sich (was immer das genau heißen mag sei hier hintan gestellt) ist sinnlos. Erst der Mensch gibt der Welt einen Sinn, indem er sie beurteilt, was zum Beispiel in Hannah Arendts Das Urteilen  sehr schön ausgeführt ist. Aus seinem Urteil entsteht der Sinn, indem dadurch der Welt einen Sinn beigelegt wird. Ein Urteil kann dann als fundiert gelten, wenn es das Ergebnis eines nachvollziehbar begründeten Abwägens ist. Je genauer ein Mensch die Welt versteht, desto besser kann er sie beurteilen und desto stärker wiegt auch sein Urteil.

Nun kann ein Mensch nicht nur die Welt beurteilen, sondern auch sich selbst – er kann also der Welt und sich einen Sinn geben. Gemäß dem griechischen Auftrag „Erkenne dich selbst!“, wie er über dem delphischen Apoll-Tempel steht, ist es gerade an jedem einzelnen Menschen, sich selbst zu beurteilen und damit seiner eigenen Existenz einen Sinn zu geben. Um das zu können, ist es unbedingt erforderlich, die Welt und sich selbst zunächst zu verstehen. Daraus ergibt sich die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens: verstehen und richtig urteilen.

Dieser Auftrag ist ein innerer, er ist unabhängig von anderen. Jeder einzelne bezieht seinen eigenen Wert daraus, welchen Sinn er seinem Leben beilegt. Dieser Sinn ergibt sich daraus, wie er die Welt sieht, wie er sie versteht. Ein innerer Antrieb treibt ihn zum Verstehen, weil er verstehen will und weil er sich nach dem Sinn des Lebens fragt. Dieser Weg ist freilich sehr schwierig, weil er auf die Welt, sich selbst und das komplizierte Wechselverhältnis beider gerichtet ist. Am Ende steht jedoch die eigene Einsicht dessen, wer man ist und was man will. Exemplarisch zeigt sich das Ergebnis einer solchen Suche an Martin Luther und seinem ihm zugeschriebenen: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“. Für Luther ist es nicht das leitende Kriterium, was andere von ihm denken. Er hat nach langem Suchen eine Einsicht gewonnen, die ihm Sicherheit, Sinn und Wert gegeben hat. Für diese steht er – mit den bekannten Folgen.

Was aber passiert nun in der Moderne, in der es eine behauptete Einsicht ist, dass jeder seine eigene Wahrheit habe beziehungsweise dass es keine allgemein verbindlichen Regeln gäbe, an die man sich halten und die einem Kraft und Orientierung geben können? Was passiert in dieser Zeit, von der Nietzsche verächtlich und polemisch in seiner Genealogie der Moral sagt: „Nichts ist wahr, alles ist erlaubt“?

Ganz einfach, es kommt zu dem Fehlschluss, dass unter diesen Bedingungen die Suche nach dem eigenen Platz im Leben und der Wille, die Welt zu verstehen, obsolet werden. Da man sich auf diese Weise auch der Fähigkeit des Urteilens beraubt und damit zugleich der Möglichkeit, seinem Leben einen Sinn zu geben, so kann auch der Wert, den man seinem eigenen Leben beimisst, nicht mehr von einem selbst stammen. Die Wertsetzung der Moderne erfolgt daher nicht mehr durch den einzelnen selbst, sondern durch die anderen. Die Folge: der Moderne empfindet sein Leben aus sich heraus als wert-los und sinn-los und ist, um das zu ändern, auf die Beurteilung der anderen angewiesen. Da die einzigen vom Modernen noch beherrschten und akzeptierten Kriterien diejenigen der Ästhetik sind, folgt daraus, dass der Moderne seinen Selbstwert daraus bezieht, ob andere ihn schön finden. Zustimmung in Form von Akklamation ist das Kriterium für den eigenen Wert. Nicht mehr das Sein, also wie man ist, bestimmt den eigenen Wert, sondern wie man scheint. Es gilt: „Das Design bestimmt das Bewusstsein“.

Die Folge ist selbstverständlich völlige Selbstentäußerung, weil die anderen nunmehr über den eigenen Selbstwert bestimmen – und diese contradictio in adiecto zeigt bereits das Problem: Niemand kann sich der Aufgabe entledigen, seinen eigenen Platz im Leben und den Sinn seines Lebens zu finden. Jeder Delegationsversuch muss tragisch enden, weil sein Ergebnis volatil ist. Von dieser Tragik zeugen die stetig wachsende Zahl von Schönheitsoperationen bei immer mehr – und vor allem immer jüngeren – Menschen, die wachsende Beliebtheit entsprechender Fernsehsendungen, in denen die Schönheit der Menschen zentrales Thema ist und vor allem die Hilflosigkeit bei den Menschen, die von den anderen eben nicht schön gefunden werden. Sie sind danach ja wertlos. Und weil sie nie gelernt haben, auf andere Weise ihren Wert zu finden, werden sie das auch tatsächlich irgendwann glauben.

