Die modernen Ungebildeten

Die Moderne hat das Prinzip der Effizienz in ihr Zentrum gestellt und alles andere danach ausgerichtet. Folgerichtig ist auch das Bildungssystem anhand des Effizienzgedankens ausgerichtet worden, was nichts anderes heißt, als dass alles, was im Bildungssystem getan wird, messbar und verlässlich reproduzierbar getan werden soll. Nun ist Bildung allerdings genau das nicht: messbar und vor allem nicht verlässlich reproduzierbar und sicher herstellbar.

Bildung ist nämlich die umfassende Idee, alle Erfahrungen und alles Wissen, das sich jemand angeeignet hat, in einen übergreifenden Sinnzusammenhang zu stellen, der am Ende die Persönlichkeit des einzelnen ausmacht beziehungsweise prägt. Bildung führt zur Ausbildung eines Charakters, den wiederum ausmacht, begründet Stellung nehmen zu können, was im Bildungskontext heißt, zu wissen, warum man etwas weiß und wozu dieses Wissen dienen kann.

Das, worauf das heutige Bildungssystem abzielt, ist in diesem Sinne nicht mehr Bildung, sondern Wissen. Es kostet sehr viel Zeit und auch Ruhe und Muße, sich zu bilden. Zeit ist aber gerade der Faktor, dem die Effizienz den Krieg erklärt hat. Wissen kann man sich demgegenüber letztlich durch Auswendiglernen sehr schnell aneignen. Folglich müsste eigentlich nicht mehr die Rede vom Bildungs-, sondern vielmehr vom Wissens- beziehungsweise besser noch vom Abrichtungsystem die Rede sein, weil Bildung in der Moderne genau das ist: die Lernenden darauf abzurichten, auf Kommando bestimmte Informationen, die letztlich euphemistisch dann als Wissen bezeichnet werden, wiederzugeben.

Menschen, die dieses Abrichtungssystem durchlaufen haben, können nicht mehr als gebildet, ja nicht einmal als halb gebildet (dieser Begriff stammt von Theodor W. Adorno: Theorie der Halbbildung) bezeichnet werden. Bestenfalls wissen sie einiges, das aber auch nur bis zur entsprechenden Prüfung. Denn da sie dieses Wissen ja gelernt haben, ohne den dazugehörigen Kontext zu verstehen, bleibt es haltlos und geht verloren. Wissen und Weisheit stehen in keinem Zusammenhang mehr. Diese bedauernswerten Modernen sind nichts weiter als bildungsökonomisch zu einem bestimmten Zweck, nämlich der Verwertung am Markt, hergerichtetes so genanntes Humankapital.

Gegen ein solches Wissenssystem kann sich in der Moderne jedoch auch kein profunder Widerspruch mehr richten. Es ist ja gerade eines der zentralen Mantren der Modernen, dass es kein Richtig und Falsch gäbe, mithin demnach alles, was ist, so ist und darüber zu urteilen nicht möglich ist. Dieses Mantra kann auch nicht Wunder nehmen, denn um begründet urteilen zu können, ist ein gebildeter Charakter notwendig, der ja gerade durch das gegenwärtige Wissenssystem zerstört wird. Zu argumentieren haben die Modernen nicht gelernt, damit geht ihnen selbstverständlich auch die Fähigkeit zum Urteilen ab. Das Wissenssystem erhält sich also wie von unsichtbarer Hand selbst. Hier ist auch zukünftig keine Änderung zu erwarten, denn irgendwann werden die Ungebildeten, wie der Wiener Philosoph  Konrad Paul Liessmann sie nennt, ja selbst Lehrer (sofern sie es nicht bereits sind). Was können solche Lehrer ihren Schülern vermitteln? Nichts außer Wissen – und das ist zu wenig.

In diesem thematischen Zusammenhang sind zwei Bücher sehr zu empfehlen. Das eine ist die populär gehaltene Abhandlung von Bernhard Heinzlmaier: Performer, Styler, Egoisten: Über eine Jugend, der die Alten die Ideale abgewöhnt haben (Archiv der Jugendkulturen, 2. Auflage, 2013), das andere ein pointierter und fundiert begründeter Essay von dem bereits erwähnten Konrad Paul Liessmann: Theorie der Unbildung. Die Irrtümer der Wissensgesellschaft (Piper, 8. Auflage, 1. Auflage von 2008).

