Fehlschlüsse der Moderne: Präliminarien

Typisch für die Moderne sind einige Fehlschlüsse, die man allesamt als Fehlschlüsse der Trennung bezeichnen kann, weil sie unzulässigerweise trennen (oder auch Getrenntes verbinden). Typisch sind sie deswegen, weil Ihr Ursprung untrennbar verbunden ist mit dem Gründungsakt der Moderne und weil dementsprechend der Fehler, auf dem sie beruhen, der Moderne immanent ist. Man könnte also fast sagen, dass ein Moderner gar nicht umhin kann, diese Fehlschlüsse zu begehen, andernfalls wäre er kein Moderner. weiterlesen Fehlschlüsse der Moderne: Präliminarien

Fehlschlüsse der Moderne: Die Trennung von Wissen und Weisheit

Dieser Fehlschluss des Modernen (vgl. Moderne, Fehlschlüsse der Moderne) ist in seiner Struktur demjenigen von der Trennung von Inhalt und Form sehr ähnlich. Auch hier wird etwas getrennt betrachtet, was eigentlich eng verbunden ist.
Karl May lässt seinen Ich-Erzähler Kara Ben Nemsi in „Durch Wüste und Harem. Reiseerlebnisse“ zu Hadschi Halef Omar sagen: „Was hilft dir nun der Schatz des Wissens, den du hier gehoben hast?“. In diesem Satz ist das ganze Problem bereits enthalten: Reines Wissen ist im Grunde vollkommen wertlos und dazu zählt auch das in der Moderne so beliebte instrumentelle Wissen, das nur darauf gerichtet ist, einen bestimmten Zweck zu erreichen. Das Problem eines solchen Wissens ist schnell beschrieben: Es ist notwendig unzureichend. Denn da man niemals wissen kann, welche Zwecke einmal erreicht werden müssen, kann man niemals das für jede Situation erforderliche Wissen parat haben und hinkt somit den aktuellen Anforderungen normalerweise hinterher. Das gravierendere Problem ist jedoch, dass reines Wissen sich affirmativ bis neutral zu dem ihm korrespondierenden Zweck verhält. Das heißt: ausgezeichnetes logistisches Wissen kann bestenfalls dazu dienen, die Lagerung und Verschiffung von Containern in einem Hafen bestmöglich zu organisieren. Es eignet sich aber genau so gut dazu, den besten Weg zu erarbeiten, wie man möglichst schnell möglichst viele Menschen deportieren kann. Dem, der nur weiß, ist der Zweck egal, solange er ihn gut erreicht.
Wissen allein erscheint also offenbar ethisch neutral. Obgleich genau deshalb reines Wissen unzureichend ist, liegt darin zugleich dessen Beliebtheit beim Modernen begründet. Denn wieder einmal gilt, dass ein Urteil darüber, was gutes und was schlechtes Wissen ist, eben angreifbar ist und somit dem Modernen nicht behagt, schließlich will er sich ja gerade der Unsicherheit des Urteilens entziehen.
Dementsprechend organisiert er auch das moderne Bildungssystem, das seinen neuesten Höhepunkt im Bachelor/Master-System erreicht hat, wodurch es sich radikal von der klassischen Idee der deutschen Universität unterscheidet.
Wilhelm von Humboldts Idee (und nicht nur seine) war es einstmals, dem ersten Problem, dass man nicht wissen kann, welche Zwecke genau erreicht werden müssen, dadurch zu entgehen, indem er forderte, dass Lernen zweckfrei erfolgen und Wissen deshalb um seiner selbst willen angesammelt werden müsse.
Diese Überlegung stand auf dem Boden der von Immanuel Kant in seinen Hauptwerken Kritik der reinen Vernunft und Kritik der praktischen Vernunft entfalteten, starken Analyse der Fähigkeit des Menschen, auf Zwecke (in gewisser Weise also Wissen) zu reflektieren. Daraus folgt die Aufgabe von Bildung, den Menschen zu befähigen, auf sein eigenes Tun, seine Zwecke, zu reflektieren und im Angesicht der menschlichen Verfassung eigenständig unter anderem darüber zu urteilen, welches Wissen diesbezüglich gut und welches schlecht ist.
Das Wissen in diesem Sinne stand einst im Dienst des Menschen, damit dieser eine menschenwürdige Lebenswelt schaffen soll. Dieses Verhältnis hat sich in der Moderne umgedreht: heute steht der Mensch im Dienst des Wissens und wird, etwa in Fernseh-Quizshows daran gemessen, wie viel unsinniges Wissen er angehäuft hat.
Diese Umkehrung führt zu absurden Konsequenzen, wie sie sich heutzutage an philosophischen Instituten mit Studierenden der Philosophie (mit dem Studienziel Bachelor) abspielen. Da kommen Kandidaten in eine Prüfung und können sämtliches auswendig gelernte Wissen zu einem bestimmten Thema perfekt hersagen. Doch, gefragt, ob der betreffende Philosoph denn Recht habe, ob dessen Theorie stimme oder zumindest plausibel sei, verfallen sie in Schweigen. Bekommen sie für ihr – philosophisch nebensächliches – Lexikon-Rezitativ daraufhin nicht die beste Note, brechen sie in Verzweiflung aus und können schlicht nicht verstehen, warum dies so ist, hätten sie doch alles gewusst. Die Philosophie aber ist nicht, war noch nie und wird auch niemals eine Disziplin des reinen Wissens sein. Denn die Philosophie ist eben, auch ihrem Namen nach, auf die Weisheit, die sophia, gerichtet. Sie will nicht (nur) wissen, sondern insbesondere verstehen, warum etwas so ist. Weisheit ist in diesem Sinne, darin ist Kants Analyse sicher zutreffend, eine Reflexion auf die Zwecke (und damit auf das Wissen) daraufhin, ob es gut ist.
Wer sich nur auf das Wissen verlegt, macht sich zum willfährigen Vollstrecker derjenigen, die das gerade opportune oder aktuelle Wissen vorgeben. Wer jedoch Weisheit sucht, muss einen eigenen Weg gehen, da Weisheit das Ergebnis des eigenen Urteilens ist. Dieser Weg ist freilich ungleich schwieriger, weil man irren kann und fehl gehen, aber er ist der menschengemäß einzig gangbare.

