Wer da hat, dem wird gegeben: Wie Wissenschaft gemacht wird

Bei dem Evangelisten Matthäus findet sich dieser berühmte Satz:

Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.(25, 29)

Dieser Satz beschreibt, was in der Soziologie nach seinem Urheber als Matthäus-Effekt bezeichnet wird. Demzufolge gilt – vereinfacht gesagt–, dass derjenige, der bereits Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, noch mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen wird, was wiederum eine noch größere Aufmerksamkeit nach sich zieht. Kurz: der Matthäus-Effekt beschreibt ein rein formales Phänomen, denn entscheidend ist danach nicht, wie die Aufmerksamkeit erzeugt wird. Der Erfolg, der jemandem auf diese Weise zuteil wird, muss nämlich keinesfalls auf Kompetenz beruhen.

Insofern dieser Effekt ein sehr menschliches Verhalten beschreibt, lässt er sich entsprechend häufig beobachten. Selbst die Wissenschaft, die ja eigentlich ihrem eigenen Anspruch nach nur der Sache, also der Wahrheit, verpflichtet ist, ist davon nicht frei: es wäre ein Irrglaube anzunehmen, dass bestimmte Forschungsergebnisse deswegen so bekannt sind, weil sie wahr sind. Insbesondere die Wirtschaftswissenschaft belehrt hier eines besseren. Dort werden im Regelfalle eben die Theorien favorisiert, die zufällig die bekanntesten Fürsprecher haben (Ein interessanter Artikel dazu findet sich hier).

Ein besonders Besorgnis erregendes Problem entsteht allerdings, wenn der Matthäus-Effekt zum Programm erhoben wird und gerade die Wissenschaft nicht versucht, sich diesem Effekt, der massiv das wissenschaftliche Ethos verletzt, so weit es geht zu entziehen, sondern ganz im Gegenteil ihn zunehmend auch institutionell zu verstärken versucht.

Dass nämlich genau das passiert, ist gegenwärtig Gegenstand einer Welle von Unmutsäußerungen derjenigen, die gute Arbeit leisten, die aber immer weniger Möglichkeiten haben, ihre Ergebnisse auch zu präsentieren. Anlass des Protests war eine Athener Philosophiekonferenz, die einen Teilnahmebeitrag von (in der Philosophie unüblich hohen) 300 Euro verlangt. Dadurch sind Doktoranden der Philosophie, die Dank der bekanntlich gerechten Verteilung von Forschungsgeldern oftmals unentgeltlich arbeiten (oder deren Institute kein Geld für Tagungsbeteiligungen bereitstellen können), faktisch von der Teilnahme ausgeschlossen. Deshalb beschwert sich ein Doktorand einer amerikanischen Universität, der hier stellvertretend für zahlreiche andere stehe:

Most Universities in the States have very meager „available funds“ for conference presentation by their graduate students and that amount is extremely low in Humanities programs as opposed to, say, the physical sciences. I know that my program (the Philosophy Dept. at the University of South Florida) typically can offer about $100 for travel expenses for their conference-presenting PhD students, and that amount goes to ZERO about halfway through a given semester, and that has been the case for the past 5 years.

Nun gibt es zweifelsohne noch ausreichend andere Konferenzen ohne derart ausschließende Gebühren. Viel problematischer ist deshalb, dass  die Organisatoren der Konferenzen immer stärker bemüht sind, den Zugang zur Gruppe derjenigen, die auf Konferenzen vortragen dürfen, streng zu begrenzen. So äußert sich etwa der Organisator der bereits erwähnten Tagung in Athen zu den Kriterien, nach denen die Vortragenden ausgewählt werden, folgendermaßen:

Our abstract acceptance policy is based on three criteria (one is sufficient to be accepted):  (a) the academic credentials of the scholar (b) his/her institutional affiliation (country) and (c) Ph.D. Students wishing to present part of their doctoral thesis.

