Wer da hat, dem wird gegeben: Wie Wissenschaft gemacht wird

Bei dem Evangelisten Matthäus findet sich dieser berühmte Satz:

Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.(25, 29)

Dieser Satz beschreibt, was in der Soziologie nach seinem Urheber als Matthäus-Effekt bezeichnet wird. Demzufolge gilt – vereinfacht gesagt–, dass derjenige, der bereits Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, noch mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen wird, was wiederum eine noch größere Aufmerksamkeit nach sich zieht. Kurz: der Matthäus-Effekt beschreibt ein rein formales Phänomen, denn entscheidend ist danach nicht, wie die Aufmerksamkeit erzeugt wird. Der Erfolg, der jemandem auf diese Weise zuteil wird, muss nämlich keinesfalls auf Kompetenz beruhen. weiterlesen Wer da hat, dem wird gegeben: Wie Wissenschaft gemacht wird

Die Form der Moderne ist der Fortschritt

Der am häufigsten vom Modernen begangene Fehlschluss ist derjenige von der Trennung von Inhalt und Form. Gemeint ist an dieser Stelle ein Fehlschluss, der von einem einzelnen begangen wird. Nun besteht eine Gesellschaft aber aus zahlreichen einzelnen Menschen und diese prägen, was oftmals leicht vergessen wird, durch ihr je eigenes Handeln die Gesellschaft. So hat jeder auf seine Weise Einfluss auf die Verfasstheit der Welt, in der er lebt. Umgekehrt wird er selbstverständlich auch von der gesellschaftlichen Realität beeinflusst. Es besteht hier also ein Wechselverhältnis, das zu beschreiben nicht ganz einfach ist. Im Rahmen der (später auf diesem Kanal noch zu erfolgenden) Besprechung des neuen Buches von John Searle: Wie wir die soziale Welt machen, worin es um dieses Thema geht, wird noch Gelegenheit zur vertieften Erörterung dieser Problematik sein.
Vorerst möge die Feststellung reichen, dass der einzelne mit der sozialen Realität, in der er lebt, eng verbunden ist. Vor diesem Hintergrund kann es kaum verwundern, warum der Moderne den besagten Fehlschluss begeht und fortwährend versucht, der Form den Vorzug vor dem Inhalt zu geben: Die Form ist das leitende Prinzip der Moderne: sie ist wesentlich Form. Folglich werden ehedem formale Eigenschaften wie arbeiten oder fortschreiten, die irgendwelchen menschlichen Tätigkeiten zukamen, die auf ein je eigenes Ziel gerichtet waren, nun zur Form dieser Tätigkeiten selbst und das heißt die Form wird zu ihrem Zweck.

Mit anderen Worten: Ein Forscher, der beispielsweise wissen wollte, wie sich ein bestimmtes Metall unter bestimmten Bedingungen verhält, hat durch seine Forschung gearbeitet und der Kenntnisstand seiner Disziplin ist dadurch zugleich fortgeschritten. Etwas wissen zu wollen war der Antrieb seiner Tätigkeit. In der Moderne hat sich das Verhältnis umgekehrt: Der Antrieb der Tätigkeit ist nun, Fortschritt erzielen zu wollen oder Arbeiten zu wollen (um beispielsweise etwas zu haben, von dem man sagen kann, es gäbe seinem Leben einen Sinn). Es ist also nicht mehr eine Eigenschaft einer Tätigkeit, dass man dadurch fortschreitet, sondern umgekehrt wird die Tätigkeit unternommen, um fortzuschreiten und nicht mehr, um ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen. Fortschritt ist nicht mehr eine Folge einer Tätigkeit, sondern ihr Ziel. Ludwig Wittgenstein hat diesen Wandel in den 1930er Jahren bereits beschrieben:

Unsere Zivilisation ist durch das Wort Fortschritt charakterisiert. Der Fortschritt ist ihre Form, nicht eine ihrer Eigenschaften, daß sie fortschreitet. Sie ist typisch aufbauend. Ihre Tätigkeit ist es ein immer komplizierteres Gebilde zu konstruieren. Und auch die Klarheit dient doch nur wieder diesem Zweck & ist nicht Selbstzweck. (Vermischte Bemerkungen, Suhrkamp, 1994, 30f)