Fehlschlüsse der Moderne: Die Verbindung von Erfolg und Anerkennung

Die Diskussion dieses Fehlschlusses wird dadurch sehr erschwert, dass bereits die beiden Begriffe Erfolg und Anerkennung höchst erklärungsbedürftig sind. Warum ich dennoch diese beiden Begriffe und keine anderen gewählt habe, wird weiter unten noch deutlich werden. Erklärende Begriffsarbeit jedoch soll und kann hier nicht geleistet werden, weil es auch weniger auf die konkrete Bedeutung dieser Begriffe ankommt, als vielmehr auf die zugrunde liegende Struktur des Fehlschlusses. Um letztere besser zu verdeutlichen, möchte ich an dieser Stelle auf eine Unterscheidung zurückgreifen, die von Erich Fromm in einem seiner wichtigsten Bücher, Haben oder Sein, eingeführt worden ist und die den Kern des hier verhandelten Fehlschlusses genau trifft. Im Kern läuft diese Unterscheidung darauf hinaus, dass es etwas Verschiedenes ist, was man hat und was man ist. Einfach gesagt: wer viele Bücher hat, ist dadurch noch kein belesener Mensch. Ein Mensch kann weise dadurch werden, dass er viel liest. Ein weiser Mensch ist aber etwas anderes als ein Büchereigentümer. Desgleichen trifft auf Wissen zu (siehe Fehlschluss von der Trennung von Wissen und Weisheit): Wer viel Wissen hat, ist dadurch noch nicht zwangsläufig weise oder kompetent.
Diese Unterscheidung zieht sich durch nahezu alle Bereiche des modernen Lebens, man könnte sogar sagen, dass sie den in seinen Auswirkungen her gravierendsten Fehlschluss begründet. Wie gravierend dessen Konsequenzen sind, sieht man an Fromms berühmten Beispiel der Liebe: viele Moderne sagen nur mehr: „Ich habe dich lieb“. Das jedoch ist etwas völlig anderes, als einen Menschen zu lieben. Liebe zielt immer auf das ganze Sein, sie verändert einen Menschen wesentlich und berührt existenziell. Das Haben, und darin liegt der entscheidende Unterschied zum Sein, verändert einen Menschen keineswegs in derselben Weise, denn was man bloß hat, kann man auch genau so einfach wieder weggeben, ohne etwas Wesentliches zu verlieren (dass das, was man hat, oftmals das Sein verändert, ist ein anderes Thema). Was man ist kann man jedoch – bereits begrifflich – notwendigerweise nicht verändern, ohne anschließend jemand anderes zu sein. Hierin liegt übrigens auch einer der Gründe für die Veränderung moderner Liebesbeziehungen (siehe: Das Ende der Liebe: Gefühle im Zeitalter unendlicher Freiheit): sie rühren die modernen Menschen nicht mehr im Wesen an, sondern sind lediglich noch etwas, was sie haben (Der Moderne hat eben Beziehungen oder Affairen) genau so, wie sie etwa Accesoires haben. Deshalb kann der Moderne Liebesbeziehungen wie Accesoires auch so einfach wechseln. Man ist darüber vielleicht traurig, so wie man es bedauert, dass man einen bestimmten Mantel nicht mehr hat, aber es findet sich schon bald ein neuer.
Diesen Fehler, Haben und Sein miteinander zu verwechseln, begeht der Moderne andauernd. Drei Beispiele mögen genügen, um diesen Punkt zu verdeutlichen.
(1) Über den Unterschied zwischen Wissen und Weisheit wurde bereits an anderer Stelle gehandelt. Dort war die Rede davon, dass der Moderne Wissen und Weisheit trennt und glaubt, Weisheit durch Wissen ersetzen zu können. Aber auch der umgekehrte Weg ist möglich, dann fällt er unter diesen Fehlschluss. Danach glaubt der Moderne, dass, wenn er nur das eine hat, das andere notwendig daraus folgt. Wer also Wissen hat, hat dann auch zugleich Weisheit. Mit Hilfe der frommschen Unterscheidung lässt sich dieser Fehlschluss analysieren: Wissen ist etwas, das man hat, das mehr oder weniger einfach jeder erwerben kann. Weise jedoch ist eine Eigenschaft des Seins: weise wird man, zum Beispiel dadurch, dass man auf das Wissen unter bestimmten Gesichtspunkten reflektiert und dadurch gutes Wissen erkennt oder dadurch, dass man gut handelt.
(2) Warum verwende ich nun aber die Begriffe Anerkennung und Erfolg im Zusammenhang mit diesem Fehlschluss? Das hat seinen Grund im Arbeitsbegriff des Modernen, der ja lediglich noch formal ist (siehe Fehlschluss von der Trennung von Form und Inhalt). Fasst man Arbeit aber lediglich formal auf, dann gehen einem notwendig – wie gezeigt – diejenigen Kriterien ab, die gute Arbeit von schlechter unterscheiden. Erfolg wird dann leicht als Gradmesser für Anerkennung (in der Arbeit und später leichtfertig auch als Mensch) genommen. Wer dann in modernem Geist 14 Stunden am Tag arbeitet und für seinen Arbeitseifer gelobt wird (was der Moderne als Erfolg auffasst), der glaubt sich dadurch zugleich anerkannt. Dass es jedoch keine Kunst ist, 14 Stunden Zeit abzusitzen und sich währenddessen zu beschäftigen, entgeht ihm. Er hat kein Urteilsvermögen mehr dafür, wofür er anerkannt wird. In seiner Hilflosigkeit geht er dann eben so weit, sich an jede Art von Rückmeldung zu klammern und diese als Rückmeldung über seine Anerkennung aufzufassen. Ein tragischer Fehler. Denn gute Arbeit bemisst sich, wie bereits gesagt, an inhaltlichen Kriterien, niemals an formalen. Gut sein kann folglich nicht, wer bloß etwas getan hat, sondern nur, wer urteilt und entsprechend bewusst und vorsätzlich handelt – beides ist dem Sein zugehörig. Dieser Unterschied lässt sich noch mit dem dritten Beispiel weiter verdeutlichen.
(3) Insbesondere in den so genannten „sozialen Netzwerken“ lässt sich gegenwärtig etwas beobachten, was seinen Grund in der Verbindung von Erfolg und Anerkennung hat. Nicht wenige junge – vornehmlich – Frauen und Mädchen präsentieren sich dort auf Fotos in lasziven, bemüht-erotischen Posen. Das erwartbare Resultat ist zumeist eine hohe Zahl an zustimmenden Kommentaren, die allenthalben loben, wie „hübsch“ oder „schön“ die abgebildete Person doch sei. Diese Rückmeldungen wiederum dienen jenen sodann als Ausweis ihres Anerkanntseins. Ein fataler Fehlschluss. Denn einerseits ist es dieser Tage gleichsam ein Automatismus, dass laszive, erotische Posen mit positiven Kommentaren bedacht werden (das heißt, der Erfolg gründet nicht in dem konkreten Foto, sondern in einem Reflex). Andererseits ist Schönheit, selbst wo sie besteht und außerdem noch gut dargestellt ist (letzteres ist bei den meisten der in Rede stehenden Aufnahmen ja mitnichten der Fall), immer nur ein äußeres Phänomen, dass dem Wesen nur akzidentiell zukommt. Was gelobt wird, ist also immer nur die Schönheit, nicht der Mensch und also das Wesen der Person. Erfolg im Sinne positiver Reaktionen auf die Schönheit ist also niemals gleichzusetzen mit der Anerkennung eines Menschen.

