Über Bildung, Halbbildung und Unbildung

Ab und an sind in den Feuilletons überregionaler Zeitungen Berichte von Hochschuldozenten zu lesen, die sich darüber wundern, dass viele der gegenwärtig Studierenden wesentliche Fähigkeiten vermissen ließen, die zum Studieren notwendig sind. Keineswegs auch würden diese fehlenden Fähigkeiten als wertvoll erkannt. Vielmehr würde deren Wert schlichtweg in Frage gestellt. Die Antwort der Angesprochenen lässt selbstredend nicht lange auf sich warten. Entweder wird behauptet, es seien ja nicht alle so, oder aber sie seien ja nicht Schuld daran, dass sie so sind. Beide Antworten bestätigen die Diagnose der Dozierenden: woran es mangelt, ist die Fähigkeit zu urteilen.

„Wo Kompetenzen vermittelt, Tests ausgefüllt, im Team geteacht, international verglichen und modular studiert wird – dort ist die Praxis der Unbildung am effizientesten.“       Konrad Paul Liessman, „Geisterstunde“

Seit der Einführung der Bachelor-/Master-Abschlüsse hat sich der – man möchte sagen: – Geist an den Universitäten verändert. Damit ist nicht gesagt, dass diese Veränderung kausal mit der so genannten Bologna-Reform zusammenhängt. Viele Kollegen aus Staaten, in denen schon lange diese Studienstruktur besteht, bemerken ähnliche Veränderungen bei den Studierenden. Zweifelsohne aber hat die Hochschulreform in Deutschland diese Veränderung begünstigt und befördert.

Keinesfalls geht es bei dieser Kritik um die zu jeder Zeit aufkommende Beschwerde über dier Jugend, denn es geht nicht um derartige Trivialitäten, dass sich die jungen Studierenden die Haare anders frisieren oder anderen Freizeitbeschäftigungen nachgehen.

Was ist denn aber das Problem an den deutschen Universitäten? Liest man Volker Ladenthin, Bildungswissenschaftler an der Universität Bonn, lässt sich feststellen, dass es den jungen Studierenden an der Fähigkeit zu urteilen und bereits an dem dazu vorgängigen Problembewusstsein ermangelt. Die folgenden Zitate Ladenthins entstammen seinem in der Frankfurter Allgemeinen veröffentlichten Artikel „G8 wird die Studienzeit verlängern„.

Darin schreibt Ladenthin über die Haltung der jungen Studierenden zum Studieren: „Lebensweltliche Konfliktsituationen werden entweder als bereits von anderen geklärt oder als individuell beliebig lösbar entproblematisiert. Zusammen mit mangelnder Urteilskraft ist das ein Problem für Handlungstheorien“. Die darin zum Ausdruck kommende Schwierigkeit ergibt sich daraus, dass Probleme nach Lösungen verlangen, eine Lösung aber das Ergebnis eines Urteils ist, das zu bilden die Genannten nicht fähig sind, weshalb folgerichtig Probleme einfach als nicht existent definiert werden, anstatt den Wunsch auszubilden, urteilen zu lernen. Eine weitere Folge daraus ist, dass diese Studierenden schlicht den naiven Standpunkt eines Relativismus einnehmen, weil sie ja auch nicht mehr in der Lage sind zu erkennen, dass die relativistische Position nicht nur in sich widersprüchlich, sondern überdies – deswegen – auch nicht tragfähig ist. So Ladenthin weiter:

Geltungsansprüche werden so lange anerkannt, wie sie der eigenen Erfahrung entsprechen. […] Literaturinterpretation sei Ansichtssache, jeder könne alles in einem Text lesen; man sehe das halt anders. Auch in moralischen Fragen „sehe jeder das eben anders“. Moral sei, was die Gesellschaft dafür hält; das sei alles anerzogen. Es gebe „eh“ keine Wahrheit. Alles sei Ansichtssache.