Nicht mehr nur die einzelnen Modernen, die den Begriff für den Inhalt ihres Lebens und ihrer Tätigkeiten verlieren, sind folglich auf einem Irrweg, sondern es ist die ganze Epoche. Das Bizarre daran ist bloß, dass der Glaube an unbegrenzten Fortschritt tatsächlich keine Folge moderner Tätigkeiten ist, sondern deren Antrieb – es ist der Moderne inhärent eingeschrieben.
Was tun? Ein Anfang wäre die Rückbesinnung auf die Tätigkeiten und ihren jeweiligen Zweck. Werden die Tätigkeiten wieder Selbstzweck, werden sie wieder um ihrer selbst oder ihres eigentlichen Zieles willen unternommen, besteht die Hoffnung, ihren Wert wieder soweit ins Blickfeld zu rücken, wie es ihnen gebührt. Viele Moderne klagen schließlich darüber, dass sie oftmals den Sinn ihres Tuns nicht mehr erkennen können. Das kann ja auch nicht verwundern, denn Sinn ist eine Eigenschaft, die einem Inhalt zukommt und keiner Form. Ist das Wesen moderner Tätigkeit aber bloß eine Form, muss diese notwendig sinnlos sein.
In diesem Sinne setzt auch Wittgenstein fort:

Mir dagegen ist die Klarheit, die Durchsichtigkeit, Selbstzweck. Es interessiert mich nicht ein Gebäude aufzuführen sondern die Grundlagen der möglichen Gebäude durchsichtig vor mir zu haben. Mein Ziel ist also ein anderes als das der Wissenschaftler & meine Denkbewegung von der ihrigen verschieden. (ebd.)

Die Analogie zur Errichtung eines Gebäudes erweist sich für die Sache als überaus fruchtbar. Ist nur der Fortschritt das Kriterium moderner Tätigkeit, dann ist deren Maß, wie schnell oder wie hoch das Gebäude wird. Wie das Gebäude errichtet wird, wird dann zu notwendigem instrumentellen Wissen, das aber nur so weit vorhanden ist, wie es zum Bau des Gebäudes eben erforderlich ist. Alles, was darüber hinaus geht, wird als irrelevant betrachtet. Dies genau ist der Zustand moderner Handwerker, Techniker oder Wissenschaftler. Sie alle wissen auf ihrem Gebiet gerade so viel, wie für ihre Tätigkeit eben erforderlich ist. Ärzte beispielsweise, die sich im Zusammenhang mit ihrer Tätigkeit ständig in ethisch schwierigen Bereichen bewegen, haben im Regelfalle keine Ausbildung in Ethik genossen. Viele Tischler wissen von ihrem Beruf nicht mehr, als für ihre aktuellen Aufgaben, die sich all zu oft auf das Einsetzen von Fenstern und Türen beschränken, erforderlich ist. Ein Möbel zu bauen, das gemäß alten Traditionen konstruiert ist, überfordert so manche bereits. Desgleichen ist es schwierig, einen Uhrmacher zu finden, der willens und in der Lage ist, eine Uhr mit Spindelhemmung zu reparieren, obwohl diese eine – zwar veraltete, aber – grundlegende Technik seiner Kunst ist.
Diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Gemeinsam ist allen: gelernt wird nicht, um ein Fach zu verstehen – wodurch das Fach zu einem Selbstzweck wird –, sondern um es soweit ausüben zu können, wie es gerade erforderlich ist – wodurch das Fach zu einem bloßen Zweck wird.
Das Handwerk der Moderne (zu dem an dieser Stelle alle auf einen Zweck gerichteten Tätigkeiten gezählt werden) weiß in der Folge nicht mehr, warum es tut, was es tut (vgl: Richard Sennett: Handwerk). Dementsprechend ist Ratlosigkeit das Resultat, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, das mit dem begrenzten modernen, instrumentellen Wissen nicht behandelt werden kann.
Darin ist die Denkweise der Moderne unterschieden von derjenigen, die die Grundlagen eines Faches ergründen will, um es wirklich zu verstehen. Es handelt sich hier um zwei verschiedene Denkbewegungen oder auch Haltungen.

Vor diesem Hintergrund lässt sich auch eine Frage beantworten, die mich von meiner verehrten Kollegin Petra Sorge erreicht hat und die ich sinngemäß so zusammenfassen möchte (ich hoffe, liebe Petra, du bist mit der Formulierung einverstanden): Was ist denn die Konsequenz aus der Kritik an der Moderne? Wie kann denn der Moderne etwas ändern? Er kann doch nicht einfach alles lassen, was er tut.

Nein, das kann er nicht. Die Frage ist aber, mit welcher Haltung er an die Welt herantritt. Aus unterschiedlichen Haltungen erwachsen nämlich unterschiedliche Handlungen und damit auch unterschiedliche Konsequenzen. Die Frage also ist nicht: Was will ich erreichen (welche Konsequenzen), sondern: welche Haltung will ich zur Welt einnehmen? (Welche Haltung erscheint mir als die richtige?) Daraus ergibt sich alles Weitere. Die Denkbewegungen der Moderne und der Unmoderne, wie ich sie einmal nennen will, gehen also in verschiedene Richtungen: Die eine denkt vom Anfang her (die Unmoderne), die andere vom Ende (die Moderne).