Im Zusammenhang mit künstlerischen Produkten, wie in diesem Falle etwa Fotos, ergibt sich außerdem noch eine weitere Version dieses Fehlschlusses, auf den ein Zitat von Ludwig Wittgenstein einen Hinweis gibt:

Daß es mir – oder Allen – so scheint, daraus folgt nicht, daß es so ist. (Über Gewißheit, §2)

Der Punkt hier ist, dass es eine Tendenz gibt, derzufolge eine hohe Zahl an zustimmenden Kommentaren zu einem Foto als Beleg dafür gewertet wird, dass es sich um ein gutes Foto handelt. Doch selbstverständlich folgt das nicht daraus. Das einzige, was daraus folgt, ist, dass eine große Anzahl an Menschen ein betreffenden Foto schön finden (das Foto hat in diesem Sinne großen Erfolg). Der Grund dafür ist dann aber nicht notwendig die Eigenschaft des Fotos, schön zu sein, sondern liegt in den Betrachtern, die eine Meinung über dieses Foto haben. Damit ein Foto tatsächlich schön ist (als schön anerkannt wird), muss es Gründe dafür geben, die einem (ästhetischen) Urteil zugänglich sind.
Das schmälert selbstverständlich nicht die Bedeutung dessen, dass jemand etwas für schön halten kann. Ich sage nur, dass ein Unterschied besteht, ob etwas schön ist oder von jemandem dafür gehalten wird. Beides hat in der Ästhetik andere, je eigene Konsequenzen und darf deshalb keineswegs miteinander verwechselt werden. Wer das tut, begeht den hier diskutierten Fehlschluss.