In diesen Statuten ist keine Rede von der Qualität der eingereichten Vorträge, eine solche oder gar der Anspruch, dass das Vorgetragene wahr sein müsse, ist schlicht nicht gefordert. Vollkommen treffend und zurecht kommentiert daher ein anderer empörter Doktorand diese Passage kritisch:

Fascinating. So it’s not the quality or inherent interest of the
papers that counts, but the „ranking of the author“. Famous professors, or professors from famous institutions, can submit absolute garbage and get away with it. Apparently this policy is based on the well-known philosophical axiom that you can judge a book by its cover?

Gemäß dieser und vieler ähnlicher Konferenzstatuten können berühmte Professoren „absoluten Müll“, so der Doktorand, einreichen und werden trotzdem zum Vortrag akzeptiert – eben weil sie berühmt sind oder an einer berühmten Universität arbeiten. Andere Philosophen, die sich mit qualitativ hochwertigen Forschungsbeiträgen um einen Vortrag bewerben, werden noch nicht einmal in den Kreis möglicher Vortragenden aufgenommen, sofern sie nicht an der „richtigen“ Universität arbeiten oder einen berühmten Namen haben.

Den Kreis an Vortragenden möglichst klein und illustrer zu halten, ist überdies der Grund, warum es seit einiger Zeit üblich ist, dass Kandidaten, wenn sie sich um Vortragsplätze auf Konferenzen bewerben, verpflichtend angeben müssen, wo sie arbeiten. Ein Schelm, wer denkt, dies geschehe zu statistischen oder anderen formalen und harmlosen Zwecken. Es ist klar, dass derjenige, der leider an einer kleinen oder unbekannten Universität arbeitet, oder – noch besser –  Privatgelehrter oder gar arbeitsloser Philosoph ist, sich keine zu großen Hoffnungen auf einen Vortragsplatz zu machen braucht – vollkommen egal, welche Qualität sein Beitrag hat.

So ist mir ein Fall bekannt gemacht worden, in dem ein nicht an einer Universität arbeitender Philosoph auf eine Konferenz als so genannter invited speaker (also ein aufgrund seiner fachlichen Qualifikation und seiner Reputation in dem betreffenden Fachgebiet von den Organisatoren eingeladener Vortragender) vortragen sollte. Die Einladung ist dann trotz seiner unbestrittenen und sogar ausdrücklich betonten Qualifikation nicht erfolgt, weil die Organisatoren lieber anderen Philosophen den Vorzug geben wollten, die eine Stelle an einer Universität bekleiden. Es ist beachtlich, wie unverhohlen hier zugegeben wurde, dass das ausschlaggebende Kriterium für eine Einladung von der fachlichen Qualifikation vollkommen disparat ist.

Ähnlich verhält es sich auch bei den wissenschaftlichen Zeitschriften, in denen Fachartikel von Wissenschaftlern veröffentlicht werden. Derartige Veröffentlichungen gelten immer noch als Gradmesser für die Reputation eines Wissenschaftlers. Es ist also das Bestreben eines jeden wissenschaftlich arbeitenden Menschen, möglichst viele Veröffentlichungen in möglichst angesehen Zeitschriften zu veröffentlichen. Da das Ansehen der Zeitschriften jedoch seinerseits auf dem Ansehen der in der Zeitschrift veröffentlichenden Wissenschaftlern lebt, muss eine Zeitschrift folgerichtig daran interessiert sein, dass möglichst viele, möglichst angesehene Wissenschaftler darin veröffentlichen.

Zwar behaupten die allermeisten dieser Zeitschriften, dass über die Annahme eines Artikels im so genanntem „double blind review“-Verfahren entschieden würde, also einem Verfahren, in dem zwei Fachgutachter den Artikel beurteilen, ohne den Namen des Verfassers zu kennen. Tatsächlich jedoch sind die Zeitschriften im Regelfalle darum bemüht, den Namen des Autoren doch nicht so geheim zu halten. Dies kann man aus den jeweiligen Statuten der Zeitschriften ersehen. Die Philosophin Adrian Piper hat sich die Mühe gemacht, bedeutende englischsprachige Zeitschriften daraufhin zu untersuchen, und kommt zu dem Ergebnis:

The results as of 31 December 2012 indicate that 89.27% of the journals surveyed state no explicit commitment to the author’s anonymity, i.e. to blind refereeing.

