Die Moderne

Über den Begriff der Moderne ist bereits viel gestritten worden und dieser Streit dauert noch an. Eine der Ursachen dafür besteht darin, dass der Begriff sehr schillernd ist. Unterlässt man es anzugeben, welche Bedeutung man ihm beilegt, sind Verwirrungen kaum zu vermeiden. Jede Disziplin, ob Kunstgeschichte, Geschichte, Philosophie oder Sprachwissenschaft, versteht einen anderen Zeitraum und andere Merkmale unter Moderne.

Hier wird der Begriff philosophischgebraucht. Aus diesem Blickwinkel ergeben sich ganz klare Gründe für seine Definition. Wolfgang Welch hat sich in seiner Studie Unsere postmoderne Moderne (VCH Verlagsgesellschaft, Weinheim 1987) ausführlich mit der Begriffsbestimmung befasst. Der Epochenwechsel vom Mittelalter (das ja auf die Antike folgt, die gemäß einer weit verbreiteten Auffassung im Jahre 529 mit der Schließung der platonischen Akademie endete) beginnt ihm zu Folge ab dem 16. Jahrhundert und findet seine paradigmatische Formulierung (die zugleich die Begründung des so genannten modernen Programms darstellt) in der Philosophie René Descartes. Mit diesem französischen Philosophen beginnt, so Welsch,

die exakte Wissenschaft, die Mathesis universalis, die systematische Weltbeherrschung, die wissenschaftliche-technische Revolution […] Descartes‘ Gründungstat betrifft nicht bloß einen spezifischen Wissenstypus, sondern das Ganze der wissenschaftlich-technischen Welt. (Welch, a.a.O, S. 69 )

Was hat Descartes aber gefordert, das so radikal neu war? In seiner Schrift Von der Methode des richtigen Vernunftgebrauchs und der wissenschaftlichen Forschung (Erscheinungsjahr 1637, Meiner Verlag, Hamburg 1960) heißt es:

7. Die erste [Vorschrift, T. W.] besagte, niemals eine Sache als wahr anzuerkennen, von der ich nicht evidentermaßen erkenne, daß sie wahr ist: d.h. Übereilung und Vorurteile sorgfältig zu vermeiden und über nichts zu urteilen, was sich meinem Denken nicht so klar und deutlich darstellte, daß ich keinen Anlaß hätte, daran zu zweifeln. 8. Die zweite, jedes Problem, das ich untersuchen würde, in so viele Teile zu teilen, wie es angeht und wie es nötig ist, um es leichter zu lösen. (a.a.O., S. 31ff.)

In diesem Absatz fallen zwei Aspekte sofort ins Auge. Zunächst fordert Descartes, das nichts als wahr anerkannt werden dürfe, was nicht evidentermaßen als wahr erkannt ist, das heißt: es muss klar und deutlich sein. Klarheit und Deutlichkeit sind die Anforderungen an einen Beweis: Klar heißt, unterschieden von anderem und deutlich heißt nachvollziehbar. Sind Dinge voneinander unterschieden, so handelt es sich ja um zwei Dinge. Hat man alle möglichen Unterschiede aufgedeckt, sind folgerichtig alle möglichen Dinge erkannt. Erfolgt diese Unterscheidung auch noch nachvollziehbar, so bedeutet das nichts anderes, als dass es dafür objektive Gründe und nicht bloß subjektive Meinungen oder Ansichten gibt. Um das zu erreichen, so Descartes weiter, muss man ein Problem eben so lange zerlegen – analysieren –, bis man quasi auf dem Grund angekommen ist. Hier ist der Gründungsakt der modernen Wissenschaft verankert, die sich nicht mehr von Übereilung und Vorurteilen leiten lassen will, sondern bloß von der untersuchten Sache selbst.

Es ist klar, dass mit dem Aufstieg der modernen Wissenschaft die althergebrachten, vormaligen Garanten für Wahrheit und Einsicht – nämlich die Religion und die Traditionen – von da an immer mehr an Autorität verloren haben.

Friedrich Nietzsche stellt mit seinem berühmten Wort:

Gott ist todt

das er in seinem in den Jahren 1883-85 entstandenen Hauptwerk Also sprach Zarathustra (Also sprach Zarathustra, in: Nietzsche, Friedrich: „Menschliches – Allzumenschliches“, Werke, Kritische Gesamtausgabe, Bd. 4, Abt. 6, hg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, de Gruyter, Berlin 1968, S. 8) schreibt, somit nur fest, was ist. Nietzsche beschreibt lediglich die Lebenswirklichkeit unter den Bedingungen der Moderne. Diesen Satz als normative Forderung zu verstehen, überdehnt den Text eindeutig.

Man könnte die Moderne noch weiter unterteilen, indem man die radikalen Entwicklungen in der Kunst und Literatur rund um den fin de siecle, die ihrerseits als eine Reaktion auf die rasanten Fortschritte in Technik und Wissenschaft aufgefasst werden können, als Cäsur sieht. Dann würde ab diesem Zeitraum sozusagen eine moderne Moderne einsetzen. Diese Unterscheidung ist hilfreich. Wichtig ist dabei nur, darüber nicht zu vergessen, dass dadurch die Moderne keinesfalls aufgehoben ist. Das moderne Programm ist nach wie vor, trotz aller Gegenbewegungen oder neuen Strömungen, dominierend.

 

Wege und Irrwege

Das Internet bietet zweifelsohne viele Möglichkeiten. Eine davon ist es, sein Innerstes nach außen zu kehren und der Weltöffentlichkeit mehr oder weniger relevante und interessante Einblicke in das eigene Leben, die eigene Persönlichkeit zu geben, die im Grunde nur von denen wirklich verstanden werden können, die mit der betreffenden Person bekannt sind. Für alle anderen bleibt es bloße Unterhaltung. Das hält selbstverständlich niemanden der so genannten User der so genannten Netzgemeinde davon ab, alles zu kommentieren und zu beurteilen. Diese Funktion des Internets macht seit einiger Zeit unter dem Namen „Weblog“ oder kurz: „Blog“ Karriere.
Diese Seite ist formal auch ein „Blog“, hat aber der Sache nach nichts damit gemein.
Hier geht es um Argumente und gerade dabei ist das Internet eine große Hilfe, weil man alles, was für ein Argument benötigt wird (Begriffe, Definitionen, Prämissen und so weiter), mit- und untereinander verlinken kann. Im Gegensatz zu einem Buch ist es also nicht nötig, vorne anzufangen und hinten aufzuhören. Freilich tun das auch einige Autoren von Büchern nicht, entsprechend schwer zu verstehen sind dann ihre Werke aber mitunter auch.
Auf dieser Seite werden also Argumente entfaltet – aber nicht sofort. Die meisten philosophischen Argumente sind viel zu umfangreich, als dass sie kurz dargestellt werden könnten. Das heißt, die eigentlichen Argumente sind oftmals tatsächlich sehr kurz. Dies ist aber nur möglich, weil sie auf zahlreichen Vorannahmen und Voraussetzungen ruhen, die irgendwo ausführlich erörtert werden müssen.
Nach und nach sollen hier alle erforderlichen Schritte genannt werden, die früher oder später (auch in unterschiedlicher Funktion) in Argumenten Verwendung finden. Dabei werden außerdem Begriffe erklärt und auf diese Weise auch die Voraussetzungen klar, auf denen die Argumente ruhen.
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