An dieser Stelle seien die Klappentexte der beiden Studien zitiert, die hinreichend Aufschluss nicht nur über den in ihnen verhandelten Inhalt geben, sondern tatsächlich selbst bereits in dieser Kürze eine präzise Analyse des katastrophalen Zustand unseres ehemaligen Bildungs- und jetzigen Wissenssystems geben.

Bei Heinzlmaier heißt es:

Der Neoliberalismus ist ein Gas (Deleuze). Einem Gas kann man kaum Grenzen setzen. Aus der Ökonomie kommend strömt es ungehindert in alle Diskurse und Lebenswelten ein. Ökonomische Imperative greifen auf alle Sphären der Gesellschaft über auf Schule, Familie, Gesundheitswesen, Kultur, Bildung usw. Die Gesellschaft ist zum Anhängsel des Marktes geworden.
Wir treffen heute auf ein Phänomen, das in den Sozialwissenschaften als Werteverschiebung vom Postmaterialismus zum Neomaterialismus bezeichnet wird. Der Neomaterialismus steht für eine Grundhaltung, die postmaterielle Werte der 68er Generation wie Solidarität, Toleranz, idealistische Selbstverwirklichung und die Kritik an gesellschaftlicher Ungerechtigkeit und Unterdrückung durch ein neomaterialistisches Wertesetting ersetzt, in dem die beherrschenden Werte Sicherheit, Konsum, sozialer Aufstieg, Nutzenorientierung und Affirmation der gesellschaftlichen Verhältnisse sind. Berechtigt ist nur, was sich vor dem Richterstuhl der ökonomischen Imperative bewähren kann. Was sich nicht verwerten lässt, wird exkludiert, auch wenn es sich dabei um Menschen handelt.
In verschulten und autoritär reglementierten Universitäten, in denen Bildung durch die unkritische Akkumulation von Fachwissen und dessen Abprüfung im geistlosen Multiple-Choice-Verfahren verdrängt wird, werden die Jugendlichen systematisch für die Verwendung im Markt hergerichtet. Kritische Reflexionen sind nicht mehr gefragt. Bildung als Erziehung zur Freiheit, als Persönlichkeitsbildung, als Förderung von kreativen und ästhetischen Fähigkeiten, Bildung der Gesinnung und des Charakters (Humboldt) alles längst verabschiedet und auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen. Am Ende verlässt schön verpacktes Humankapital die bildungsökonomisch hocheffizienten Ausbildungsfabriken.
Doch die gut ausgebildeten Ungebildeten sind ängstliche Kreaturen. Mit begrenztem Horizont und engem Herz geht diese neue Elite durch die Welt, die Angst im Nacken, von anderen, ebenso coolen Charakteren wie sie selbst aus dem Feld geschlagen zu werden.

Und Konrad Paul Liebmann entlarvt in seiner Streitschrift den „Ungeist der Zeit“:

Wie auch immer der große historische Horizont beschaffen sein mag – gerade das demonstrative Beschwören von Sachzwängen und Reformnotwendigkeiten, gerade die Monotonie, mit der die Botschaft verkündet wird, daß es keine Alternativen gebe, gerade die Hast und Geschwindigkeit, mit der die Phrasen der neuen Marktreligion und auf die Menschen einprasseln, zeugen davon, daß auch anderes möglich wäre. Der Glaube an die Unausweichlichkeiten unserer Zeit gehört womöglich zu jenen Illusionen, die notwendig sind, damit das Unausweichliche erst wirklich unausweichlich wird.