Eine vollständige Übersicht über die Ergebnisse der Untersuchung Pipers findet sich auf ihrer Homepage.

In diesem Sinne war auch auf der Seite des letzten Kongresses der Gesellschaft für analytische Philosophie, der regelmäßig stattfindet und ein in Deutschland bedeutender Kongress ist, zu lesen, dass die eingereichten Beiträge blind begutachtet würden. In einer Fußnote hieß es dann jedoch, dass es aus – selbstverständlich – technischen Gründen nicht immer gewährleistet werden könnte, dass die Gutachter den Namen des Autoren tatsächlich nicht erfahren würden.

Erkenntnisse zu gewinnen und der Wahrheit näher zu kommen, ist – diesen Eindruck kann man angesichts der gegenwärtigen wissenschaftlichen Praxis bekommen – nicht mehr das Anliegen der Wissenschaft. Auch hier gilt es nur, Aufmerksamkeit zu erzielen, wie auch immer, womit auch immer. Schließlich bekommt man Fördergelder primär für sein Ansehen (das heißt: für die Aufmerksamkeit, die man generiert), nicht für gute Forschung. Das Prinzip der Moderne, sex sells, hat demnach auch in der Wissenschaft Einzug gehalten. Der Form wird der Vorzug gegeben vor dem Inhalt. Aber in der Moderne forscht ja ohnehin niemand mehr aus Interesse an der Sache.

Selbstverständlich trifft das nicht nur auf die Wissenschaft, sondern auch auf so gut wie alle modernen Branchen zu.

Es wäre beispielsweise ein spannendes Experiment, den Text eines renommierten und qualifizierten Experten unter falschem Namen bei einer Zeitung oder einem Magazin zur Veröffentlichung einzureichen. Er hätte wohl keine Chance auf Veröffentlichung. Doch hätte er seinen Namen genannt, hätte er sogar noch Geld dafür bekommen. Das liegt einfach daran, dass es unter den gegenwärtigen Produktionsbedingungen den Redakteuren gar nicht mehr möglich ist, die Qualität eines eingereichten Textes adäquat zu prüfen, zumal ihnen dazu oftmals auch schlicht die Fachkompetenz fehlt (Journalisten sind normalerweise schließlich keine Wissenschaftler). Was können sie also tun? Nun, sie veröffentlichen das, was sie kennen, von denjenigen, die sie kennen, zu Themen, über die andere bereits sprechen. Auf diese Weise gehen sie einen sicheren Weg, der ihnen voraussichtlich keine Schwierigkeiten machen wird. Nur leider handelt es sich bei diesem Weg um einen Irrweg. War die so genannte freie Presse nicht ebenfalls einmal angetreten, die Wahrheit zu verbreiten und Missstände aufzudecken? Doch wie will sie das bewerkstelligen, wenn sie nicht in der Lage ist, die Wahrheit zu erkennen, weil sie Texte, in denen sie gefunden werden könnte, nicht einmal näher prüft?

One Reply to “Wer da hat, dem wird gegeben: Wie Wissenschaft gemacht wird”

  1. Ein Problem, das sich scheinbar in allen Wissenschaftsbereichen bemerkbar macht und ungeahnte gesellschaftliche Auswirkungen haben kann.

    Ich habe in letzter Zeit genau dazu einige Artikel geschrieben, wo mir das Problem aufgefallen ist.

    Besonders interessant dazu:

    http://neuespiritualitaet.wordpress.com/2013/02/17/auf-dem-holzweg-durchs-universum-alexander-unzicker-warum-sich-die-physik-verlaufen-hat/

    oder

    http://neuespiritualitaet.wordpress.com/2013/02/23/wie-der-wunsch-der-darwinisten-oft-die-wissenschaftlichkeit-beeinflusst-peer-review-als-denksperre/

Was meinen Sie?