Belehre mich nicht! Über die tiefe Angst des Modernen

Als Umberto Eco seinen Roman Der Name der Rose veröffentlichte, war eines der zahlreichen Themen dieses Buches das Verhältnis zwischen dem Meister und dem Schüler. Voller Güte und Weisheit lehrt der Meister seinem Schüler, die Welt in einer bestimmten Weise zu sehen. Der Schüler ist am Ende sehr dankbar dafür. Die Beziehung zwischen den beiden hat viele Moderne angerührt. Eigentlich merkwürdig, ist dem modernen Menschen doch nur wenig mehr zuwider, als belehrt zu werden.

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Yolo!

In Ronald Dworkins neuestem und leider auch zugleich letztem Buch, „Gerechtigkeit für Igel„, schreibt er:

Wir haben eine Verantwortung, ein gutes Leben zu führen. Einfach nur Spaß zu haben, reicht nicht aus.

Dieser Satz, gleichsam nebenbei notiert, stellt in seiner schönen Schlichtheit das Selbstverständnis des Modernen fundamental in Frage. weiterlesen Yolo!

Soziale Ausgrenzung, noch einmal

 An dieser Stelle hatte ich vor Kurzem darauf hingewiesen, dass mein Artikel über soziale Ausgrenzung veröffentlicht worden ist.

In diesem Artikel ging es im Wesentlichen darum, dass soziale Ausgrenzung in der Moderne kein kontingentes Faktum mehr ist, sondern notwendige Folge inhärenter Probleme derjenigen Gesellschaftsformen, die mit dem Unwort „marktkonforme Demokratien“ bezeichnet werden, was nichts anderes bezeichnet, als eine Gesellschaftsform, die jeden Wert als einen ökonomischen begreift und mithin ebenfalls die Menschen nach ökonomischen Kriterien klassifiziert. In solchen Markt-Gesellschaften nun kommt es zu systematischen Ungerechtigkeiten. Die Veränderung der Arbeit führt nämlich dazu, dass nicht mehr die Kompetenz ausschlaggebend für den Zugang zu Arbeit ist, sondern die jeweils rein zufällige Nachfrage nach bestimmter Arbeitskraft (die bald darauf auch wieder verschwinden kann). Während es ein Merkmal der Gerechtigkeit ist, dass jeder die gleichen Möglichkeiten zur Teilhabe an der Gesellschaft erhält (worauf etwa John Rawls in seiner Theorie der Gerechtigkeit hinweist), ist es ein Merkmal der Ungerechtigkeit, wenn diese gleichen Zugangschancen systematisch zerstört werden. Ungleichheit – die im Übrigen durchaus mit Gerechtigkeit vereinbar ist – wird dann nämlich nicht mehr erfahren als ein Ergebnis im Rahmen eines gerechten Prozesses, sondern als ein bereits von vornherein, ungeachtet der eigenen Bemühungen, feststehendes Faktum, dem sich der einzelne nicht mehr entziehen kann, sondern nurmehr beugen muss. Eine solche Willkür wird als despotische Unterdrückung wahrgenommen. Menschen, die keine Macht haben, das hat die Geschichte gezeigt, lassen sich aber nur begrenzt von denen, die Macht haben, unterdrücken, weil sie – wie eben alle Menschen – potenziell denkende und freie Wesen sind, weshalb es keinen Grund gibt, warum einige systematisch gleicher sein sollen als andere, um ein berühmtes Zitat aus  George Orwells Animal Farm zu verwenden.

Deshalb habe ich in meinem erwähnten Artikel geschrieben:

Gegen die Macht derjenigen, die drinnen sind und die Institutionen beherrschen, kommen die von draußen nicht an. Das nährt immer mehr ein Gefühl der Machtlosigkeit, das einen Nährboden für Gewalt darstellt, wie sie in den Banlieues von Paris, den Vororten Londons und an immer mehr Orten bereits zu beobachten ist.