Würde man jemanden, der einen solchen inkonsistenten Unsinn äußert, beispielsweise einfach mit der Begründung schlagen, dass man eben eine Moral anerzogen bekommen hat, die einem ein solches Handeln erlaubt, würde sicherlich mit den Worten geantwortet, man dürfe nicht schlagen, denn um das zu verhindern „gebe es doch gesetzliche Regelungen!“ (ebenfalls aus dem zitierten Text) Woher diese Regeln stammen und dass sie jeweils notwendig begründungsbedürftig sind, tritt jedoch weder ins Bewusstsein, noch wird es als Erfordernis erkannt. Gesetzliche Regelungen werden offenbar naiv als gegeben vorausgesetzt.

Nun ließe sich ja fragen, warum Menschen, die ernsthaft solche Auffassungen teilen, überhaupt studieren, denn schließlich ist ein Lernen gemäß einer streng relativistischen Auffassung zu Folge ja nicht möglich. Diese Frage hat auch die Frankfurter Politikwissenschaftlerin Christiane Florin ihren Studierenden gestellt (veröffentlicht in: Die Zeit: Die angepassten Okay-Studenten). Daraufhin

[…] stellten [die Studierenden] Flasche und Notebook kurz zur Seite. „War mein Referat nicht gut?“, fragten einige. „Bekomme ich keinen Schein?“, wollten andere wissen. „Doch, doch, die Referate waren okay“, tröstete ich die Besorgten. „Und keine Sorge: Einen Schein bekommen Sie auch.“ Okaysein ist das oberste Lernziel, lerne ich aus solchen Dialogen. Okay ist das wahre Exzellent.

Die Antwort ist also einfach: Man studiert, weil man einen Abschluss braucht. Das Fach, in dem man diesen Abschluss anstrebt, ist dabei eher nebensächlich, da Inhalte ja eh nicht relevant sind (eine weitere notwendige Konsequenz des Relativismus). Warum besucht man dann Seminare? Weil man dort die notwendige Scheine machen kann. Also ist die Hauptsorge, ob man diese Scheine und weiter die entsprechenden ECTS-Punkte bekommt, um dann am Ende einen Studienabschluss zu erhalten. Inhaltliches Interesse und damit Leidenschaft für die Thematik kann nicht mehr erwartet werden. Volker Ladenthin beschreibt deshalb im zitierten Artikel den Geisteszustand dieser Studierenden treffend in ihren eigenen Worten:

Die häufig benutzten Füllfloskeln „weiß nicht“, „keine Ahnung“, die zwischen Aussagesätze gesetzt werden, indizieren unfreiwillig den eigenen Bewusstseinsstand. „Man kann Schule doch nicht mit, keine Ahnung, Universität vergleichen . . .“

Das deutsche Ausbildungs- und insbesondere die Universitäten, die wegen ihrer hervorragenden Konzeption einmal sehr gelobt wurden, verkommen immer mehr zu Abrichtungssanstalten, in denen die Teilnehmenden das tun, was von ihnen erwartet wird. Was das ist, wird von anderen, die in der Sache inkompetent sind (etwa Vertreter der so genannten Wirtschaft oder die Politik), festgelegt.

Bernd Rüthers, Professor der Rechtswissenschaft, konstatiert angesichts dessen in dem Artikel Durch „Flachschulreife“ mehr Gerechtigkeit:

Das Ausbildungsniveau Deutschlands war einmal ein weltweit beachtetes Modell in vielen Disziplinen. Dann kam eine hirnlose Bürokratie und Gesetzgebung auf die Idee, bewährte Markenzeichen dieses Erfolges – ich nenne etwa die Begriffe „Diplomingenieur“ oder „Fakultät“ – ohne Kontakt mit den Hochschulen über Nacht abzuschaffen oder im Kern umzumodeln. Wie aus den „Hauptschulen“ in kurzer Zeit „Nebenschulen“ geworden sind, so besteht die Gefahr, dass aus deutschen Hochschulen „Flachschulen“ und aus den der „Universitas“ verpflichteten Universitäten geistig eng geführte Fachschulen für immer schmaler definierte Berufsgruppen werden könnten.