Bildung hatte einst mit dem Anspruch zu tun, die vermeintlichen Gewissheiten einer Zeit ihres illusionären Charakters zu überführen. Eine Gesellschaft, die im Namen vermeintlicher Effizienz und geblendet von der Vorstellung, alles der Kontrolle des ökonomischen Blicks unterwerfen zu können, die Freiheit des Denkens beschneidet und sich damit die Möglichkeit nimmt, Illusionen als solche zu erkennen, hat sich der Unbildung verschrieben, wieviel an Wissen sich in ihren Speichern auch angesammelt haben mag. (S. 174f)

Zum Schluss erscheint noch eine Besprechung eines Amazon-Rezensenten sehr erhellend, die deshalb hier auch noch wiedergegeben sei:

Der Inhalt in aller Kürze: tiefgründige Forschung und „Bildung“ – im ursprünglichen Wortsinne – drohen verloren zu gehen, weil die moderne Bildungspolitik ein altes Bildungskonzept zu verbessern strebt, dessen Grundlagen sie nicht mehr kennt, da sie selbst die grundlegenden Texte des Humanismus und des deutschen Idealismus nicht mehr gelesen hat und deshalb, bar jeder echten Bildung und in Unkenntnis des zu Verbessernden, das Gute am Alten nicht bewahren kann, und – aus mangelnder eigener philosophischer Tiefe und Sorgfalt auch kein gleichwertiges oder besseres Bildungkonzept zu entwerfen vermag.
Eine solche Verschlimmbesserei und Pfusch an den Grundlagen unserer Gesellschaft muss gerade einen Denker wie Liessmann zur Verzweiflung treiben, der eben, anders als die Mehrheit unserer Gesellschaft, die unserem alten Bildungskonzept zugrundeliegende Philosophie noch kennt und gründlich studiert hat. Sein in der Verzweiflung oft ohnmächtig wirkender Zorn entlädt sich auf 175 Seiten dieser Streitschrift, die weniger die „Irrtümer der Wissensgesellschaft“ aufzeigt als in bisweilen wie gelähmtem Entsetzen bloß noch zu konstatieren, dass die Fundamente unseres Bildungsideals bereits so erodiert sind, dass selbst unsere in den universitären Verwaltungen tätigen Hochschullehrer sich von den bunt schillernden Sprechblasen der „Globalen Wissensgesellschaft“ ohne jede kritische Gegenwehr mesmerisieren lassen.
Liessmanns Streitschrift kommt leider zwei oder drei (oder vier?) Jahrzehnte zu spät, wird ohnehin nicht viel zur „öffentlichen“ „Debatte“ (wo gibt es noch „öffentliche Debatten“ – in der Leserbriefsparte des „Spiegel“ oder in einem von eintausenddickmilch Blogs?) beitragen, eignet sich aber hervorragend, um sich von ihr ausgehend in das einzulesen, was mal das humanistische Bildungsideal war – die Fussnoten geben da die eine oder andere Anregung.

Eine taugliche Änderung des Abrichtungssystems zurück zu einem Bildungssystem, das seinen Namen verdient, ist nach Ansicht des Bielefelder Soziapsychologen Rainer Dollase im Grunde ganz einfach. Die belastbaren Einsichten seiner (und anderer Wissenschaften – und damit ist eben nicht die Bildungs“wissenschaft“ gemeint) existieren schon lange: Es braucht Lehrende, die wissen, worüber sie sprechen, das heißt: die gebildet sind. Dass diese Forderung jedoch nur äußerst schwer in die Realität umzusetzen ist, ergibt sich aus dem bisher Gesagten: das gegenwärtige System stabilisiert sich ja selbst, insofern die Erkenntnis dessen, dass lediglich Unbildung produziert wird, ja ebenjene Bildung voraussetzt, derer Lehrer, die von dem Abrichtungssystem hervorgebracht werden, gemäß zahlreicher Studien allererst bedürfen. (Gebildete Lehrer, die es durch glückliche Zufälle selbstverständlich gibt, sind nämlich aus anderen Gründen gebildet, nicht durch ihre Ausbildung.) Wem sollte das Ausmaß dieses Mangels also auffallen? Und wer sollte es ändern wollen insbesondere angesichts dessen, dass das Gehalt der Verantwortlichen Akteure im Abrichtungssystem ja sicher ist, vollkommen ungeachtet des Ergebnisses ihrer Arbeit?

