Der starre Blick – Über einen Gedanken aus Sten Nadolnys „Die Entdeckung der Langsamkeit“

John Franklin, die Hauptfigur aus Sten Nadolnys Die Entdeckung der Langsamkeit, ist zu langsam für die moderne Welt. Zunächst hält er dies für einen Mangel, aber im Verlauf der Zeit erkennt er darin eine Stärke. Denn während andere durch vorschnelle Entscheidungen bereits in ihr Unglück gerannt sind, hat Franklin sich zwar mehr Zeit zum Überlegen gelassen, dafür aber einen besseren Weg gefunden. Franklin lernt, seine Langsamkeit zu nutzen.

Deutlich wird das an einer Technik, die er auf See erlernt. Als Kapitän sind, insbesondere in Notsituationen, ständig Entscheidungen von ihm gefragt. Zu viele Informationen strömen auf ihn ein, als dass er sie mit seinem Tempo einzeln beantworten und entsprechend würdigen könnte. Seine Lösung für dieses Problem nennt er den starren Blick. Franklin starrt ins Leere oder auf einen Punkt in der Entfernung. Dadurch fokussiert er zugleich seine Aufmerksamkeit, nimmt alle eingehenden Informationen wahr und entscheidet dann, wenn er soweit ist. Der starre Blick ist hier eine Reaktion auf eine Überforderung. Franklin weiß zwar, was er zu tun hat und auch, wie er entscheiden will. Er ist nur damit überfordert, dies in kurzer Zeit zu tun. Dies ist beim modernen Menschen genau umgekehrt:

Wer heutzutage aufmerksam seine Mitmenschen beobachtet, der wird feststellen, dass es eine große Anzahl von ihnen gibt, die festen Schrittes, erhobenen Hauptes und mit ausdrucksloser Mine durch die Gegend gehen, die Augen dabei aber fest auf den Boden fixiert. Man ist geneigt, Franklins starren Blick darin zu erkennen. Doch, so fragt man sich, was müssen die Modernen denn entscheiden, dass sie sich auf diese Weise konzentrieren müssen? Nichts, ist die Antwort – jedenfalls nicht in dem Moment. Beim modernen Menschen verhält es sich eben genau umgekehrt: vor lauter Überforderung durch die Möglichkeiten seiner Zeit, ist es dem Modernen geradezu unmöglich, sich zu entscheiden und auf eine bestimmte Möglichkeit festzulegen. Er ist unsicher darüber, was das Richtige ist. Doch das Leben ist nun einmal so strukturiert, dass man sich ständig entscheiden muss. Tut man es selbst nicht, entscheiden andere für einen. Wer sich etwa nicht in bestimmter Weise anzieht, weil er nicht weiß, welchem Stil er zuneigt, über den wird eben von den anderen geurteilt, dass er bestenfalls stillos, schlimmstenfalls ungepflegt ist.

Über dieses Verhältnis des einzelnen zu den anderen spricht Jean-Paul Sartre in seinem Hauptwerk Das Sein und das Nichts. Sartre verdeutlicht dieses Verhältnis durch sein Konzept des Blicks, der den einzelnen trifft. Im Blick der Anderen werde ich beurteilt. Er macht mich zu dem, was ich in den Augen der Anderen bin. Ich gerate so in die Abhängigkeit von den anderen und spüre dies durch ihren Blick:

Ein Urteil ist der transzendentale Akt eines freien Seins. So konstituiert mich das Gesehenwerden als ein wehrloses Sein für eine Freiheit, die nicht meine Freiheit ist. In diesem Sinn können wir uns als <Knechte> betrachten, insofern wir Anderen erscheinen. (Das Sein und das Nichts, 481f)

Habe ich mich nicht selbst bewusst in bestimmter Weise entworfen, bin ich also nicht der, der ich gern sein würde, fühle ich mich insbesondere durch den Blick der Anderen ertappt. Ich bin nichts, weil ich mich zu nichts entworfen habe, und doch werde ich von den Anderen als jemand er-blickt. In diesem Moment habe ich dem Blick nichts entgegen zu stellen. Ich bin nackt, schäme mich dafür und die Anderen machen mich zu dem, der ich in ihren Augen bin:

Die Scham enthüllt mir aber, daß ich dieses Sein bin. (Das Sein und das Nichts, 473)

Dies ist das Problem der Modernen: Sie haben sich nicht entworfen, ja, mehr noch, sie versuchen sich auch permanent den Entscheidungen für einen bestimmten Lebensentwurf – für eine Haltung – zu entziehen, weil sie schlicht nicht wissen, wie sie sich entscheiden sollen.

Also entscheiden sie sich gar nicht und hoffen, darin den kleinen Kindern gleich, die sich die Hände vor die Augen halten, in der Annahme, dass sie dann nicht gesehen würden, dass, wenn sie nur feste auf den Boden starren, der Blick der Anderen sie nicht trifft und sie nicht in ihrer ganzen Nacktheit enthüllt. In diesem Sinne ist es bei den Modernen also anders als bei John Franklin: dieser wusste, was er tun würde, wenn er nur erst bis zur Entscheidung vorgedrungen ist. Jene wissen eben nicht, was sie tun sollen, und hoffen, sich Entscheidungen vollkommen entziehen und die darin ausgedrückte Unfähigkeit verbergen zu können.

Dabei ist genau das Gegenteil der Fall: Der Blick der Anderen trifft mich auch, wenn ich ihn nicht erwidere. Dem Urteil der Anderen kann sich folglich nur entziehen, wer dem eine Haltung entgegen zu setzen vermag. Wer auf den Boden starrt, schreit den Anderen förmlich mit seiner Unsicherheit und Unfähigkeit an. Da hilft es auch nicht, wenn der Fixpunkt des modernen starren Blicks ein Mobiltelefon ist, das permanente Beschäftigung vortäuschen soll. Stattdessen verweist es noch stärker darauf, dass sich der Moderne, anstatt eine Haltung zu entwickeln, lieber stetig weiter ablenkt.

Auf diese Weise erreicht der Moderne das Gegenteil dessen, was er eigentlich beabsichtigt hat: Anstatt überzeugend zu wirken, erscheint er unsicher, klein und hilflos. Würde er stattdessen den Blick der Anderen erwidern, würden diese seine Verletzlichkeit zwar sehen, aber sie würden darin dann genau das sehen, was sie von sich selbst kennen: die Conditio humana, die nun einmal im Suchen, Zweifeln, Scheitern und Fortschreiten besteht. Oder, wie es Leszek Kolakowski gesagt hat: Sie würden erkennen, „dass sie Versager sind – wie wir anderen auch“.

So sehen die Anderen nur einen unaufrichtigen Modernen, der seine eigene Unsicherheit vor sich und den Anderen verstecken zu können glaubt – und darin notwendig scheitern muss.

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