Vom Gesicht und Rätsel

Die alten Griechen haben neben vielen anderen Dingen vor allem eines entdeckt: Das Gesicht. Sie nannten es prosopon, was sich übersetzen lässt als das, wodurch es tönt. Gemeint war zunächst die Maske, die der Schauspieler beim Theater trug und durch die seine Stimme tönte, so dass die Maske auf diese Weise zu der dargestellten Figur wurde. Der Schauspieler trat hinter der Maske zurück und wurde gleichsam ein anderer – obwohl er derjenige war, der physisch auf der Bühne stand. Damit setzte sich langsam eine für den europäischen Kulturraum später sehr wichtige Einsicht durch: der Körper ist – gleichsam – verschieden von dem, wodurch es tönt. Eine höchst interessante Geschichte der Entdeckung des Gesichts, also eine Geschichte des Gesichts, hat übrigens unlängst Hans Belting vorgelegt.

Die Römer übersetzen den Begriff prosopon dann mit persona, woraus sich später unser bis heute verwendeter Begriff Person entwickelte.  Seither bezeichnet dieser Begriff zumeist das Wesen eines individuellen Menschen, seine Persönlichkeit, eben das, was einen Menschen ausmacht. Diese Unterscheidung fand schnell Eingang in das Rechtssystem, wo sich zum Beispiel das Problem, wem tatsächlich bestimmte Rechte zukommen sollen, wenn es heißt, sie sollen einem Menschen zukommen, dadurch lösen lässt, dass diese Rechte an die Person gebunden werden, für die andere Kriterien gelten als für das Menschsein. Wie wichtig diese Unterscheidung ist, zeigt sich zum Beispiel bei Fragen im Kontext der Menschenwürde, die von vielen eben auch als Personenwürde (zum Beispiel hier) aufgefasst wird, oder rund um den Hirntod. In diesem Zusammenhang lässt sich dann argumentieren, dass ein Körper zwar noch lebt, die Person aber nicht mehr existiert und der Mensch deswegen insgesamt tot sei.

Ähnlich gravierende Folgen hatte der Personbegriff auch für eine andere Disziplin, die er in dieser Weise überhaupt erst ermöglicht hat: die Psychoanalyse. Durch das Konzept der Person wurde die Einsicht möglich, dass es einen Unterschied gibt zwischen einem – oft gesunden –, aber dennoch an einer Störung der Persönlichkeit leidenden Menschen.

Wie wichtig die Person und damit verbunden auch das Gesicht ist, zeigt sich auch in den zahlreichen gebräuchlichen Redewendung wie das Gesicht wahren, das Gesicht verlieren oder auch sich von Angesicht zu Angesicht etwas sagen, die sich allesamt nicht auf den Menschen, sondern die Person beziehen, die etwa ihre Ehre verliert. Den Menschen macht danach nicht sein Körper aus, sondern etwas anderes, beispielsweise Handlungen. Werden diese als schlecht beurteilt, wird die handelnde Person als ehrlos bezeichnet – sie hat kein Gesicht mehr, das man sehen wollen sollte (oder könnte).

Auch Gott, der nach christlicher Auffassung drei Personen in einem Wesen ist, lässt sein Angesicht leuchten über den Gesegneten.

Diese zentrale Stellung des Gesichts kann auch nicht verwundern, wenn man bedenkt, dass dort der Seh-, Hör, Geruchs- Geschmacks- und Tastsinn auf relativ kleiner Fläche vertreten sind. Ein wesentlicher Teil des menschlichen Bezugs zur Außenwelt geschieht über das Gesicht, dort ist der Mensch ganz bei sich. Entsprechend viele Redewendungen beziehen sich darauf, dass man im Gesicht des anderen liest oder dass man den Menschen dort erst wirklich sieht. Zu sagen: Ich sehe dich bedeutet ja auch keinesfalls, dass man einen anderen Körper wahrnimmt, sondern dass man den anderen verstanden hat.

Der Philosoph Hans Blumenberg hat gar seine Anthropologie auf den Sehsinn gestützt. In seinem Buch Beschreibung des Menschen argumentiert er, dass es der aufrechte Gang sei, der den Menschen zum Menschen mache. Denn dadurch könne dieser einerseits selbst weiter sehen und würde andererseits aber auch besser gesehen. Diese Kultur des Sehens ist es, die also den Menschen ausmacht.

Vor diesem Hintergrund ist verständlich, warum sich so viele Menschen intuitiv abgelehnt, beleidigt oder angegriffen fühlen, wenn sie das Gesicht des anderen (aus nicht notwendigen Gründen, zu denen etwa Kälte- oder Verletzungsschutz gehören) nicht sehen können. Wenn der Ritter seinen Helm trug, wollte er nicht mehr kommunizieren, sondern vernichten. Es gilt deshalb noch heute als Beleidigung, wenn man den Erben des Helms, den Hut, etwa im Hause eines anderen aufbehält.

