Das ästhetische Leben ist Verzweiflung

Der Artikel Hauptsache schön: von der Ethik zur Ästhetik endete mit der Frage, ob die Ästhetik allein ein ausreichendes Urteilskriterium ist. Ich habe schon angedeutet, dass das nicht der Fall ist. Doch was sind die Gründe dafür?

weiterlesen Das ästhetische Leben ist Verzweiflung

Der moderne Rückzug in die Individualität in Kunst und Literatur

Hat der Moderne alle Institutionen zurück gewiesen, die ihm sagen können, was richtig und was falsch ist, ist er selbst dafür verantwortlich, diese Urteile zu fällen. Es ist charakteristisch für den Modernen, dass er daran scheitert. Eine Strategie, sich dieser Aufgabe zu entziehen, besteht darin, den Standpunkt der radikalen Subjektivität einzunehmen. Ist alles nur auf das Individuum bezogen, hebt sich die Unterscheidung von richtig und falsch, so der Irrglaube, auf. Alles ist, insofern es auf das Individuum bezogen ist.

Dieser Trend ist seit einiger Zeit auch in Kunst und Literatur zu beobachten. Das kann nicht weiter verwundern, denn insbesondere hier hängen ganze Karrieren ja davon ab, dass Kritiker ein Kunstwerk oder ein Buch loben. Doch wie soll man seine Überzeugung, gute Kunst zu machen, bewahren, angesichts etwaiger vernichtender Kritik? Ganz einfach: indem man den Kritiker für systematisch unzuständig erklärt. Auch hier hilft er subjektive Standpunkt: Kunst ist, was ich dafür halte.

In diesem Sinne hatte sich Maxim Biller in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Bezug auf die gegenwärtige Literatur geäußert. Er lobt in seinem Artikel „Ichzeit“ insbesondere, dass es den modernen Autoren nur um sich und ihre Erlebnisse ginge und dass sie den Mut hätten, dies literarisch umzusetzen.

Ich halte diese Position für einen vollkommenen Irrweg und habe dies in meiner Replik auf Billers Artikel entsprechend deutlich gemacht:

In seinem Artikel „Ichzeit“ macht Maxim Biller eine neue literarische Epoche aus, deren wesentliches Merkmal in einer Hinwendung der Schriftsteller zum Ich bestehe. Die Entgleisung der Idee der Moderne hin zu einem überzogenen Individualismus derart zu loben, mutet jedoch eher als ein Irrweg an. Jedes Individuum ist eingebettet in seine Zeit, „will es in dieser seiner ganzen Relativität das Absolute sein, so wird es lächerlich“ (Sören Kierkegaard: „Entweder – Oder„, dtv, München 1995, S. 172), hat der dänische Philosoph Sören Kierkegaard richtig festgestellt. Der hier gelobte literarische Egoist verkennt lediglich seine Abhängigkeit. Prosa, die diese vermeintliche Unabhängigkeit zu ihrem Topos erhebt, wird folglich zu einer Literatur der Lächerlichkeit, die die eigene Unkenntnis zelebriert. Warum sollte man sich für die Erlebnisse isolierter Individuen interessieren? Wer sich nur um sich selbst dreht, verliert den Anschluss an die Lebenswelt der anderen. Dies ist jedoch die Voraussetzung, um zuerst verstehen und dann überhaupt etwas sagen zu können. „Von den Dichtern erwarten wir Wahrheit“, hat Hannah Arendt einmal richtig festgestellt. Von egoistischen Narzissten jedoch bekommen wir nur Befindlichkeits-Jargon. Und was die von Herrn Biller gelobte Ideologie-Freiheit anbetrifft: Die größten Ideologen sind oftmals die, die behaupten, keine Ideologie zu haben.“ (F.A.S. vom 16.10.2012)