[…] Wir hatten bereits in den siebziger Jahren, nach dem ersten Reformfieber der Achtundsechziger in den Universitäten den Zustand, dass wir in Fächern, in denen es auf sprachliche Präzision ankam, den universitären Studienanfängern das Fach Deutsch als erste Fremdsprache anbieten mussten.

Die Idee des deutschen Bildungssystems sowohl insbesondere der Universitäten als auch der Gymnasien war einmal eine andere. Theodor W. Adorno nennt als Bildungsauftrag „Erziehung zur Mündigkeit“ und meint damit, dass es nicht Aufgabe der Bildungseinrichtungen ist, ausschließlich Wissen zu vermitteln. Aufgabe von Bildung ist es vielmehr, den Menschen – daher der Begriff – zu bilden, ihn eben zu formen, aber nicht von außen, sondern von innen. Bildung muss bedeuten, dass dem Lernenden (dem, der sich bilden will), die Möglichkeit gegeben wird, sich, die Welt und seine Position in der Welt kritisch zu reflektieren, zu beurteilen zu lernen und dadurch zu einem Standpunkt zu kommen, der größer ist als ein Kreis mit dem Radius null, wie Albert Einstein noch über den Standpunkt der meisten Menschen gesagt hat. Die Schwierigkeit dabei besteht darin, dass die Bildung die wichtigste Voraussetzung des Sich-Bildens nicht schaffen kann: den Willen dazu. Darin besteht das gegenwärtig größte Problem. Während Adorno sah, dass es bildungswillige Menschen gibt, denen jedoch richtige Bildung durch schlechte Bedingungen vorenthalten wird, denen man vielmehr Halbbildung, also Wissen bloß um des Wissens willen, anbietet (wonach einige im Übrigen sogar streben, siehe dazu dessen „Theorie der Halbbildung„), scheint es heute vielmehr so zu sein, dass es an im eigentlichen Wortsinne Bildungswilligen überhaupt fehlt. Die Idee der (insbesondere universitären) Bildung kommt damit zu ihrem Ende. Der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann spricht deshalb in diesem Kontext von Unbildung, durch die das gegenwärtige Bildungssystem charakterisiert ist (siehe: „Theorie der Unbildung„, Piper, 1. Aufl.: 2008 oder auch sein neues Buch: Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift, Zsolnay 2014).

Im Zuge des Relativismus, der nicht nur von den angesprochenen Studierenden in der Mehrzahl geteilt wird, sondern der überdies die wesentliche Auffassung der Moderne ist, machen sich Ideale, wie zum Beispiel das bürgerliche Ideal humanistischer Bildung, verdächtig:

Viel von dem, was man unter dem Titel Didaktik rubrizierte, gehorchte einem einfachen Prinzip: die Inhalte klassischer Bildung zu einem äußerlichen, auf die vermeintlichen Bedürfnisse der Jugendlichen zugeschnittenen, halbwegs attraktiven Sammelsurium von Reizen, Zugängen, Anregungen und Aufhängern verkommen zu lassen. […]

„Unbildung“ meint […], daß die Idee von Bildung in jeder Hinsicht aufgehört hat, eine normative oder regulative Funktion zu erfüllen. Sie ist schlicht verschwunden. […]

Die Abkehr von der Idee der Bildung zeigt sich dort am deutlichsten, wo man dies vielleicht am wenigsten vermutet: in den Zentren der Bildung selbst. Die seit geraumer Zeit betriebene Umstellung sogenannter Bildungsziele auf Fähigkeiten und Kompetenzen (skills) ist dafür ein prägnanter Indikator. Wer Teamfähigkeit, Flexibilität und Kommunikationsbereitschaft als Bildungsziele verkündet, weiß schon, wovon er spricht: von der Suspendierung jener Individualität, die einmal Adressat und Akteur von Bildung gewesen war. (Liebmann, Theorie der Unbildung, Seite. 69ff)