Ich schrieb damals, dass ich allerdings dennoch nicht erwarte, dass es zu großen Ausbrüchen der Unzufriedenheit kommen würde, weil die Menschen – und das wissen wir expressis verbis seit dem starken Wort Juvenals: panem et circenses – eben auch sehr träge Wesen sind, die solange bereit sind, Ungerechtigkeit zu ertragen, wie sie ihnen eben gerade noch erträglich ist. Die Kunst der marktkonformen Gesellschaften, die ja auf einen kaufkräftigen Markt angewiesen sind, besteht nun ja gerade darin, die Menschen in einen solchen Zustand zu bringen, dass sie dem Markt vollkommen zur Verfügung stehen, indem sie einerseits ihre Arbeitskraft größtmöglich ausbeuten lassen und andererseits ihr Geld weitestgehend wieder an den Markt zurück geben. Dabei dürfen sie aber nicht das Gefühl haben, vom Markt instrumentalisiert zu werden. Die Vortäuschung von Wettbewerb – exemplarisch etwa zwischen den Unternehmen Saturn und Media Markt, die ja zu derselben Unternehmensgruppe gehören – belässt den Kunden beispielsweise in dem Gefühl, durch seine Kaufentscheidung Macht auszuüben. Tatsächlich ist es aber in diesem Falle vollkommen egal, wem er sein Geld gibt.

Hat der Mensch also gerade so viel Geld (gleichsam Brot), wie er benötigt, um zu überleben, und ist er nur hinreichend mit den so genannten Neuen Medien (gleichsam Spieleversorgt, die ihn den ganzen Tag auf Trab halten und von der Einsicht in das Marktgeschehen ablenken, dann wird er seine Trägheit nicht überwinden und sich gegen etwaige Ungerechtigkeiten zur Wehr setzen.

Wie es aussieht habe ich mich in dieser Analyse nun entweder geirrt oder die Märkte haben darin versagt, den Menschen nicht zu sehr zu auszubeuten. Die Nachrichten der letzten Wochen zeigen, dass nun auch in Stockholm die Vorstadt brannte, dass in Istanbul Menschen in der Innenstadt aufbegehren und dass in ganz Brasilien mehr als eine Million Menschen protestieren. Vermutlich wird dieser Funke, da er nun einmal in der Welt ist, auch auf andere Länder übergreifen und dort, wo er bereits zum Feuer geworden ist, immer wieder auflodern.

Vielleicht mag es schwer sein, diese Bewegungen exakt zu vergleichen. Eines aber ist allen gemein: diese Menschen begehren gegen Ungerechtigkeit und soziale Ausgrenzung auf. Diese Menschen haben verstanden, dass es unter den Bedingungen der Gegenwart (wenn es das überhaupt jemals gegeben hat) kein Argument mehr für systematische Ausgrenzung gibt und dass diese dort, wo sie besteht, Ausdruck entweder der Absicht derjenigen, die Macht ausüben, oder deren Unfähigkeit, die Ungerechtigkeit zu beseitigen, sind.

 

Artikel in der „Berliner Republik“: Die drinnen und die draußen – Über soziale Ausgrenzung

Der Ausschluss bestimmter Teile der Bevölkerung von der gesellschaftlichen Teilhabe, also deren soziale Ausgrenzung, ist bei modern verfassten Gesellschaften nicht mehr ein kontingentes Faktum, das die Folge verschiedener Umstände ist, sondern es ist eine ihrer notwendigen, inhärenten Eigenschaften. Denn dann, wenn die Moderne auf die unumschränkte Freiheit abstellt und dieses Freiheitsideal auch in ihrer Wirtschaftsform (dem [neo-]liberalen Kapitalismus) zum Ausdruck bringt, wenn es also das höchste Ziel dieser von anderen – ethischen – Zielen befreiten Gesellschaft ist, möglichst viel Kapital zu akkumulieren, dann ist es begriffsnotwendig so, dass es dort, wo es Gewinner gibt, auch Verlierer geben muss. Wer dann also unter diesen Bedingungen ein Gewinner sein will, der muss notwendig ein Interesse daran haben, dass er nicht zu der Gruppe der Verlierer gehört und dass überdies diese Gruppe möglichst starr bleibt. So wird die Gesellschaft in diejenigen, die drinnen sind, und diejenigen, die draußen sind, geteilt. Davon handelt mein Artikel, der in der aktuellen Ausgabe 2/2013 der Berliner Republik erschienen ist. weiterlesen Artikel in der „Berliner Republik“: Die drinnen und die draußen – Über soziale Ausgrenzung

