Belehre mich nicht! Über die tiefe Angst des Modernen

Als Umberto Eco seinen Roman Der Name der Rose veröffentlichte, war eines der zahlreichen Themen dieses Buches das Verhältnis zwischen dem Meister und dem Schüler. Voller Güte und Weisheit lehrt der Meister seinem Schüler, die Welt in einer bestimmten Weise zu sehen. Der Schüler ist am Ende sehr dankbar dafür. Die Beziehung zwischen den beiden hat viele Moderne angerührt. Eigentlich merkwürdig, ist dem modernen Menschen doch nur wenig mehr zuwider, als belehrt zu werden.

Die Beziehung zwischen Meister und Schüler hat eine sehr lange Tradition und war die längste Zeit der Menschheitsgeschichte die vorherrschende Form der Weitergabe von Wissen und Weisheit. Sie beruhte auf einem Begriff von Anerkennung und Ehre, den der deutsche Philosoph Hans-Georg Gadamer in folgendem Absatz sehr schön beschreibt:

Die Autorität von Personen hat ihren letzten Grund nicht in einem Akte der Unterwerfung und der Abdikation der Vernunft, sondern in einem Akt der Anerkennung und Erkenntnis – der Erkenntnis nämlich, daß der andere einem an Urteil und Erfahrung überlegen ist und daher sein Urteil vorgeht, d.h. vor dem eigenen Urteil Vorrang hat. Damit hängt zusammen, daß Autorität nicht eigentlich verliehen, sondern erworben wird und erworben sein muß, wenn einer sie in Anspruch nehmen will. Sie beruht auf Anerkennung und insofern auf einer Handlung der Vernunft selbst, die, ihrer Grenzen inne, anderen bessere Einsichten zutraut. Mit blindem Kommandoghorsam hat dieser richtig verstandene Sinn von Autorität nichts zu tun. Ja, unmittelbar hat Autorität überhaupt nichts mit Gehorsam, sondern mit Erkenntnis zu tun.

 

Wie fremd müssen Gadamers Worte in modernen Ohren klingen. Denn der Moderne hat sich ja der Ethik entledigt und der großen Erzählungen. Er glaubt nur noch, was bewiesen werden kann. Doch Weisheit, die Basis der Meister-Schüler-Beziehung, kann nicht bewiesen werden. Folglich ist der Moderne allein Herr seiner selbst, er weiß allein, was das Beste für ihn ist. Er kann aus diesem Grund keinem anderen mehr vertrauen, denn wenn jeder nur für sich allein weiß, was das Beste ist, dann kann es ein anderer nicht besser wissen. Also respektiert er auch niemanden mehr aus Einsicht in die Überlegenheit des anderen in einem Punkt, sondern allenfalls, weil er es aus Gründen des direkten Zwangs muss. Darin liegt der Grund, warum der Moderne keine Ethik hat und keinen Standpunkt – denn dazu bedürfte es des Diskurses mit anderen, dem das Eingeständnis eigenen Unwissens vorangehen müsste – und am Ende hat er auch keinen Charakter. Der Charakter ist nämlich der äußere Ausdruck einer Haltung. Eine Haltung ist die Menge aller, größtenteils begründeten, Dispositionen eines Menschen, wie er sich gegenüber der Welt verhält. Eine Haltung – und damit am Ende auch der Charakter – ist das Ergebnis der Reibung mit der Welt, der sich der Moderne ja zu entziehen versucht.

Wenn sich nun jemand anschickt, dem Modernen ein Argument zu liefern, dann steht dieser bloß hilflos da. Er hat ja kein Gegenargument, weil sein Standpunkt notwendig der richtige sein muss. Aber er hat eines: Angst. Denn tief in seinem Innersten spürt er, dass eventuell doch die Möglichkeit besteht, dass der andere Recht haben könnte. Das aber würde bedeuten, dass der eigene Standpunkt und – in moderner Lesart damit zugleich – man selbst falsch ist. Hier droht der Abgrund narzisstischer Kränkung. Was also tun? Für diesen Fall hat der Moderne vorgesorgt und insbesondere zwei Standardargumente, mit denen er sich zu verteidigen können glaubt:

entweder behauptet er: Das kann man so allgemein nicht sagen!

Oder er glänzt mit der Ausflucht: Für mich ist das anders.

Die Hilflosigkeit, die den Modernen dazu treibt, allen Ernstes mit solch unsinnigen Scheinargumenten operieren zu müssen, ist nachgerade schon rührend. Denn selbstverständlich handelt es sich in beiden Fällen nicht um gültige Argumente, setzen sie doch in einem Fall mit der Allgemeinheit, im anderen mit der Wahrheit beide jeweils genau das voraus, was sie eigentlich zu bestreiten suchen. Denn die Aussage, man könne etwas nicht allgemein sagen, ist ja nur dann sinnvoll, wenn es eine solche Allgemeinheit gibt, an die man appellieren kann. Genau so kann „für mich“ etwas nur dann anders sein, wenn es einen Begriff der Wahrheit gibt (an dem sich das bemessen lässt).

Solche Beleidigungen der Vernunft muss man von Modernen leider sehr häufig ertragen. Der brillante Philosoph Stanley Cavell stellt seinem berühmtesten Werk, Der Anspruch der Vernunft, daher dieses Zitat von Ralph Waldo Emerson voran:

Ehrlich gesagt, ein anderer Geist belehrt mich nicht, er provoziert mich.

Darin ist im Grunde alles ausgedrückt, was dem Modernen abhanden gekommen ist: Das Bewusstsein vom Wert der Worte eines anderen. Jedes Wort eines anderen kann eine Provokation sein, weil es nicht mein Wort und daher von diesem verschieden ist. In dieser Differenz besteht ja genau die Spannung, die das menschliche Leben ausmacht: das Wort des anderen kann meinem überlegen (weil es wahr und meines falsch ist) oder unterlegen (weil seines falsch und meines wahr ist) sein. Jedes Wort eines anderen provoziert daher, die eigene Haltung, die eigenen Überzeugungen und den eigenen Standpunkt zu überprüfen. Entweder hat der andere Recht, dann habe ich die Möglichkeit gewonnen, mich weiterzuentwickeln und mich von Irrtümern zu befreien. Oder ich habe Recht und kann dann das andere Argument begründet zurückweisen.

Doch der radikale, moderne Individualist, der sich genau dieser Möglichkeit des Diskurses selbst beraubt hat, kann nicht anders, als aus seiner Angst heraus, überall Belehrungen zu sehen, die ihn bedrohen. Er kann einem darin regelrecht Leid tun, weil er sich selbst eines wesentlichen Konstituens des Menschseins beraubt. Aber was kann einem schließlich Schrecklicheres passieren – möchte man ihm zurufen –, als belehrt zu werden und voranzukommen!

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