Fehlschlüsse der Moderne: Präliminarien

Typisch für die Moderne sind einige Fehlschlüsse, die man allesamt als Fehlschlüsse der Trennung bezeichnen kann, weil sie unzulässigerweise trennen (oder auch Getrenntes verbinden). Typisch sind sie deswegen, weil Ihr Ursprung untrennbar verbunden ist mit dem Gründungsakt der Moderne und weil dementsprechend der Fehler, auf dem sie beruhen, der Moderne immanent ist. Man könnte also fast sagen, dass ein Moderner gar nicht umhin kann, diese Fehlschlüsse zu begehen, andernfalls wäre er kein Moderner. weiterlesen Fehlschlüsse der Moderne: Präliminarien

Fehlschlüsse der Moderne: Die Verbindung von Erfolg und Anerkennung

Die Diskussion dieses Fehlschlusses wird dadurch sehr erschwert, dass bereits die beiden Begriffe Erfolg und Anerkennung höchst erklärungsbedürftig sind. Warum ich dennoch diese beiden Begriffe und keine anderen gewählt habe, wird weiter unten noch deutlich werden. Erklärende Begriffsarbeit jedoch soll und kann hier nicht geleistet werden, weil es auch weniger auf die konkrete Bedeutung dieser Begriffe ankommt, als vielmehr auf die zugrunde liegende Struktur des Fehlschlusses. Um letztere besser zu verdeutlichen, möchte ich an dieser Stelle auf eine Unterscheidung zurückgreifen, die von Erich Fromm in einem seiner wichtigsten Bücher, Haben oder Sein, eingeführt worden ist und die den Kern des hier verhandelten Fehlschlusses genau trifft. Im Kern läuft diese Unterscheidung darauf hinaus, dass es etwas Verschiedenes ist, was man hat und was man ist. Einfach gesagt: wer viele Bücher hat, ist dadurch noch kein belesener Mensch. Ein Mensch kann weise dadurch werden, dass er viel liest. Ein weiser Mensch ist aber etwas anderes als ein Büchereigentümer. Desgleichen trifft auf Wissen zu (siehe Fehlschluss von der Trennung von Wissen und Weisheit): Wer viel Wissen hat, ist dadurch noch nicht zwangsläufig weise oder kompetent.
Diese Unterscheidung zieht sich durch nahezu alle Bereiche des modernen Lebens, man könnte sogar sagen, dass sie den in seinen Auswirkungen her gravierendsten Fehlschluss begründet. Wie gravierend dessen Konsequenzen sind, sieht man an Fromms berühmten Beispiel der Liebe: viele Moderne sagen nur mehr: „Ich habe dich lieb“. Das jedoch ist etwas völlig anderes, als einen Menschen zu lieben. Liebe zielt immer auf das ganze Sein, sie verändert einen Menschen wesentlich und berührt existenziell. Das Haben, und darin liegt der entscheidende Unterschied zum Sein, verändert einen Menschen keineswegs in derselben Weise, denn was man bloß hat, kann man auch genau so einfach wieder weggeben, ohne etwas Wesentliches zu verlieren (dass das, was man hat, oftmals das Sein verändert, ist ein anderes Thema). Was man ist kann man jedoch – bereits begrifflich – notwendigerweise nicht verändern, ohne anschließend jemand anderes zu sein. Hierin liegt übrigens auch einer der Gründe für die Veränderung moderner Liebesbeziehungen (siehe: Das Ende der Liebe: Gefühle im Zeitalter unendlicher Freiheit): sie rühren die modernen Menschen nicht mehr im Wesen an, sondern sind lediglich noch etwas, was sie haben (Der Moderne hat eben Beziehungen oder Affairen) genau so, wie sie etwa Accesoires haben. Deshalb kann der Moderne Liebesbeziehungen wie Accesoires auch so einfach wechseln. Man ist darüber vielleicht traurig, so wie man es bedauert, dass man einen bestimmten Mantel nicht mehr hat, aber es findet sich schon bald ein neuer.
Diesen Fehler, Haben und Sein miteinander zu verwechseln, begeht der Moderne andauernd. Drei Beispiele mögen genügen, um diesen Punkt zu verdeutlichen.
(1) Über den Unterschied zwischen Wissen und Weisheit wurde bereits an anderer Stelle gehandelt. Dort war die Rede davon, dass der Moderne Wissen und Weisheit trennt und glaubt, Weisheit durch Wissen ersetzen zu können. Aber auch der umgekehrte Weg ist möglich, dann fällt er unter diesen Fehlschluss. Danach glaubt der Moderne, dass, wenn er nur das eine hat, das andere notwendig daraus folgt. Wer also Wissen hat, hat dann auch zugleich Weisheit. Mit Hilfe der frommschen Unterscheidung lässt sich dieser Fehlschluss analysieren: Wissen ist etwas, das man hat, das mehr oder weniger einfach jeder erwerben kann. Weise jedoch ist eine Eigenschaft des Seins: weise wird man, zum Beispiel dadurch, dass man auf das Wissen unter bestimmten Gesichtspunkten reflektiert und dadurch gutes Wissen erkennt oder dadurch, dass man gut handelt.
(2) Warum verwende ich nun aber die Begriffe Anerkennung und Erfolg im Zusammenhang mit diesem Fehlschluss? Das hat seinen Grund im Arbeitsbegriff des Modernen, der ja lediglich noch formal ist (siehe Fehlschluss von der Trennung von Form und Inhalt). Fasst man Arbeit aber lediglich formal auf, dann gehen einem notwendig – wie gezeigt – diejenigen Kriterien ab, die gute Arbeit von schlechter unterscheiden. Erfolg wird dann leicht als Gradmesser für Anerkennung (in der Arbeit und später leichtfertig auch als Mensch) genommen. Wer dann in modernem Geist 14 Stunden am Tag arbeitet und für seinen Arbeitseifer gelobt wird (was der Moderne als Erfolg auffasst), der glaubt sich dadurch zugleich anerkannt. Dass es jedoch keine Kunst ist, 14 Stunden Zeit abzusitzen und sich währenddessen zu beschäftigen, entgeht ihm. Er hat kein Urteilsvermögen mehr dafür, wofür er anerkannt wird. In seiner Hilflosigkeit geht er dann eben so weit, sich an jede Art von Rückmeldung zu klammern und diese als Rückmeldung über seine Anerkennung aufzufassen. Ein tragischer Fehler. Denn gute Arbeit bemisst sich, wie bereits gesagt, an inhaltlichen Kriterien, niemals an formalen. Gut sein kann folglich nicht, wer bloß etwas getan hat, sondern nur, wer urteilt und entsprechend bewusst und vorsätzlich handelt – beides ist dem Sein zugehörig. Dieser Unterschied lässt sich noch mit dem dritten Beispiel weiter verdeutlichen.
(3) Insbesondere in den so genannten „sozialen Netzwerken“ lässt sich gegenwärtig etwas beobachten, was seinen Grund in der Verbindung von Erfolg und Anerkennung hat. Nicht wenige junge – vornehmlich – Frauen und Mädchen präsentieren sich dort auf Fotos in lasziven, bemüht-erotischen Posen. Das erwartbare Resultat ist zumeist eine hohe Zahl an zustimmenden Kommentaren, die allenthalben loben, wie „hübsch“ oder „schön“ die abgebildete Person doch sei. Diese Rückmeldungen wiederum dienen jenen sodann als Ausweis ihres Anerkanntseins. Ein fataler Fehlschluss. Denn einerseits ist es dieser Tage gleichsam ein Automatismus, dass laszive, erotische Posen mit positiven Kommentaren bedacht werden (das heißt, der Erfolg gründet nicht in dem konkreten Foto, sondern in einem Reflex). Andererseits ist Schönheit, selbst wo sie besteht und außerdem noch gut dargestellt ist (letzteres ist bei den meisten der in Rede stehenden Aufnahmen ja mitnichten der Fall), immer nur ein äußeres Phänomen, dass dem Wesen nur akzidentiell zukommt. Was gelobt wird, ist also immer nur die Schönheit, nicht der Mensch und also das Wesen der Person. Erfolg im Sinne positiver Reaktionen auf die Schönheit ist also niemals gleichzusetzen mit der Anerkennung eines Menschen.