Fehlschlüsse der Moderne: Präliminarien

Typisch für die Moderne sind einige Fehlschlüsse, die man allesamt als Fehlschlüsse der Trennung bezeichnen kann, weil sie unzulässigerweise trennen (oder auch Getrenntes verbinden). Typisch sind sie deswegen, weil Ihr Ursprung untrennbar verbunden ist mit dem Gründungsakt der Moderne und weil dementsprechend der Fehler, auf dem sie beruhen, der Moderne immanent ist. Man könnte also fast sagen, dass ein Moderner gar nicht umhin kann, diese Fehlschlüsse zu begehen, andernfalls wäre er kein Moderner. weiterlesen Fehlschlüsse der Moderne: Präliminarien

Fehlschlüsse der Moderne: Die Trennung von Form und Inhalt

Der prominenteste modernen Fehlschluss (siehe Fehlschlüsse, Moderne) ist derjenige der Trennung von Form und Inhalt. Form und Inhalt sind seit der Antike zwei Kategorien (so etwa bei Aristoteles, der sie als Substanz und Quantität zu seinen zehn Kategorien zählt), die in einer untrennbaren Beziehung zueinander stehen. Der Grund dafür ist klar: Ohne Inhalt wird die Form nichts sagend (sofern es eine solche Form überhaupt geben kann) und ohne Form wäre kein Inhalt erkennbar. Die inhaltslose Form ist allenfalls gleichsam ein ausdehnungsloser Punkt, den es höchstens in der Mathematik geben kann, der aber genau so viel oder wenig existent ist wie alle mathematischen Objekte. Der formlose Inhalt ist rein begrifflich schon nicht denkbar, weil der Inhalt eben erst durch seine Form zum Inhalt – nämlich einer Form – wird. Inhalt ist in diesem Sinne da formende oder formgebende Prinzip.
Der Moderne nun sieht diesen engen Zusammenhang der beiden Kategorien offenbar nicht mehr und glaubt anscheinend, einer von beiden, der Form, den Vorzug geben zu können. Das hat einen einfachen Grund: der Inhalt einer Form bedarf immer einer Begründung und kann gemäß richtig und falsch beurteilt werden. Um ein einfaches Beispiel zu geben: Ist der Auftrag gegeben, eine mathematische Division durchzuführen, so kann man problemlos die richtigen Zeichen verwenden, und dennoch nicht angeben können, warum diese Schritte richtig sind. Dies mag etwa dann der Fall sein, wenn jemand auswendig Gelerntes hersagt. Von diesem würde man nicht sagen, dass er verstanden hat, was er tut. Aus diesem Grunde ist es etwa für Schauspieler so wichtig, die Rolle, die sie spielen, zunächst wirklich verstanden zu haben, bevor sie deren Text auswendig hersagen, da sie andernfalls wie bloße Marionetten wirken. Ja, es ist sogar das Kriterium für gutes darstellerisches Spiel, wenn Inhalt und Form zusammenpassen.
Der Inhalt, eine Begründung, kann richtig oder falsch sein. Sie wiederum bedarf einer Grundlage, auf der sie gegeben wird. Entscheidend aber ist: eine Begründung kann beurteilt und damit auch als falsch zurückgewiesen werden. Dies ist ja gerade, was der Moderne vermeiden möchte und so verlegt er sich eben auf die Form, von der er glaubt, darin ein sicheres Terrain gefunden zu haben, weil sie keiner Begründung bedarf. Der Moderne macht Bildungsabschlüsse, wodurch er viel weiß, außer, warum und was er da erlernt hat (siehe Fehlschluss von der Trennung von Wissen und Weisheit).
Er macht Geschäftsabschlüsse, doch weiß er gar nicht, was sie zur Folge und also welche Konsequenzen sie haben. Der Moderne glaubt, dass wenn er sich auf formale Richtigkeit beziehen kann, eine inhaltliche Richtigkeit daraus folgt. Doch das ist mitnichten der Fall. Besonders eklatant fällt dieser Irrglaube im beruflichen Zusammenhang auf. Entscheidend ist dort oftmals, wer als letzter im Büro das Licht ausmacht, wer am längsten arbeitet und die höchste Schlagzahl erreicht. Gut ist demnach, wer quantitativ und also formal messbar viel arbeitet. Dabei ist es doch schon eine Binsenweisheit, dass aus Quantität nicht auch Qualität folgt. Qualität ist dabei eine Eigenschaft, die