Die Angst des Modernen vor dem Menschen

Für den Menschen der Moderne haben Wissen, so genannte harte Fakten und alles, was sich messen lässt, Vorrang vor dem, worauf man vertrauen muss oder was man nur glauben kann. Kurz: Der Moderne gibt der Technik den Vorzug vor dem Menschen. Denn die Technik, so scheint es ihm, verleiht Sicherheit, weil sie berechenbar ist – anders als Menschen, die täuschen oder lügen können, die sich irren und ihr Wort brechen. Die Technik kann man bei Bedarf aktivieren und auch wieder deaktivieren. Ist sie kaputt, gibt es Pläne, wie man sie wieder herstellen kann. weiterlesen Die Angst des Modernen vor dem Menschen

Vortrag: „Acknowledgment and Moral Motivation“, Swedish Congress of Philosophy, Stockholm

Vom 14.-16.6.2013 findet in Stockholm der diesjährige Swedish Congress of Philosophy statt, der von den Stockholmer Universitäten mit philosophischem Institut veranstaltet wird.

Ich bin eingeladen, auf dem Kongress einen Vortrag mit dem Titel „Acknowledgment und Moral Motivation“ zu halten. In dem Vortrag werde ich dafür argumentieren, dass ein jeder Mensch notwendig danach strebt, von den anderen als Mensch anerkannt zu werden. Dieses Streben nach Anerkennung wiederum bildet die basale Motivation für ethisches Handeln – und somit die Grundlage der Ethik. Dadurch verschiebt sich zugleich der Fokus der Frage: Warum soll man ethisch handeln? Es geht nicht um ein Sollen, sondern um ein Müssen.

Der Abstract zum Vortrag kann hier eingesehen werden:

Wachtendorf_Abstract_Acknowledgment and Moral Motivation

 

Michael Slote an der Universität Duisburg-Essen

Der amerikanische Philosoph Michael Slote, der für eine Motivethik argumentiert und das Gefühl insbesondere in Form der Empathie als relevant für Ethiken ausweist, kommt an die Universität Duisburg-Essen. weiterlesen Michael Slote an der Universität Duisburg-Essen

Schönsein ist alles

Das entscheidende Kriterium, anhand dessen der Moderne seinen Wert bemisst, ist Zustimmung. Zustimmung lässt sich am einfachsten, das liegt in der Natur der Sache,  dadurch erzeugen, dass man zunächst einmal so ist und sich so verhält und so präsentiert, wie es am wenigsten Anstoß bei anderen erregt. Wenn man dazu dann noch einfach nichts mehr sagt, sondern nur noch spricht und darin Allgemeinplätze äußert, steht der Zustimmung nichts mehr im Wege. Noch einfacher ist es jedoch, noch nicht einmal mehr zu sprechen, sondern sich nur noch zu präsentieren – und zwar so, wie es der so genannte „Mainstream“ erwartet. Wer aufmerksam „soziale Netzwerke“ beobachtet, wird feststellen, dass insbesondere die jungen Damen und Herren sich immer in denselben Posen fotografieren – und das reichlich. Von diesen Posen versprechen sie sich offenbar, besonders „sexy“ oder attraktiv zu wirken, womit sich immer Zustimmung erzeugen lässt. Schön zu sein wird so zur vornehmlichsten Lebensaufgabe des Modernen, nachdem er sich eines anderen Lebensziels ja selbst beraubt hat, als er die Ethik in Misskredit brachte. Fortan ist es nicht mehr erstrebenswert, seinen Selbstwert daraus zu beziehen, ein guter Mensch zu sein oder sich zu fragen, was der eigene Platz in der Welt ist. Schönheit ist der Maßstab, an dem der Moderne – von anderen – gemessen wird und aus dem sich sein Wert in der Währung der Zustimmung ergibt.

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Das ästhetische Leben ist Verzweiflung

Der Artikel Hauptsache schön: von der Ethik zur Ästhetik endete mit der Frage, ob die Ästhetik allein ein ausreichendes Urteilskriterium ist. Ich habe schon angedeutet, dass das nicht der Fall ist. Doch was sind die Gründe dafür?

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Hauptsache schön: von der Ethik zur Ästhetik

Ethik und Ästhetik, neben der Wahrheit zwei der seit Platon kanonischen drei Disziplinen der Philosophie, wurden in der griechischen Antike als derart zusammenhängend gedacht, dass sie jeweils nicht allein auftreten konnten. Eine Person war niemals nur schön. Um schön zu sein, musste man gleichzeitig auch gut sein. Schönheit war also ein sittlich-ästhetisches Konzept, wie auch Gutsein notwendig eines ästhetischen Aspekts bedurfte.

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