Fehlschlüsse der Moderne: Die Trennung von Form und Inhalt

Der prominenteste modernen Fehlschluss (siehe Fehlschlüsse, Moderne) ist derjenige der Trennung von Form und Inhalt. Form und Inhalt sind seit der Antike zwei Kategorien (so etwa bei Aristoteles, der sie als Substanz und Quantität zu seinen zehn Kategorien zählt), die in einer untrennbaren Beziehung zueinander stehen. Der Grund dafür ist klar: Ohne Inhalt wird die Form nichts sagend (sofern es eine solche Form überhaupt geben kann) und ohne Form wäre kein Inhalt erkennbar. Die inhaltslose Form ist allenfalls gleichsam ein ausdehnungsloser Punkt, den es höchstens in der Mathematik geben kann, der aber genau so viel oder wenig existent ist wie alle mathematischen Objekte. Der formlose Inhalt ist rein begrifflich schon nicht denkbar, weil der Inhalt eben erst durch seine Form zum Inhalt – nämlich einer Form – wird. Inhalt ist in diesem Sinne da formende oder formgebende Prinzip.
Der Moderne nun sieht diesen engen Zusammenhang der beiden Kategorien offenbar nicht mehr und glaubt anscheinend, einer von beiden, der Form, den Vorzug geben zu können. Das hat einen einfachen Grund: der Inhalt einer Form bedarf immer einer Begründung und kann gemäß richtig und falsch beurteilt werden. Um ein einfaches Beispiel zu geben: Ist der Auftrag gegeben, eine mathematische Division durchzuführen, so kann man problemlos die richtigen Zeichen verwenden, und dennoch nicht angeben können, warum diese Schritte richtig sind. Dies mag etwa dann der Fall sein, wenn jemand auswendig Gelerntes hersagt. Von diesem würde man nicht sagen, dass er verstanden hat, was er tut. Aus diesem Grunde ist es etwa für Schauspieler so wichtig, die Rolle, die sie spielen, zunächst wirklich verstanden zu haben, bevor sie deren Text auswendig hersagen, da sie andernfalls wie bloße Marionetten wirken. Ja, es ist sogar das Kriterium für gutes darstellerisches Spiel, wenn Inhalt und Form zusammenpassen.
Der Inhalt, eine Begründung, kann richtig oder falsch sein. Sie wiederum bedarf einer Grundlage, auf der sie gegeben wird. Entscheidend aber ist: eine Begründung kann beurteilt und damit auch als falsch zurückgewiesen werden. Dies ist ja gerade, was der Moderne vermeiden möchte und so verlegt er sich eben auf die Form, von der er glaubt, darin ein sicheres Terrain gefunden zu haben, weil sie keiner Begründung bedarf. Der Moderne macht Bildungsabschlüsse, wodurch er viel weiß, außer, warum und was er da erlernt hat (siehe Fehlschluss von der Trennung von Wissen und Weisheit).
Er macht Geschäftsabschlüsse, doch weiß er gar nicht, was sie zur Folge und also welche Konsequenzen sie haben. Der Moderne glaubt, dass wenn er sich auf formale Richtigkeit beziehen kann, eine inhaltliche Richtigkeit daraus folgt. Doch das ist mitnichten der Fall. Besonders eklatant fällt dieser Irrglaube im beruflichen Zusammenhang auf. Entscheidend ist dort oftmals, wer als letzter im Büro das Licht ausmacht, wer am längsten arbeitet und die höchste Schlagzahl erreicht. Gut ist demnach, wer quantitativ und also formal messbar viel arbeitet. Dabei ist es doch schon eine Binsenweisheit, dass aus Quantität nicht auch Qualität folgt. Qualität ist dabei eine Eigenschaft, die einem Inhalt zukommt, wenn er in der ihm entsprechenden Form auftritt. In der Ästhetik gibt es ein Prinzip namens form follows function. Dieses Prinzip besagt, dass zunächst klar sein muss, welches Ziel erreicht werden soll und gegebenenfalls auch, welche Art der Zielerreichung als qualitativ gut gilt. Daraus folgt dann schließlich, welche Form erforderlich ist, um dieses Ziel zu erreichen. Das Zusammenspiel zwischen Form und Inhalt lässt sich in diesem Sinne als Eleganz definieren: elegant ist demnach, was mit angemessener Form ein gegebenes Ziel gut erreicht.