Die Konsequenz dieser Entwicklung ist klar:

Die Liquidierung des humanistischen Gymnasiums und der Humboldtschen Universität […] zeigen beispielhaft die bildungspolitische und standrechtliche Seite dieses Prozesses; die Entmachtung der bürgerlichen Kultur als Vorbild und Maßstab kultureller Aktivität überhaupt indiziert die ästhetisch-normative Dimension dieses Bedeutungsverlustes. (ebd., S. 67)

Dabei ist diese „bürgerliche Kultur“ letztlich auch die Agglomeration all dessen, wessen es bedurfte, um den Bürger gegenüber den ehemaligen Machthabern, namentlich dem Adel und dem Klerus, allererst zu Macht zu verhelfen. Erst die langsame Entwicklung des Bürgertums, die nur durch einen bestimmten Kanon geteilter Werte und geteilten Wissens möglich war, der Bürger als Bürger auswies, machte am Ende die Demokratie und damit diejenigen Rechte möglich, derer sich diejenigen gern bedienen, die sich jetzt über das Bildungsideal des Bürgertums verächtlich machen, ohne freilich in ihrer Unbildung diesen Zusammenhang überhaupt begriffen zu haben.

In diesem Geiste ist nämlich beispielhaft und stellvertretend von einem Vertreter derjenigen Generation, der die angesprochenen Studierenden angehören, zu lesen:

Wieder tritt jemand auf Studenten ein, auf eine Generation, die angeblich angepasst ist, sich um nix selber kümmern kann.
Der Protest müsste sich eigentlich gegen die richten, die Kinder den ganzen Tag an der Schule wissen wollen. Die das Studium in klare kurvenlose Lehrpläne packen. Die junge Mitarbeiter wollen, die vor allem teamfähig, „belastbar und gradlinig“ sind. Die Basta-Politiker, Betriebsoptimierer, Dauersorger und Vorschriftencowboys, die selbst weit weg sind von zwanzig. Und das vielleicht nie waren. (Post auf Facebook von Mistergambit.de)

Dieser Text ist selbstverständlich kein Argument. Da er einer Begründung ermangelt, kann er schwerlich als solches gelten und entspricht insofern den hier erwähnten Strukturen der gegenwärtigen Diskussionskultur: es werden Befindlichkeiten geäußert. Diese Befindlichkeit ist insofern interessant, als dass sie in ihrem ganzen Ausdruck den Ausweis der Unbildung darstellt. Nach Immanuel Kant war es die Vernunft, mittels deren Gebrauch der Mensch den Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit finden sollte. „Sapere aude!“, rief Kant den Menschen zu: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Kant hat aufgezeigt, inwiefern der Mensch sich ein eigener Gesetzgeber ist, inwiefern allgemeine – moralische wie politische – Gesetze vor dem Richterstuhl der Vernunft bestehen müssen, um allgemeine Gesetze sein zu können. Gesetze sind nicht deswegen richtig, weil sie von einem König, einer Regierung oder dem Klerus erlassen werden. Es ist allein die Vernunft, die ihnen Gültigkeit verleiht. Dies ist der Kerngedanke der Aufklärung und in deren Folge der humanistischen Bildung.

Doch diese Einsicht ist zusammen mit der Bildung lange verpufft. Und nun lesen wir bei Mistergambit.de, wie ungerecht es doch sei, auf die Studierenden „einzutreten“. Denn die könnten ja gar nichts dafür, dass sie so sind, wie sie sind. Es sind schließlich die anderen, die daran die Schuld trügen. Die Studierenden hätten sich dem ihnen äußeren Druck nur anzupassen. Kein Gedanke mehr daran, dass auch ein Studierender die Möglichkeit hat, von seinem eigenen Verstand Gebrauch zu machen, nachzudenken und sich zu fragen, ob denn das, was von ihm verlangt wird, alles so richtig ist. Kein Gedanke mehr daran, dass auch ein Studierender sich gegebenenfalls widersetzen und eigene Wege gehen kann, indem er zum Beispiel ein Studium wählt, das seinen Neigungen entspricht und nicht bloß vermeintlich gute Berufsaussichten verspricht. Kein Gedanke daran, dass es auch etwas anderes als Anpassung gibt. Die Macht der Vernunft scheint aus der Welt verschwunden, der Geist der Unbildung scheint sie zu beherrschen.