einem Inhalt zukommt, wenn er in der ihm entsprechenden Form auftritt. In der Ästhetik gibt es ein Prinzip namens form follows function. Dieses Prinzip besagt, dass zunächst klar sein muss, welches Ziel erreicht werden soll und gegebenenfalls auch, welche Art der Zielerreichung als qualitativ gut gilt. Daraus folgt dann schließlich, welche Form erforderlich ist, um dieses Ziel zu erreichen. Das Zusammenspiel zwischen Form und Inhalt lässt sich in diesem Sinne als Eleganz definieren: elegant ist demnach, was mit angemessener Form ein gegebenes Ziel gut erreicht.
Auf die Arbeit bezogen heißt das, dass derjenige eine Aufgabe elegant löst, der die Aufgabe inhaltlich (also qualitativ) durchdringt und sie mit den erforderlichen Mitteln (quantitativ) löst. Eleganz darf jedoch keinesfalls mit Effizienz verwechselt werden. Effizienz ist ein Begriff der Wirtschaftswissenschaft, der immer schon unter monetärem Vorzeichen steht. Effizienz bedeutet nämlich schlicht, ein Ziel möglichst kostengünstig zu erreichen, was dieser Tage auch gern zulasten der Qualität gehen darf.
Gut arbeitet also eben nicht derjenige, der Zeit bloß absitzt (das meint das in Amerika verbreitete Konzept der facetime) oder einfach nur quantitativ lange arbeitet. Insbesondere letztere erscheint vor diesem Hintergrund gerade als schlechte Arbeit: Wer zu viel Zeit auf Arbeit verwendet, ist entweder nicht ausreichend kompetent für seine Aufgaben, nicht in der Lage abzuschätzen, wann er die Aufgaben allein nicht bewältigen kann, oder eben ganz modern pathologisch gestört, insofern er denkt, dass er dann gute Arbeit leistet, wenn er nur lange arbeitet. Arbeit selbst ist jedoch notwendig immer nur eine Form und kann deshalb schon rein begrifflich niemals gut sein. Denn Arbeit beschreibt schließlich nur einen Vorgang, der erforderlich ist, um etwas Bestimmtes zu erreichen. Arbeit ist immer final: das heißt, auf einen Zweck gerichtet. Ein Vorgang kann nur dann ein reiner Selbstzweck sein, wenn er eben nicht Arbeit ist: beim Spiel etwa oder bei der Meditation. Beides Tätigkeiten, die um ihrer selbst willen ausgeführt werden und gerade nichts anderes erreichen sollen (es wäre ein großes Missverständnis anzunehmen, dass man deswegen meditiert, um beispielsweise entspannt zu werden. Wer so an eine Meditation herangeht, hat ihr Wesen nicht verstanden. Man kann nicht meditieren, um zur Ruhe zu kommen, wie man sich nicht zwingen kann einzuschlafen. Fehlende Finalität ist ein wesentliches Merkmal von Spiel und Meditation.). In jedem Falle jedoch ist die Dauer der Arbeit kein sinnvolles Maß ihrer Güte.
Gut kann allein das Ergebnis der Arbeit sein (und in diesem Zusammenhang in gewissem Sinne die Arbeit selbst: man sagt beispielsweise manchmal: gute Arbeit! Gemeint ist damit aber, dass das Ergebnis des Arbeitsprozesses elegant erzeugt wurde). Elegant ist, wer dieses Ergebnis in jeder Hinsicht optimal herstellt.
Weil der Moderne jedoch den Maßstab für gute Arbeit verloren hat, ist er so versessen auf den Prozess des Arbeitens selbst. Doch wie im Grunde bedauernswert sind diejenigen, denen als einziges Kriterium für gute Arbeit deren Dauer oder die einfache Tatsache, dass man arbeitet, zur Verfügung steht und die deswegen in einem Fort betonen, wie viel sie doch arbeiten, um nach Anerkennung zu heischen (siehe Fehlschluss von der Verbindung von Erfolg mit Anerkennung). Diese Menschen können eigentlich niemals gute Arbeit leisten, da man immer noch mehr arbeiten kann (was sie dann ja auch tun, wie die steigenden Erkrankungszahlen an so genanntem Burn-Out nahe legen). Erst andere Kriterien können zeigen, wann etwas wirklich gute Arbeit ist – und die muss dann auch nicht notwendig lange dauern. Paul McCartney sind zum Beispiel einige der besten Beatles-Lieder in nur wenigen Minuten eingefallen.