Wer sein Gesicht – und damit seine Person und also sein Wesen – vor dem anderen verbirgt, der signalisiert ihm, dass er entweder nichts mit ihm zu tun haben oder ihn gar beleidigen will. Wer seine Kopfhörer nicht absetzt, wenn er einen anderen Menschen anspricht oder angesprochen wird, der signalisiert, dass er eigentlich gar nichts von ihm hören will. Wer eine Sonnenbrille trägt, wenn er sich an andere wendet, der zeigt, dass er sie im Grunde nicht sehen will.

So sehr diese Verhaltensweisen beim modernen Menschen auch immer stärker verbreitet sind, sind sie selbstverständlich grob respektlos, denn sie zeigen dem anderen, dass er einem nicht so viel Wert ist, um ihn verstehen zu wollen.

Der moderne Mensch, der sich über die Ethik und damit über die Regeln des Zusammenlebens hinwegsetzen möchte, weil er sie als unzulässige Bevormundung empfindet, wird vermutlich mit seinem Verhalten nicht beleidigend oder respektlos wirken wollen. Jedoch liegt das nicht in seinem Ermessen, denn es ändert nichts daran, dass sich jahrtausendealte Regeln nicht über Nacht umwerfen lassen – zumal es auch gute Gründe gibt, das nicht zu tun. Vielmehr zeigt es die immer größer werdende moderne Unkenntnis der eigenen Kultur und als Folge davon eine immer weiter gehende Erosion der Umgangsformen der Menschen untereinander an. In Zeiten, in denen insbesondere Jugendliche permanent „respect“ für sich einfordern (weil sie dies in den Videos amerikanische Popmusikanten so vorgeführt bekommen), umgekehrt aber gerade ihr Verhalten respektlos ist, wenn in ihren Ohren die Kopfhörer gleichsam angewachsen zu sein scheinen, mutet diese ihre Forderung geradezu bizarr an.

Dass diese Kultur der unverschämten Respektlosigkeiten auch vor der Politik nicht Halt macht, kann da nicht verwundern. Ein Kandidat der Piratenpartei für den Bundestag im Wahlkreis Soest lässt sich auf seinem Wahlplakat allen Ernstes mit Sonnenbrille abbilden – versehen mit der Überschrift „Endlich normale Leute“.

Sven Sladek

Wie Recht er damit hat, dass er nämlich in gewisser Weise der Prototyp des normalen modernen Menschen ist, unterstreicht noch einmal mehr, dass gerade Leute wie er dazu beitragen, derartige Unverschämtheiten immer weiter zur Normalität werden zu lassen. Die Piraten – dazu habe ich mich an anderer Stelle geäußert – sind par excellence der Stereotyp einer modernen Partei, weil sie die Trennung von Form und Inhalt zum Programm erhoben haben und offenbar der Auffassung sind, dass wenn die Form stimmt, wenn also erst einmal alle Menschen über Internet und Smartphone verfügen, dies vollkommen als Inhalt reichen würde. Der Mensch ist aber Form und Inhalt. Dass man also notwendig einen eingeschränkten Blick auf die Welt hat, wenn man sie nur vermittelt durch Computermonitore betrachtet, ist daher nicht weiter verwunderlich.

Dass man aber, wenn man in ein Redeparlament gewählt werden will, in dem die Wendung Es gilt das gesprochene Wort leitend ist, angemessene und menschliche Umgangsformen beherrschen sollte, versteht sich eigentlich von selbst.

Wie kann man also einen Kandidaten wählen wollen, wenn er doch seine potentiellen Wähler wissen lässt, dass er sie eh nicht sehen will und sein Gesicht vor ihnen verbirgt?

Nun mag das Foto auch bloß als Scherz gemeint sein. Allein, für einen gelungenen Scherz muss man auch genau wissen, worüber man sich lustig macht. Das heißt, man muss die Regeln kennen, die man brechen möchte. Indem man es offenbar für normal hält, eine Sonnenbrille zu tragen, beweist man jedoch das Gegenteil. Humor ist eine ernste Sache, hatte Loriot betont. Gemeint hat er damit, dass man wissen muss, worüber man andere lachen machen möchte. Der Piratenkandidat offenbart sich jedoch nur als Stereotyp eines Modernen, der offenbar weder von der europäischen Kulturgeschichte, noch dem damit verbundenen Bild des Menschen eine hinreichende Kenntnis zu besitzen scheint. Wenn er dazu noch deklamiert, dass wir von einer „Kaste“ von Berufspolitikern regiert würden, die keine Ahnung mehr habe, „wie die reale Welt aussieht“, gerinnt die ganze Figur, die er auf diesem Plakat darstellt, zum Witz.

 

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