Vom Tenor her in derselben Weise argumentiert eine junge Bloggerin aus Münster, deren Einlassungen an dieser Stelle deswegen interessant sind, weil sie sehr viel positive Resonanz von – dem Duktus und der Art und Frequenz der Verstöße gegen die Regeln der deutschen Sprache in den Kommentaren nach zu urteilen – überwiegend jungen (und der eigenen Zielgruppenbeschreibung nach weiblichen) Menschen erfährt.

Diese Bloggerin klärt uns in ihrem Beitrag darüber auf, warum man Mode, die man – ihre Formulierung ist allgemein gehalten und soll vermutlich alle junge Frauen einschließen – zunächst hässlich finden würde, schlussendlich doch aber trüge, mehr noch: unbedingt haben müsse:
Jeder kennt doch folgende Situation: Man sieht etwas Neues, nehmen wir mal das Beispiel der schicken Jeans, die bis zum Bauchnabel geht. Information wird aufgenommen, Gehirn denkt sich: “Urgs.” Dann sieht man auf einmal immer öfter dieses schlimme Desaster mit der Hose bis zum Bauchnabel und die Information wird wieder aufgenommen, das Gehirn hatte aber grad mal nicht so gut aufgepasst und sagt: “Hm. Würd ich jetzt nicht tragen, aber ok.” Auf einmal tragen alle um einen herum diese Hosen (wie auch immer das passieren konnte) und das Gehirn kommt mit der Masse gar nicht mehr klar: “Ey wooow! Geile Hose!” Und ehe man etwas dagegen tun kann, steckt man selbst in so einer Hose. Manchmal, ganz manchmal blitzt dann noch ein bisschen Verstand durch: “Hmm eigentlich…psssssssscht” und dann ist wieder Rauschen. Das ist meine Theorie, wie Mode funktioniert. Ähnlich wie eine Seuche, gegen die der Körper sich wehrt, bis er zu schwach ist.
Einmal abgesehen von solchen Ergebnissen der Unbildung wie der – selbstverständlich falschen – Behauptung, dass das Gehirn denkt, ist Ihre schlagende Begründung für diese These tatsächlich eine implizite Absage an den Verstand: durch Medien, vor allem aber andere Blogs und von ihr nicht näher qualifizierte Vorbilder würde man so getriggert, dass der eigene Sinneswandel dadurch zu Stande käme. Die Autorin skizziert damit im Grunde das Muster eines Schwarmverhaltens, allerdings ermangelt es in ihrer Darstellung eines wichtigen Aspekts, um als Schwarmintelligenz beziehungsweise kollektive Intentionalität bezeichnet werden zu können: nämlich genau der gemeinsamen Internationalität, also der Verständigung auf ein gemeinsames Ziel. Zwar ergibt sich in dem Sinne ein diffuses gemeinsames Ziel, nämlich sich schön zu kleiden, eine Klärung dessen, was das bedeuten soll, findet aber nicht statt. Insofern wird dieser Schwarm also nicht von innen heraus gesteuert, eben durch ein solches gemeinsames Ziel, sondern von außen: von den Verantwortlichen in der Mode- und Werbeindustrie durch eben den gezielten Einsatz von Triggern, denen sich die Autorin und ihre Leserinnen und Leser kritiklos unterwerfen.
Der Schwarm wird damit zur „Heerde“ (so Nietzsches Wort im Zarathustra), die dumm und unfähig, sich der eigenen Urteilskraft zu bedienen, dem Schäfer nachläuft – ganz gleich, wohin.
Nicht einmal am Rande wird im genannten Blog darüber diskutiert, was die für dieses Thema zentralen Begriffe schön und hässlich überhaupt bedeuten, dies wird der Beliebigkeit einer vermeinten subjektiven Sphäre anheim gestellt.
Der menschliche Urteilsprozess, der nach Prinzipien der Vernunft abläuft und ausgehend von einer Kritik der Begriffe dann entsprechend zu Ergebnissen gelangt, wird auf den Kopf gestellt. Unter vollkommener Aussparung vernünftiger Reflexion werden Kriterien, wie ein Sachverhalt zu beurteilen ist (wann also etwas unter einen Begriff wie zum Beispiel schön fällt) an externe Trigger delegiert beziehungsweise von diesen abhängig gemacht.
Während bei Mrgambit.de wenigstens noch offen die Schuldfrage angesprochen und Schuld in der Folge dann freilich delegiert wird, findet dieser Schritt bei der Münsteraner Modeexpertin überhaupt nicht mehr statt. Junge Menschen erscheinen dort lediglich als das, was in der Philosophie des Geistes ein Zombie genannt wird: Menschen, die nur wie Menschen aussehen, aber ihrer wichtigsten Eigenschaft beraubt sind: der Fähigkeit zur vernünftigen Reflexion. Der hohe Akklamationsgrad auf dem Blog, der freilich kein valides Kriterium zur Beurteilung darstellt, weil kritische oder negative Stimmen sicherlich von der Autorin entfernt werden, der aber dennoch insoweit  interessant ist, weil die positiven Stimmen sicherlich nicht gefälscht sind, verschafft einen Besorgnis erregenden Einblick in die starke Verbreitung der Urteilsunfähigkeit, die offenbar nicht einmal mehr entfernt als Mangel wahrgenommen wird.

