Soziale Ausgrenzung, noch einmal

 An dieser Stelle hatte ich vor Kurzem darauf hingewiesen, dass mein Artikel über soziale Ausgrenzung veröffentlicht worden ist.

In diesem Artikel ging es im Wesentlichen darum, dass soziale Ausgrenzung in der Moderne kein kontingentes Faktum mehr ist, sondern notwendige Folge inhärenter Probleme derjenigen Gesellschaftsformen, die mit dem Unwort „marktkonforme Demokratien“ bezeichnet werden, was nichts anderes bezeichnet, als eine Gesellschaftsform, die jeden Wert als einen ökonomischen begreift und mithin ebenfalls die Menschen nach ökonomischen Kriterien klassifiziert. In solchen Markt-Gesellschaften nun kommt es zu systematischen Ungerechtigkeiten. Die Veränderung der Arbeit führt nämlich dazu, dass nicht mehr die Kompetenz ausschlaggebend für den Zugang zu Arbeit ist, sondern die jeweils rein zufällige Nachfrage nach bestimmter Arbeitskraft (die bald darauf auch wieder verschwinden kann). Während es ein Merkmal der Gerechtigkeit ist, dass jeder die gleichen Möglichkeiten zur Teilhabe an der Gesellschaft erhält (worauf etwa John Rawls in seiner Theorie der Gerechtigkeit hinweist), ist es ein Merkmal der Ungerechtigkeit, wenn diese gleichen Zugangschancen systematisch zerstört werden. Ungleichheit – die im Übrigen durchaus mit Gerechtigkeit vereinbar ist – wird dann nämlich nicht mehr erfahren als ein Ergebnis im Rahmen eines gerechten Prozesses, sondern als ein bereits von vornherein, ungeachtet der eigenen Bemühungen, feststehendes Faktum, dem sich der einzelne nicht mehr entziehen kann, sondern nurmehr beugen muss. Eine solche Willkür wird als despotische Unterdrückung wahrgenommen. Menschen, die keine Macht haben, das hat die Geschichte gezeigt, lassen sich aber nur begrenzt von denen, die Macht haben, unterdrücken, weil sie – wie eben alle Menschen – potenziell denkende und freie Wesen sind, weshalb es keinen Grund gibt, warum einige systematisch gleicher sein sollen als andere, um ein berühmtes Zitat aus  George Orwells Animal Farm zu verwenden.

Deshalb habe ich in meinem erwähnten Artikel geschrieben:

Gegen die Macht derjenigen, die drinnen sind und die Institutionen beherrschen, kommen die von draußen nicht an. Das nährt immer mehr ein Gefühl der Machtlosigkeit, das einen Nährboden für Gewalt darstellt, wie sie in den Banlieues von Paris, den Vororten Londons und an immer mehr Orten bereits zu beobachten ist.

Ich schrieb damals, dass ich allerdings dennoch nicht erwarte, dass es zu großen Ausbrüchen der Unzufriedenheit kommen würde, weil die Menschen – und das wissen wir expressis verbis seit dem starken Wort Juvenals: panem et circenses – eben auch sehr träge Wesen sind, die solange bereit sind, Ungerechtigkeit zu ertragen, wie sie ihnen eben gerade noch erträglich ist. Die Kunst der marktkonformen Gesellschaften, die ja auf einen kaufkräftigen Markt angewiesen sind, besteht nun ja gerade darin, die Menschen in einen solchen Zustand zu bringen, dass sie dem Markt vollkommen zur Verfügung stehen, indem sie einerseits ihre Arbeitskraft größtmöglich ausbeuten lassen und andererseits ihr Geld weitestgehend wieder an den Markt zurück geben. Dabei dürfen sie aber nicht das Gefühl haben, vom Markt instrumentalisiert zu werden. Die Vortäuschung von Wettbewerb – exemplarisch etwa zwischen den Unternehmen Saturn und Media Markt, die ja zu derselben Unternehmensgruppe gehören – belässt den Kunden beispielsweise in dem Gefühl, durch seine Kaufentscheidung Macht auszuüben. Tatsächlich ist es aber in diesem Falle vollkommen egal, wem er sein Geld gibt.

Hat der Mensch also gerade so viel Geld (gleichsam Brot), wie er benötigt, um zu überleben, und ist er nur hinreichend mit den so genannten Neuen Medien (gleichsam Spieleversorgt, die ihn den ganzen Tag auf Trab halten und von der Einsicht in das Marktgeschehen ablenken, dann wird er seine Trägheit nicht überwinden und sich gegen etwaige Ungerechtigkeiten zur Wehr setzen.

Wie es aussieht habe ich mich in dieser Analyse nun entweder geirrt oder die Märkte haben darin versagt, den Menschen nicht zu sehr zu auszubeuten. Die Nachrichten der letzten Wochen zeigen, dass nun auch in Stockholm die Vorstadt brannte, dass in Istanbul Menschen in der Innenstadt aufbegehren und dass in ganz Brasilien mehr als eine Million Menschen protestieren. Vermutlich wird dieser Funke, da er nun einmal in der Welt ist, auch auf andere Länder übergreifen und dort, wo er bereits zum Feuer geworden ist, immer wieder auflodern.

Vielleicht mag es schwer sein, diese Bewegungen exakt zu vergleichen. Eines aber ist allen gemein: diese Menschen begehren gegen Ungerechtigkeit und soziale Ausgrenzung auf. Diese Menschen haben verstanden, dass es unter den Bedingungen der Gegenwart (wenn es das überhaupt jemals gegeben hat) kein Argument mehr für systematische Ausgrenzung gibt und dass diese dort, wo sie besteht, Ausdruck entweder der Absicht derjenigen, die Macht ausüben, oder deren Unfähigkeit, die Ungerechtigkeit zu beseitigen, sind.

 

Artikel in der „Berliner Republik“: Die drinnen und die draußen – Über soziale Ausgrenzung

Der Ausschluss bestimmter Teile der Bevölkerung von der gesellschaftlichen Teilhabe, also deren soziale Ausgrenzung, ist bei modern verfassten Gesellschaften nicht mehr ein kontingentes Faktum, das die Folge verschiedener Umstände ist, sondern es ist eine ihrer notwendigen, inhärenten Eigenschaften. Denn dann, wenn die Moderne auf die unumschränkte Freiheit abstellt und dieses Freiheitsideal auch in ihrer Wirtschaftsform (dem [neo-]liberalen Kapitalismus) zum Ausdruck bringt, wenn es also das höchste Ziel dieser von anderen – ethischen – Zielen befreiten Gesellschaft ist, möglichst viel Kapital zu akkumulieren, dann ist es begriffsnotwendig so, dass es dort, wo es Gewinner gibt, auch Verlierer geben muss. Wer dann also unter diesen Bedingungen ein Gewinner sein will, der muss notwendig ein Interesse daran haben, dass er nicht zu der Gruppe der Verlierer gehört und dass überdies diese Gruppe möglichst starr bleibt. So wird die Gesellschaft in diejenigen, die drinnen sind, und diejenigen, die draußen sind, geteilt. Davon handelt mein Artikel, der in der aktuellen Ausgabe 2/2013 der Berliner Republik erschienen ist. weiterlesen Artikel in der „Berliner Republik“: Die drinnen und die draußen – Über soziale Ausgrenzung