Wo könnte man das besser sehen als dort, wo der Moderne sozusagen ganz bei sich ist, im so genannten sozialen Netzwerk. Am bekanntesten sind hier sicherlich Facebook und Instagram. Während ersteres eine relativ umfangreiche Interaktion der Benutzer untereinander ermöglicht, dient letzteres lediglich dazu, Bilder auszutauschen, zu kommentieren und zu bewerten.

Die Struktur eines solchen Netzwerks ist indes immer gleich: das, was die Nutzer immer und hauptsächlich voneinander sehen, sind Fotos, die die hinreichende Basis darstellen sollen, sich ein Bild vom anderen zu machen. Das ehedem komplexe Bild, das man sich von anderen Menschen macht, indem man ihn zu verstehen versucht (was eine sehr schwierige Angelegenheit ist), wird also bereits durch die Anlage des Systems auf ein bloßes Foto reduziert. Die beigegebenen Texte zur Beschreibung der Person sind ja einerseits nicht für alle einsehbar (im Gegensatz zum Foto), andererseits, da sich der Moderne ja der ethischen Aspekte seines Seins entledigt hat, so dass er sich nicht einmal mehr von sich selbst ein adäquates Bild machen kann, im Regelfalle so nichts sagend, dass sie im Grunde entbehrlich sind. Doch selbst wenn das anders wäre: allein durch Text eine Basis zu bieten, auf dessen Grundlage sich andere ein Bild machen können, ist sehr schwer und keinesfalls im Rahmen der beschränkten Möglichkeiten eines sozialen Netzwerks möglich.

Was heißt es überhaupt, sich ein Bild machen? Ähnlich wie ein Fotograf beobachtet man einen anderen Menschen. Dieser benimmt sich, so wie er es will, das soll an dieser Stelle heißen, so, wie er es immer tut. Aus seinen Handlungen schließt der Beobachter gemäß seines Vorverständnisses von der Welt darauf, was der Beobachtete da wohl tut und warum. Der Beobachter macht sich ein Bild vom Beobachteten (das er später korrigieren oder verfeinern mag, wenn er weitere Informationen erhält). Entscheidend ist: Um sich ein Bild von einem anderen zu machen, ist es erforderlich, den anderen zu  sehen, wie er ist. Denn andernfalls macht man sich ja kein Bild vom anderen, wie er ist, sondern man macht sich ein Bild von einem Konstrukt, das der andere zu erzeugen versucht. Dies ist die Situation des Modernen, der darauf versessen ist, ein Bild von sich zu erzeugen und es der Welt vorzulegen. Er legt mühevoll seine ganze Kraft in die Gestaltung seines Profilfotos, um auf diese Weise das  Bild von sich zu erzeugen, von dem er glaubt, dass es das richtige ist, weil es ihn zeigt, wie er glaubt, dass er ist. Diese Differenz zwischen Schein und Sein ist aber prinzipiell unüberbrückbar, weil der Beobachtete niemals wissen kann, wie der Beobachter bestimmte Darstellungen interpretiert. Es kommt also zu einer doppelten Unschärfe: Einerseits erzeugt der Beobachter ein Bild, das ja keineswegs stimmen muss, weil es auf seiner Interpretation des Beobachteten beruht. Andererseits versucht der Beobachtete ein Bild von sich zu erzeugen, indem er mutmaßt, wie wohl der Beobachter bestimmte Posen, Gesten, Handlungen interpretieren wird. Die zunächst unscharfe Interpretation des Beobachters trifft folglich auf die eben so unscharfe Mutmaßung des Beobachteten. Abgesehen davon, dass ein echtes Verstehen und ein zutreffendes Bild auf diese Weise unmöglich entstehen können, führt dieses Verfahren zu einer starken Reduktion der Komplexität eines Bildes überhaupt. Man muss gar nicht erst in die bildende Kunst blicken, um eingedenk sehr guter Kunstwerke zu erkennen, wie genau ein Künstler, der ja ein Bild erzeugen will, von seinem Gegenstand, dessen Geschichte, der Symbolik und Ikonographie Kenntnis haben muss, um seine beabsichtigte Bildaussage auch zu erreichen (Man denke hier etwa an Raffaels Meisterwerk Die Schule von Athen).

Es folgt ja schon daraus, dass in einer Welt, in der die Anzahl an „Gefällt mir“-Klicks entscheidend ist, weil sie den Wert des Modernen anzeigt, solche Posen gewählt werden, die genau das erreichen und mithin derart einfach sein müssen, dass sie von möglichst vielen Menschen in möglichst vielen Kulturen verstanden werden.

Es ist leicht vorzustellen, welche Posen das sein werden. Das folgende Foto, das nach dem Zufallsprinzip einem sozialen Netzwerk entnommen ist, verdeutlicht das Phänomen der Komplexitätsverflachung von Bildern durch die doppelte Unschärfe sehr schön.

Es handelt sich um das Foto einer jungen Frau von etwa 20 Jahren, mit dem sie sich auf ihrem für jeden Nutzer sichtbaren Profil eines sozialen Netzwerks präsentiert.