Man möchte sich nicht ausmalen, in welche Richtung eine Masse solch nicht zu kritischem Denken fähiger Menschen eine Gesellschaft entwickeln wird, wenn diese Menschen am Ende nicht mehr sind, als willfährige Vollstrecker der Interessen anderer, weniger, denen sie sich hilflos unterworfen sehen. Diese anderen sind zudem noch nicht einmal mehr gewählte Politiker, sondern Wirtschaftsvertreter, die weder abwählbar, noch dem Gemeinwohl – wenigstens auf dem Papier – verpflichtet sind. Im Falle der Münsteraner Bloggerin liegt zudem noch eine besondere Verquickung vor: Als Teil der Mode- und Werbeindustrie, der sie ja ist, hat sie selbstverständlich kein Interesse daran, die Urteilsfähigkeit ihrer Leserinnen und Leser zu verbessern, die es ja schließlich einerseits als Werbekunden attraktiv verkaufen zu können und andererseits für ihren eigenen Betrieb (ein Fotostudio) als Kunden zu gewinnen gilt. Eine solche Verquickung ist deshalb so problematisch, weil sie eben mangels Urteilsfähigkeit von den meisten jungen Leserinnen und Lesern (gemessen an den entsprechend lautenden Kommentaren) nicht erkannt werden kann und mithin die Verlautbarungen auf dem Blog für wahr beziehungsweise aufrichtig gehalten werden.

Die amerikanische Philosophieprofessorin – und zugleich eine der angesehensten Ethikerinnen – Martha Nussbaum betont deshalb in ihrer Schrift Nicht für den Profit!: Warum Demokratie Bildung braucht (Tibia Press 2012) ebenfalls, dass Bildung nicht der Herrichtung von Humankapital dienen darf, sondern den Menschen in die Lage versetzen muss, urteilsfähig zu werden. Angesichts dessen, dass unser Bildungsystem diese Aufgabe eben nicht mehr wahrnimmt und bereits junge Menschen – wie im Beispiel der Leserinnen und Leser des erwähnten Blogs – wirtschaftlich konditioniert werden, weist das auf das zentrale Problem unserer Zeit hin.

Was meinen Sie?