Auf die Arbeit bezogen heißt das, dass derjenige eine Aufgabe elegant löst, der die Aufgabe inhaltlich (also qualitativ) durchdringt und sie mit den erforderlichen Mitteln (quantitativ) löst. Eleganz darf jedoch keinesfalls mit Effizienz verwechselt werden. Effizienz ist ein Begriff der Wirtschaftswissenschaft, der immer schon unter monetärem Vorzeichen steht. Effizienz bedeutet nämlich schlicht, ein Ziel möglichst kostengünstig zu erreichen, was dieser Tage auch gern zulasten der Qualität gehen darf.
Gut arbeitet also eben nicht derjenige, der Zeit bloß absitzt (das meint das in Amerika verbreitete Konzept der facetime) oder einfach nur quantitativ lange arbeitet. Insbesondere letztere erscheint vor diesem Hintergrund gerade als schlechte Arbeit: Wer zu viel Zeit auf Arbeit verwendet, ist entweder nicht ausreichend kompetent für seine Aufgaben, nicht in der Lage abzuschätzen, wann er die Aufgaben allein nicht bewältigen kann, oder eben ganz modern pathologisch gestört, insofern er denkt, dass er dann gute Arbeit leistet, wenn er nur lange arbeitet. Arbeit selbst ist jedoch notwendig immer nur eine Form und kann deshalb schon rein begrifflich niemals gut sein. Denn Arbeit beschreibt schließlich nur einen Vorgang, der erforderlich ist, um etwas Bestimmtes zu erreichen. Arbeit ist immer final: das heißt, auf einen Zweck gerichtet. Ein Vorgang kann nur dann ein reiner Selbstzweck sein, wenn er eben nicht Arbeit ist: beim Spiel etwa oder bei der Meditation. Beides Tätigkeiten, die um ihrer selbst willen ausgeführt werden und gerade nichts anderes erreichen sollen (es wäre ein großes Missverständnis anzunehmen, dass man deswegen meditiert, um beispielsweise entspannt zu werden. Wer so an eine Meditation herangeht, hat ihr Wesen nicht verstanden. Man kann nicht meditieren, um zur Ruhe zu kommen, wie man sich nicht zwingen kann einzuschlafen. Fehlende Finalität ist ein wesentliches Merkmal von Spiel und Meditation.). In jedem Falle jedoch ist die Dauer der Arbeit kein sinnvolles Maß ihrer Güte.
Gut kann allein das Ergebnis der Arbeit sein (und in diesem Zusammenhang in gewissem Sinne die Arbeit selbst: man sagt beispielsweise manchmal: gute Arbeit! Gemeint ist damit aber, dass das Ergebnis des Arbeitsprozesses elegant erzeugt wurde). Elegant ist, wer dieses Ergebnis in jeder Hinsicht optimal herstellt.
Weil der Moderne jedoch den Maßstab für gute Arbeit verloren hat, ist er so versessen auf den Prozess des Arbeitens selbst. Doch wie im Grunde bedauernswert sind diejenigen, denen als einziges Kriterium für gute Arbeit deren Dauer oder die einfache Tatsache, dass man arbeitet, zur Verfügung steht und die deswegen in einem Fort betonen, wie viel sie doch arbeiten, um nach Anerkennung zu heischen (siehe Fehlschluss von der Verbindung von Erfolg mit Anerkennung). Diese Menschen können eigentlich niemals gute Arbeit leisten, da man immer noch mehr arbeiten kann (was sie dann ja auch tun, wie die steigenden Erkrankungszahlen an so genanntem Burn-Out nahe legen). Erst andere Kriterien können zeigen, wann etwas wirklich gute Arbeit ist – und die muss dann auch nicht notwendig lange dauern. Paul McCartney sind zum Beispiel einige der besten Beatles-Lieder in nur wenigen Minuten eingefallen.

