„Die Entdeckung der Langsamkeit“ von Sten Nadolny

Ein gänzlich unmodernes Buch, das genau dadurch hilft, die Moderne und ihre Irrwege zu verstehen, ist Die Entdeckung der Langsamkeit von Sten Nadolny.
Inhaltlich geht es in freier Bearbeitung um die Geschichte des historischen John Franklin, den englischen Seefahrer, der versucht hat, die Nordwestpassage um Amerika zu finden, mit diesem Vorhaben aber scheiterte, jedoch zahlreiche Entdeckerfahrten unternommen hat, die seinerzeit (und mit ihnen auch John Franklin selbst) allesamt durch die darüber erschienenen Bücher Berühmtheit erlangten.
Vordergründig könnte man das Buch also für einen Abenteurer-, Seefahrer- oder Historienroman halten, doch das ist eben nur vordergründig der Fall.
Tatsächlich liegt das Hauptaugenmerk der Geschichte auf einer besonderen Eigenschaft Franklins, nämlich seiner Langsamkeit. Franklin ist in allem, was er tut, langsamer als die anderen und braucht mehr Zeit, um nachzudenken. Zunächst erschien ihm seine Langsamkeit stets als Hindernis, weil die anderen in der Hektik und Schnelligkeit der modernen Zeit immer vor ihm zum Zuge kamen und dadurch vermeintlich größeren Erfolg hatten.
Erst langsam begreift Franklin, dass seine besondere Eigenart auch ihre Vorteile, zumindest jedoch keine Nachteile hat, indem er lernt, damit umzugehen. Es ist nämlich, so eine Botschaft des Buches, nicht notwendig derjenige der Erfolgreichste, der am schnellsten irgendetwas erreicht, sondern derjenige, der beharrlich und mit höchster, vom Interesse an der Sache geleiteten, Genauigkeit ein Ziel verfolgt. Während nämlich die schnellen Modernen genau so schnell von einem Ziel ablassen, wie sie es ins Auge gefasst haben, und dadurch mal dieses, mal jenes anstreben und keinen richtigen Kurs im Leben verfolgen, geht Franklin unbeirrt seinen Weg, der ihn immerhin zu höchsten Ehren geführt hat.
Nadolnys Buch ist in diesem Sinne ein Plädoyer für die Genauigkeit, für das aufrichtige Interesse an einer Sache und gegen die moderne Schnelligkeit, der es gar nicht mehr um die Sache, sondern nur noch um die Form der Geschwindigkeit geht. Der Wert der Dinge liegt in ihnen und kann nur erkannt werden, wenn man ihnen auf den Grund geht und nicht bloß an ihrer Oberfläche kurz verharrt.
Die Entdeckung der Langsamkeit stellt die Moderne und ihren oberflächlichen Wahn nach Schnelligkeit und Effizienz, der im Grunde den Dingen und den Menschen unwürdig ist, insgesamt in Frage.
Literarisch ist Nadolnys Werk überdies deswegen so empfehlenswert, weil er es vermag, Form und Inhalt zur Deckung zu bringen. Der Stil der Sprache und die Erzählweise des Buches entsprechen den jeweiligen Erlebnissen des Hauptdarstellers und helfen dadurch, die Welt durch dessen Augen nicht nur zu sehen, sondern auch zu begreifen. Auf diese Weise vermag es das Buch, die Moderne in ihrem Wesenskern zu entlarven.

Begriffsverwirrungen

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Das Thema dieser Autorin ist also das „Selbstbewusstsein im Beruf“. Doch bevor der Philosoph sich über eine neue Abhandlung aus der Philosophie des Geistes zu freuen beginnen kann, stutzt er sogleich ob der Präzisierung „im Beruf“. Wieso nur „im Beruf“?, fragt er sich, und denkt damit schon mehr über den Titel nach, als es die Autorin offenbar jemals getan hat.
Selbstbewusstsein, so die einschlägige Ansicht, ist ein Terminus, der erstmals in der Philosophie Verwendung fand und über den seither von Philosophen viel nachgedacht worden ist. Gibt es auch verschiedene Ansichten darüber, was genau denn nun Selbstbewusstsein ist, ist eines doch immerhin klar: der Begriff meint immer die Eigenschaft, vermittels des Denkvermögens die eigene Persönlichkeit erkennen zu können. Diese Definition ist in der Philosophie wohl begründet, was andere Disziplinen naturgemäß nicht davon abhält, den Begriff ebenfalls, und selbstverständlich in eigener Lesart zu verwenden. Das ist so lange kein Problem, wie man über die verschiedenen Bedeutungen, Verwendungsweisen und vor allem über die Geschichte des Begriffs Bescheid weiß. Andernfalls passiert, was die Autorin dieses Lebensratgebers getan hat: leichterhand wird ein Begriff in den Titel geschrieben, den man schon einmal gehört hat und von dem man zu wissen glaubt, dass er schon irgendwie das Beabsichtigte ausdrückt, das in diesem Falle vermutlich Selbstsicherheit oder Selbstwertgefühl sein soll.
Dem Philosophen bleibt dann nur, sich zu wundern, um was für einen sprachlichen Unsinn es sich hier handelt: Wieso wird nur über das Selbstbewusstsein im Beruf gesprochen? Unterscheidet es sich von dem außerhalb des Berufs? Hat eine Person also mehrere „Selbstbewusstseine“? Und wenn das so ist, erkennt sie sich sogar als mehrere Persönlichkeiten?
Doch das sind zu viele Fragen zu einem Buch, über dessen Titel sich keine Gedanken gemacht wurden.