 

In sozialen Netzwerken ist Schönheit alles und der Körper Kapital

Der erste Eindruck dieses Bildes, bei dem es sich anscheinend um ein Selbstportrait handelt, ist, dass eine Frau hier ihre sexuelle – also körperliche – Anziehung (und eventuell auch Bereitschaft) herausstellen möchte. Dieser Eindruck gründet sich auf die gesamte Komposition des Bildes: Das Foto ist von oben aufgenommen, der Blick des Models von unten herauf wirkt dementsprechend unterwürfig und suggeriert Bereitschaft. Die Augen (die hier selbstverständlich geschwärzt sind) sind weit geöffnet, was gemäß bestimmter Untersuchungen auf Männer die Wirkung hat, dass sie eine Frau für interessiert und bereit zu sexuellen Handlungen halten. Der Mund formt die heute bei jungen Mädchen sehr beliebte so genannte „Duck Face“-Pose, die die Sinnlichkeit des Mundes und damit ebenfalls sexuelle Bereitschaft unterstreichen soll, weil sie einen Kuss nachahmt oder andeutet.

Der Ausschnitt des Bildes ist so gewählt, dass alle sekundären Geschlechtsmerkmale, Brust und Gesäß und andeutungsweise die Beine, zu sehen sind. Der Brust kommt sicherlich der Schwerpunkt der Bildkomposition zu. Nicht nur füllt sie nahezu das gesamte optische Zentrum des Bildes aus, die Art der Präsentation vermittels eines sehr weiten Ausschnitts, der aus einem ob der schieren Größe des Busens zerreißenden T-Shirt herrührt, zeigt, wie wichtig die Präsentation der Brust ist. Außerdem ist zu erkennen, dass die Dame keinen BH trägt. Das Gesäß ist angehoben, so dass es vorteilhaft abgebildet wird und eine geschwungene Rückenlinie entsteht. Gleichzeitig ist das Heben des Gesäßes eine sexuell einladend bis auffordernde Geste, was noch dadurch unterstrichen wird, dass es gleichsam gar nicht, nämlich nur durch einen „String“, bekleidet ist.

All diese Bildmerkmale zeigen, was zu präsentieren dem Model wichtig ist, und alle Aspekte des Bildes sind sexuell konnotiert. Damit greift die Fotografin auf den Mindeststandard an Merkmalen und Reizen zurück, die geeignet sind, Zustimmung zu erzeugen.

Gleich nach diesen Standardposen enden allerdings bereits die Aufmerksamkeit und Kompetenz der Fotografin, ein gutes Bild zu komponieren. Denn selbst hinsichtlich der von ihr offenbar beabsichtigten Bildaussage, sie als schön und sexuell interessant darzustellen, ist dieses Foto nicht gut komponiert. Das belegt erstens der Prügel in der Mitte des Bildes auf der rechten Seite. Es ist nicht klar, in welchem Bezug er zur Bildaussage steht. Selbst wenn man ihn großzügig als SM-Accessoire, was ja gegenwärtig en vogue ist, interpretieren möchte, bleibt er in dieser Funktion unvermittelt. Die Art des Geräts lässt allerdings auch keinen solchen Schluss zu. Vielmehr ist seine Existenz auf dem Foto wohl vielmehr Unachtsamkeit zuzuschreiben – genau so wie der Waschzettel, der aus der Antäuschung einer Unterhose lugt. Attraktivität, insbesondere erotische, hat notwendig immer etwas mit Fantasie zu tun. Ein Waschzettel, der aus einer Unterhose ragt und darauf hinweist, dass dieses Kleidungsstück gewaschen werden muss, weil es irgendwann dreckig ist und stinkt, ist genau das Gegenteil von erotisch anziehend, es ist alltäglich und profan.

Wer sich also nur auf die Ästhetik beschränkt, so ließe sich angesichts dieses Fotos, das stellvertretend für unzählige andere steht, schließen, der wird nicht nur nicht zu einem Menschen, von dem man sich ein Bild machen kann. Sondern er geht darüber hinaus in seinem hilflosen Bemühen, ein Bild von sich zu erzeugen, fehl und erzeugt lediglich peinliche Ergebnisse. Ein Bild kann man sich von anderen machen. Wer eines von sich erzeugen will, braucht weitaus mehr Kompetenz als nur eine Vorstellung davon, wie man wirken will. Dazu gehört vor allem ein Verständnis der Welt, aus dem man darauf schließen kann, wie man diese Wirkung erreichen kann – sofern das Resultat nicht billig und naiv wirken soll.

 

One Reply to “Schönsein ist alles”

  1. Da glaube ich muss noch etwas differenziert werden : nach den Ergebnissen der Intersubjektivitätsforschung (Altmeyer; Honneth) muss davon ausgegangen werden, der „in die Welt geworfene“ Säugling erhält seine Identität und Wertzuschreibung sehr bedeutend durch die Interaktion mit primären Bezugspersonen, also von außen. Dadurch ist die Empfänglichkeit für das Anerkannt- werden durch den anderen entscheidend vorgebahnt.
    Petzer Boppel

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