Die Pseudereformen, deren Ursprung lediglich darin besteht, dass Bildungsforscher im Zwang stehen, etwas anderes als das Vorhergehende zu publizieren, taugen dazu nicht. Gruppenarbeit oder die vollkommen abwegige Forderung, Lehrer sollen „Lerncoach“, Moderator von Bildungsprozessen oder Begleiter bei Selbstlernprozessen im Rahmen eigenverantwortlichen Lernens sein, zeugen weder von einer profunden anthropologischen, noch von einer philosophischer Kompetenz. Beides ist jedoch eine notwendige Voraussetzung,wenn man sich qualifiziert dazu äußern möchte, wie man Menschen bilden könne. Am Ende lernen Menschen von Menschen. Damit das möglich ist, muss der Lehrende allererst Mensch sein und das heißt unter anderem, dass er gebildet sein muss. Das mag selbstverständlich klingen, tatsächlich ist es das aber gerade nicht. In diesem Sinne stellt Dollase, an dem nun das Schlusswort sei, fest:

Gelegentlich mag man den Eindruck haben, dass junge Menschen heute anders lernen würden oder müssten als früher. Zuviel habe sich geändert. Dann werden Methoden der Erziehung und Unterrichtung empfohlen, die wiederum Jahrhunderte alt sind oder mehr oder weniger wirkungslos sind. Dabei zwingt uns der demographische Wandel zu besonderer Effektivität in Erziehung und Unterricht, also wäre eine Orientierung an der erfahrungswissenschaftlichen Psychologie und Pädagogik notwendig. Diese gibt es in diesen Jahren. Nicht PISA, sondern Hattie (S. 209, 2013) ein neuseeländischer Erziehungswissenschaftler bestimmt heute die pädagogische Diskussion. Hattie hat über 60 Tausend empirische Untersuchungen zur Frage des erfolgreichen Unterrichts zusammengestellt und belegt, was die Entwicklungs- und Sozialpsychologie längst belegt hat: erwachsene Bezugspersonen und gute Lehrkräfte bestimmen den Erfolg von Erziehung und Unterricht wesentlich. Nicht der Moderator selbstgesteuerter Lernprozesse ist gefragt, weder strenge noch lässige Eltern, sondern Erwachsene, die den Lernprozess beschleunigen und verantwortungsvoll konsequent, aber herzlich führen. Auch Versuche, die Gleichaltrigengruppe zur pädagogischen Autorität zu ernennen, müssen scheitern: Gruppen können für eine erhebliche Anzahl von Schülern auch Entwicklungsrisiken sein. Die Forschung zeigt: Manche modische Welle in Erziehung und Unterricht hat längst nicht gehalten, was sie versprochen hat.

One Reply to “Die modernen Ungebildeten”

  1. Meiner Meinung nach sind die Gründe noch viel weitreichender. Bereits im Baby- und Kleinkindalter fördern heutzutage Eltern den natürlichen Lerndrang ihres Nachwuchses zu Tode. Die Mechanismen werden in diesem Artikel sehr gut beschrieben: http://www.gewuenschtestes-wunschkind.de/2014/03/wie-kinder-lernen-wie-wir-sie-sinnvoll-foerdern-foerderung-von-babys-und-kleinkindern-fruehfoerderung.html
    Des Weiteren macht es die moderne Erziehung und Schule den Kindern schwer, mit intrinsischer statt extrinsischer Motivation zu lernen. Dieser Umstand wird nicht nur durch die Themenvorgabe der Schulen sondern auch durch die Belohnungs- und Bestrafungskultur am Leben erhalten. Mich persönlich überzeugt das interessensgesteuerte Lernen in Montessori-Schulen.
    Zu guter Letzt möchte ich den Vorschlag eines Bildungsforschers in die Runde werfen, den ich vor längerer Zeit in einer Talkshow gesehen habe. Seiner Überzeugung nach sollte Lernen in Projekten zu wechselnden Themen stattfinden. Auf diese Weise wird bei den Schülern nicht nur eigenständiges Lernen gefördert, sondern auch Wissen aus (heutzutage in der Schule seperat unterrichteten) unterschiedlichen Fachgebieten vernetzt.
    Das allein löst freilich nicht das Problem, dass bestimmte Ergebnisse von den Lehrenden erwartet werden, welches ich traurigerweise tagtäglich auch an meiner Hochschule erleben muss.

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