March for Science

Am 22.4.2017 findet weltweit in mehreren Städten ein March for Science statt, um auf die unverhandelbare Relevanz der Wissenschaft für die Demokratie hinzuweisen.

In Zeiten wie diesen, in denen die sogenannten Bildungseinrichtungen – und hier insbesondere die seit den OECD-initiierten Wirtschaftsreformen nur noch dem Namen nach allgemeinbildenden Schulen, aber auch die im Bologna-Prozess geschleiften Universitäten – ihre Aufgabe, den Menschen im eigentlichen Sinne zu bilden und ihm nicht bloß hohles Wissen zu vermitteln, aufgegeben haben, fehlt es an einem wirksamen Korrektiv, das es verhindern würde, dass der Geist so vieler Menschen durch die jeweilige Stadtmauer begrenzt wird (sofern er denn überhaupt so weit kommt und die eigene Grundstücksgrenze überschritten hat).
Die Folge dieser ungebildeten Eingeschränktheit ist der moderne Egozentrismus, dessen Kernannahme Element of Crime so schön besungen haben: „Wo meine Füße stehn, ist der Mittelpunkt der Welt.“
Wer nur auf seinem Fleck verharrt, wer aber trotzdem sein eigenes Denken zum Zentrum des Denkens schlechthin macht, der erhebt bloße Meinung zur Wahrheit.
Dank Web-Netzwerken wird diese Meinungs-Wahrheit auch sogleich jederzeit und ungefragt in die Welt geblökt. In diesen Netzwerken finden sich auch bestimmt noch andere, die dieselbe Meinung teilen – dann muss sie doch wahr sein! Freilich kann man die Meinung haben, die Erde sei eine Scheibe. Doch nur ein Idiot hat eben eine solche Meinung und auch mehrere Idioten, die darin übereinstimmen, machen diese Meinung nicht wahr.
Gefühligkeiten, Intuitionen, Eindrücke oder was auch immer garantieren kein Wissen. Dazu bedarf es im mindesten allgemein nachprüfbarer und unter definierten Bedingungen widerlegbarer Gründe.
Wer darauf verzichtet, wer Wahrheit für seine unqualifizierte Meinung in Anspruch nimmt und diese dogmatisch behauptet, der bereitet den Nährboden für Fakenews, alternative Fakten, Postfaktizität und anderen Blödsinn.
Das ist zugleich der Nährboden, auf dem Scharlatane wie Donald Trump oder die „unsägliche Truppe“ (Habermas) der AfD gedeihen.
Sie gedeihen dort nicht, weil sie Recht hätten, sondern weil sie ihren Unsinn lauter blöken als der Rest der Heerde (Nietzsche).
Letztendlich sind Trump & Co nicht die eigentliche Gefahr für die Demokratie, sondern nur ein Symptom des Problems. Das eigentliche Problem nämlich ist, dass Menschen in ihrer Sehnsucht nach einfachen Antworten in einer hyperkomplexen Welt einen Unsinn wie beispielsweise Verschwörungstheorien glauben und dadurch die Möglichkeit jeder vernünftigen Diskussion an der Wurzel zerstören. Übrig bleibt dann nur noch ein beliebiges: „Ich hab meine Meinung, du hast deine“ oder, wie es von insbesondere jungen Menschen in Web-Netzwerken ausgedrückt wird: „Leben und leben lassen“. Demokratie lebt von Diskussion und Streit, vom Austausch von vernünftigen Gründen. Wer auf letztere verzichtet, ebnet der Willkür den Weg.
Doch egal wie laut die Schreihälse krakeelen: es gibt einen Unterschied zwischen wahr und falsch, zwischen Fakten und Unsinn. Und es gibt Methoden, diesen Unterschied herauszufinden.
Dort ist die Aufgabe der Wissenschaft.
Der „March for science“ am 22. April 2017 soll genau daran erinnern, dass eben nicht alles egal oder relativ ist und dass es insbesondere jetzt nötig ist, der Dominanz der Dummköpfe etwas entgegen zu setzen!
Weitere Informationen und die Veranstaltungsorte finden Sie hier: www.marchforscience.de
Aus der Ankündigung der Veranstalter:
Kritisches Denken und fundiertes Urteilen setzt voraus, dass es verlässliche Kriterien gibt, die es erlauben, die Wertigkeit von Informationen einzuordnen. Die gründliche Erforschung unserer Welt und die anschließende Einordnung der Erkenntnisse, die dabei gewonnen werden, ist die Aufgabe von Wissenschaft. Wenn jedoch wissenschaftlich fundierte Tatsachen geleugnet, relativiert oder lediglich „alternativen Fakten“ als gleichwertig gegenübergestellt werden, um daraus politisches Kapital zu schlagen, wird jedem konstruktiven Dialog die Basis entzogen. Da aber der konstruktive Dialog eine elementare Grundlage unserer Demokratie ist, betrifft eine solche Entwicklung nicht nur Wissenschaftler/innen, sondern unsere Gesellschaft als Ganzes.
Am 22. April 2017 werden deshalb weltweit Menschen auf die Straße gehen, um dafür zu demonstrieren, dass wissenschaftliche Erkenntnisse als Grundlage des gesellschaftlichen Diskurses nicht verhandelbar sind.
Alle, denen die deutliche Unterscheidung von gesichertem Wissen und persönlicher Meinung nicht gleichgültig ist, sind eingeladen, sich an dieser weltweiten Demonstration für den Wert von Forschung und Wissenschaft zu beteiligen – nicht nur Wissenschaftler/innen!

One Reply to “March for Science”

  1. Bedenklich ist in diesem Zusammenhang, dass auch die Populär-Philosophie – statt diesen Trend, bloße Meinung als Wahrheit auszugeben, mit den Argumenten der Philosophen zu kritisieren – großenteils unkritisch an der öffentlichen Entsubstanzialisierung von Aussagen Teil nimmt, ja sogar einen pseudointellektuellen Chic darin findet, sich mit Phrasen der Beliebigkeit zu schmücken. So titelt das bekannte „Philosophie Magazin“ im April/ Mai 2017: „Und woran zweifelst du? Leitfaden für das postfaktische Zeitalter“.

    Postfaktisch? Allein dieser Begriff ist irreführend und propagandistisch, denn er will offensichtlich unterstellen, dass es keinerlei Fakten, also keine objektiven Tatsachen mehr gäbe, sondern lediglich einen Dschungel subjektiver Meinungen, durch den hindurch zu navigieren die Aufgabe des postmodernen Bürgers sei. Unterschätzen wir nicht das schleichende Gift solcher unscheinbar wirkenden, aber hochgradig propagandistischen Begriffsveränderungen – Protagoras hatte seinerzeit solche gefährlich irreführenden Wortspielereien als Isotopimodulation präsentiert, wenngleich auch schon nicht erfunden – sie verunsachlichen nicht nur die Diskussion erheblich, sondern schaffen auch den ideologischen Grund dafür, Verunsachlichungen als neue Norm zu akzeptieren.

    Dank Thomas´ Erklärung wissen wir ja nun, was das abgenutzte Trendwort „yolo“ bedeuten soll: you only live once. Ich würde für die Vertreter des angeblich Postfaktischen reformulieren „yolh“: you only live half. Denn ein Leben ohne die grundsätzliche Möglichkeit von Wahrheit ist ein hälftiges Leben, das angeblich „Postfaktische“ als neue Norm ist eine schlimme Propaganda und ein Türöffner zur Akzeptanzbildung jedweder Manipulation der Massen.

Was meinen Sie?