Der Mensch in der Moderne

Der Mensch der Moderne steht durch die Bedingungen seiner Zeit vor großen Schwierigkeiten.

Bar jedes überkommenes Wertesystems ist es allein an ihm, sich in der Welt zurecht zu finden. Erschwerend kommt hinzu, dass aus dem Wegfall limitierender Ordnungssysteme wie der Religion oder auch Traditionen die Möglichkeiten, für die sich der Moderne entscheiden kann, schier grenzenlos sind.

Was soll er also tun? Selbst wenn er es wollte, so könnte er nicht alle Möglichkeiten daraufhin prüfen, ob sie die richtigen für ihn sind. So viel Lebenszeit steht niemandem zur Verfügung – und so viel Erfahrung, wie sie für eine derartige Bewertung erforderlich ist, kann ein Mensch allein auch nicht anhäufen.

Angesichts dieser Situation gölte es also eigentlich, diese Unzahl an Fragen und Optionen auf einige wenige zu reduzieren, die noch handhabbar sind und die geeignet sind, einen Ausgangspunkt für alle weiteren Fragen zu bilden. Hat man diese Grundfragen geklärt, hat man inmitten der schwankenden Moderne zumindest einen festen Ausgangspunkt gefunden, auf dem man stehen und von man ausgehen kann. Dieser Ausgangspunkt ist die eigene Haltung zur Welt.

Doch oftmals kapituliert der Moderne bereits vor dieser Aufgabe und das hat einen einfachen Grund:

Jede Wahl für etwas, ist auch immer eine Wahl gegen etwas anderes.

Doch was, wenn das, wogegen ich mich entschieden habe, die eigentlich für mich bessere Wahl gewesen wäre?

Das Paradoxon des Verpassens

In einer Welt, in der einem niemand mehr sagt, was richtig und was falsch ist, könnte man sich also auch gegen etwas entscheiden, was eigentlich das richtige für einen wäre. Fällt der Moderne diesem Gedanken anheim, gerät er augenblicklich in das Paradoxon des Verpassens: Wähle ich A, weiß ich nicht, ob B nicht eigentlich besser wäre. Wähle ich B, weiß ich nicht, ob A eigentlich besser wäre. Also: Egal, was ich wähle, es könnte immer eine bessere Möglichkeit geben, weshalb jede Wahl im Grunde falsch ist. Daraus folgt für den Modernen totale Stagnation oder auch Apathie. Der Moderne versucht sich, diesem Problem mit drei Strategien zu entziehen: entweder versucht er, jeder Wahl zu entgehen oder er folgt anderen in ihrer Wahl, damit nicht er die Verantwortung, die Schuld, an der – modern gedacht: immer falschen – Wahl trage. Beide Möglichkeiten können freilich nicht funktionieren und das erklärt auch, warum der Moderne so anfällig für Fehlschlüsse ist. Der Moderne spürt nämlich intuitiv, sowohl dass er allein die Verantwortung für sein Handeln trägt als auch dass das Unterlassen (einer Wahl) auch ein Tun ist, für das er wiederum Verantwortung trägt. Fehlschlüssen zu folgen, bietet da eine ungeahnt einfache Möglichkeit, eine Rechtfertigung für sein Tun zu haben und dadurch eben doch sich der Schuld entziehen zu können (so die Annahme).