Im Zusammenhang mit künstlerischen Produkten, wie in diesem Falle etwa Fotos, ergibt sich außerdem noch eine weitere Version dieses Fehlschlusses, auf den ein Zitat von Ludwig Wittgenstein einen Hinweis gibt:

Daß es mir – oder Allen – so scheint, daraus folgt nicht, daß es so ist. (Über Gewißheit, §2)

Der Punkt hier ist, dass es eine Tendenz gibt, derzufolge eine hohe Zahl an zustimmenden Kommentaren zu einem Foto als Beleg dafür gewertet wird, dass es sich um ein gutes Foto handelt. Doch selbstverständlich folgt das nicht daraus. Das einzige, was daraus folgt, ist, dass eine große Anzahl an Menschen ein betreffenden Foto schön finden (das Foto hat in diesem Sinne großen Erfolg). Der Grund dafür ist dann aber nicht notwendig die Eigenschaft des Fotos, schön zu sein, sondern liegt in den Betrachtern, die eine Meinung über dieses Foto haben. Damit ein Foto tatsächlich schön ist (als schön anerkannt wird), muss es Gründe dafür geben, die einem (ästhetischen) Urteil zugänglich sind.
Das schmälert selbstverständlich nicht die Bedeutung dessen, dass jemand etwas für schön halten kann. Ich sage nur, dass ein Unterschied besteht, ob etwas schön ist oder von jemandem dafür gehalten wird. Beides hat in der Ästhetik andere, je eigene Konsequenzen und darf deshalb keineswegs miteinander verwechselt werden. Wer das tut, begeht den hier diskutierten Fehlschluss.