Yolo!

In Ronald Dworkins neuestem und leider auch zugleich letztem Buch, „Gerechtigkeit für Igel„, schreibt er:

Wir haben eine Verantwortung, ein gutes Leben zu führen. Einfach nur Spaß zu haben, reicht nicht aus.

Dieser Satz, gleichsam nebenbei notiert, stellt in seiner schönen Schlichtheit das Selbstverständnis des Modernen fundamental in Frage.Wenn man diesen Satz liest, sieht man förmlich schon die erbosten Modernen vor sich und hat sofort ihr ermüdendes und immer gleiches Lamento im Ohr: das könne man so allgemein doch nicht behaupten, denn in der Zeit des radikalen Individualismus‘ obliege es schließlich jedem einzelnen, was er mit seinem Leben mache! Mithin wäre ja auch ein Leben, das ausschließlich im Zeichen des Spaßes stünde, vollkommen in Ordnung, wenn es denn glücklich mache. Doch darin irrt der Moderne – wie in so Vielem –, denn ein solches Leben kann nicht glücklich machen.
Denn so vehement der moderne Einwand auch vorgetragen werden mag, kann er doch nicht verschleiern, dass sein Grund einzig in der Inkompetenz des Modernen liegt, die besagte Verantwortung für sein Leben wahrzunehmen. Denn wer diese ergriffen hat, wer also weiß, was er tut (oder tun möchte), der braucht sich ob eines – dann ja gegenstandslosen – Angriffes nicht zu erregen. Der Kern der modernen Verteidigung stellt also – wie eigentlich immer – darauf ab, dass niemand einem anderen Werte vorschreiben könne.
In diesem Zusammenhang kann es auch nicht verwundern, dass das omnipräsente Jugendwort des letzten Jahres „yolo“ geworden ist. Diese Abkürzung steht für „you only live once“ und soll deutlich machen, dass allein das eigene Befinden und der Spaß als Richtschnur des eigenen Handelns ausschlaggebend dafür ist, was man tut. Man habe nur ein Leben und also gelte es, dieses auch vollkommen zu genießen. Dementsprechend ist die zu dieser Haltung passende Lieblingsbeschäftigung „chillen“.
Doch wie aber kann man sich entspannen, muss man die Modernen fragen, wenn man niemals angespannt ist, weil man ja immer nur chillt? Wie kann man sich von keiner Anstrengung erholen? Und wie kann man Spaß haben, wenn man niemals den Ernst begriffen hat? Diese Begriffspaare sind nur wechselseitig verständlich und das Leben besteht eben im Spiel zwischen diesen beiden Polen, also darin, seinen Weg zwischen beiden zu finden. Wer nicht beide Seiten kennt, dessen Rede wird notwendig sinnlos und dessen Leben infolgedessen Wert-los,weil er nicht in der Lage ist, es mit Inhalt zu füllen. Dieser Inhalt besteht aus Werten beziehungsweise einer Haltung gegenüber der Welt, die auf Werten beruht. Ein Wert, der als Grundlage eines guten oder glücklichen Lebens geeignet ist, muss begründet sein und einem ethischen Diskurs standhalten (und es besteht ein Unterschied zwischen begründet sein und für begründet halten).

Diejenigen, die also in radikal-individualistischer Manier Spaß als den Sinn ihres Lebens angeben, berauben sich im Grunde genommen selbst eines Wert-vollen Lebens. Den Preis dafür werden sie früher oder später zahlen müssen. Denn ein gutes und glückliches Leben beruht auf Werten – so auch Dworkin. Spaß jedoch ist selbt kein Wert, sondern die Folge einer bestimmten Bewertung der Welt. Das, was die Modernen für Spaß halten, ist somit im Grunde bestenfalls langweilig.

Was meinen Sie?