Die dritte Möglichkeit, sich dem Paradoxon des Verpassens zu entziehen, besteht in einem radikalen Rückzug in die Subjektivität, in der – so glaubt der Moderne – allein er weiß, was gut und richtig ist. Ist das nämlich der Fall, hebt sich die Möglichkeit einer falschen Wahl auf, weil es unerheblich wird, was andere sagen, solange es ja nur mich selbst betrifft. Finde ich etwas richtig, dann ist es gemäß dieser Auffassung auch richtig. Dieser Fehlschluss ist zwar ebenfalls sehr leicht durchschaubar – denn nur weil ich etwas irgendwie beurteile, heißt das ja schließlich nicht, dass es so ist –, der Moderne will das aber einfach nicht sehen.

Wie verbreitet diese Strategie des Rückzugs in die Subjektivität ist, zeigt sich am Zustand einer maßgeblichen gegenwärtigen Richtung der Kunst und Literatur, die sich nurmehr um sich selbst dreht und reine Subjektivität zelebriert.

Der Ausweg aus dem Paradox

Der Fehler, den der Moderne hier macht, besteht darin, dass er vom Ende her denkt. Ich habe mich für etwas entschieden, etwas anderes könnte aber besser sein – wieso? Die Frage ist doch, warum man sich für etwas entschieden hat. Gibt es Gründe dafür, warum ich dieses oder jenes tue, dann weiß ich einerseits, warum ich es tue, und ich weiß andererseits, dass selbst wenn es etwas anderes geben sollte, dass eventuell die bessere Wahl gewesen wäre, meine Wahl trotzdem die richtige gewesen ist. Sollte ich mich später doch  anders entscheiden wollen, so kann ich das ja noch problemlos tun. Dadurch verliere ich weder mein Gesicht, noch gebe ich zu, vorher falsch gewählt zu haben. Ich habe aufgrund bestimmter Überlegungen eine Entscheidung getroffen und später eine andere.

Diese Gründe, die zu einer Entscheidung führen, sind schließlich das, was einen Menschen ausmacht, was ihn interessant macht. Wer nur versucht, sich Entscheidungen zu entziehen, wer andere verantwortlich machen will oder nur von sich selbst spricht, hat einen wesentlichen Aspekt des Menschseins nicht verstanden. Mensch zu sein heißt, urteilen und entscheiden und für die jeweilige Entscheidung auch die Verantwortung zu tragen. Wir sind in die Welt geworfen, dieser Situation können wir uns nicht entziehen, das ist unsere Faktizität, wie es im Existenzialismus Martin Heideggers und Jean-Paul Sartres heißt. Und somit können wir uns auch der Wahl nicht entziehen.

Die Gründe aber, die wir für unsere Entscheidungen haben, machen uns zu dem Menschen, der wir sind. Sie prägen unsere Haltung. Ist diese Haltung bestimmt durch Gründe dafür, sich Gründen zu entziehen, dann haben wir es mit jemandem zu tun, der vor sich selbst auf der Flucht ist. Dies charakterisiert im Groben das Wesen des Modernen: Er ist immer auf der Flucht, immer in der Hoffnung, dass noch etwas besseres kommt. Etwas, dass ihn aus seiner Lethargie reißt und ihm zu einer Haltung verhilft. Der Moderne vertraut nicht sich und seinen Fähigkeiten, sondern allein der Welt. Darin begeht er den Fehlschluss von der Verwechslung sowohl von Form und Inhalt als auch von Erfolg und Anerkennung.

 

Fehlschlüsse

Wegweiser – ob klassisch oder im übertragenen Sinne – sind ein fester Bestandteil der menschlichen Lebenspraxis. Wer orientierungslos ist, dem können sie eine Hilfe sein. Oft folgt man ihnen aber auch, obwohl man eigentlich zu wissen glaubt, wohin man will.
Wegweiser weisen den Weg und darin üben sie eine anziehende Wirkung aus. Wegweiser können aber auch auf einen Irrweg führen. Was bedeutet das?
Ist von einem Wegweiser bekannt, dass er nicht zum gesuchten Ziel führt, wird ihm wohl niemand folgen. Solche Wegweiser stellen also eine ziemlich kleine Gefahr dar, jemanden in die Irre zu führen. Das Problem sind diejenigen Wegweiser, denen man nicht sofort ansieht, dass sie auf einen Irrweg führen, weil sie manchmal sogar derart glaubwürdig erscheinen, dass man nicht so einfach annehmen würde, es mit einem falschen Wegweiser zu tun zu haben.
In der Philosophie, und hier besonders in der Logik, nennt man solche falschen Wegweiser Fehlschlüsse. Fehlschlüsse sind das Gegenteil von gültigen Schlüssen, die aus wahren Voraussetzungen – Prämissen – bestehen, aus denen eine wahre Schlussfolgerung – eine Konklusion – mit logischer Notwendigkeit folgt. Gültige Schlüsse können in diesem Sinne als richtige Wegweiser verstanden werden. Sie helfen dem, der etwas sucht, weiter, weil sie neue Einsichten gewähren, neue Wege, die man beschreiten kann.
Das berühmteste Beispiel für die Form eines gültigen Schlusses stammt bereits von Aristoteles und lautet:

Alle Philosophen sind Menschen, Sokrates ist ein Philosoph, also ist Sokrates ein Mensch.

Aus falschen Prämissen jedoch lässt sich nicht notwendig auf eine wahre Konklusion schließen. Das heißt: ein Fehlschluss gibt keine Sicherheit darüber, ob die Konklusion aus den Prämissen folgt oder einfach nur zufällig wahr ist.
Erscheint ein Fehlschluss außerdem noch auf den ersten Blick plausibel, ist die Gefahr, ihn zu glauben, um so größer.
Es gibt eine Reihe berühmter Fehlschlüsse, deren Struktur derart verführerisch ist, dass es des genauen Hinsehens bedarf, will man ihnen nicht auf den Irrweg folgen.
Ein einfaches Beispiel dieser Art wird regelmäßig in Krimis aller Art vorgeführt:

Jemand wurde ermordet. X war am Tatort, also ist X der Mörder.

Der Fehler ist hier auf den ersten Blick ersichtlich: Selbstverständlich ist es möglich, am Tatort gewesen, ohne auch gemordet zu haben. Man nennt diesen Fehlschluss Behauptung des Konsequenz (auch: falscher Modus tollens) (weitere Informationen)

Besonders verführerisch ist der gern in politischem Kontext verwendete Fehlschluss namens Post hoc ergo propter hoc, was zu deutsch etwa Nach diesem, also Folge von diesem heißt. Seine berühmte Fassung lautet:

Die Kriminalitätsrate ist hoch. Die Strafen werden verschärft. Die Kriminalitätsrate sinkt. Also: Die Erhöhung der Strafen ist eine wirkungsvolle Maßnahme.

Selbstverständlich ist es möglich, wenngleich in diesem Beispiel erwiesenermaßen unwahrscheinlich, dass die Kriminalitätsrate wegen der Erhöhung der Strafmaße zurück geht. Allein: das folgt nicht notwendig aus den Prämissen. Es sind auch andere Gründe denkbar, die für eine niedrigere Rate verantwortlich sein können, beispielsweise könnten, was in diesem Beispiel gleichfalls unwahrscheinlich, aber dennoch möglich ist, die Menschen such zur Vernunft gekommen sein und nun von geplanten Verbrechen absehen. (Eine gute Übersicht zu diesem Fehlschluss findet sich hier und hier)

Es gibt zahlreiche andere Fehlschlüsse, die erheblich schwieriger aufzudecken sind, insbesondere dann, wenn man deren Gültigkeit glaubt oder glauben will. Der Grund, warum man einen Fehlschluss glauben wollen könnte, kann darin liegen, dass er immerhin eine, wenngleich auch falsche, Antwort auf eine Frage darstellt, mit der man sich, aus welchen Gründen auch immer, nicht beschäftigen will oder vielleicht gar vor der richtigen Antwort zurückschreckt. Fehlschlüsse wirken in diesem Sinne als eine Art Beruhigungsmittel.
Die in diesem Sinne wohl wichtigsten der in der Moderne verbreiteten Fehlschlüsse haben alle die Struktur einer Verwechslung. Sie verwechseln Form und Inhalt, Wissen und Weisheit, Erfolg und Anerkennung und die beiden Kategorien intern und extern. Auf diese Fehlschlüsse wird an anderer Stelle ausführlich eingegangen.

Weiterführend:

Empfehlenswert zur Einführung in die Logik ist das Lehrbuch von Barwise und Etchemendy: Sprache, Beweis und Logik, erschienen im mentis-Verlag.

Außerdem ist der Eintrag zur informalen Logik in der Stanford Enzyklopädie aufschlussreich.