Schönsein ist alles

Das entscheidende Kriterium, anhand dessen der Moderne seinen Wert bemisst, ist Zustimmung. Zustimmung lässt sich am einfachsten, das liegt in der Natur der Sache,  dadurch erzeugen, dass man zunächst einmal so ist und sich so verhält und so präsentiert, wie es am wenigsten Anstoß bei anderen erregt. Wenn man dazu dann noch einfach nichts mehr sagt, sondern nur noch spricht und darin Allgemeinplätze äußert, steht der Zustimmung nichts mehr im Wege. Noch einfacher ist es jedoch, noch nicht einmal mehr zu sprechen, sondern sich nur noch zu präsentieren – und zwar so, wie es der so genannte „Mainstream“ erwartet. Wer aufmerksam „soziale Netzwerke“ beobachtet, wird feststellen, dass insbesondere die jungen Damen und Herren sich immer in denselben Posen fotografieren – und das reichlich. Von diesen Posen versprechen sie sich offenbar, besonders „sexy“ oder attraktiv zu wirken, womit sich immer Zustimmung erzeugen lässt. Schön zu sein wird so zur vornehmlichsten Lebensaufgabe des Modernen, nachdem er sich eines anderen Lebensziels ja selbst beraubt hat, als er die Ethik in Misskredit brachte. Fortan ist es nicht mehr erstrebenswert, seinen Selbstwert daraus zu beziehen, ein guter Mensch zu sein oder sich zu fragen, was der eigene Platz in der Welt ist. Schönheit ist der Maßstab, an dem der Moderne – von anderen – gemessen wird und aus dem sich sein Wert in der Währung der Zustimmung ergibt.

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Die Einsamkeit des modernen Menschen

Aus der Ausstellung Berlin|Moskau

In seiner technischen Perfektion und seinem Streben nach immer mehr Technik hat sich der Mensch der Moderne mit immer mehr Artefakten und Technik umgeben. Mitunter mit so viel Technik, dass ihm die anderen Menschen darüber verloren gehen – mehr noch, dass sie ihm verschwinden. Die so genannten sozialen Netzwerke etwa finden im Computer statt. Der Moderne schaut auf einen Monitor oder ein Mobiltelefon – nicht mehr in das Angesicht des anderen. Kommunikation, also das, was Menschen wesentlich ausmacht, findet folglich nicht mehr zwischen – con, also mit ist der wesentliche Bestandteil des Wortes conmunis (etwa: mit in den Mauern einer Burg), das dann über conmunicare zu communicare und schließlich zu Kommunikation wurde – Menschen statt, sondern zwischen Mensch und Technik. Es wundert daher nicht, wenn die Kulturtechniken des Kommunizierens und Verstehens immer mehr verschwinden und nur  elliptische, stakkatohafte und radebrechende Reste von Sprachfähigkeit übrig bleiben, wie man sie in nahezu jedem sozialen Netzwerk allenthalben finden kann.

Der moderne Mensch, so Martin Heidegger in seinem Vortrag Die Technik, ist also förmlich von Technik umstellt und nicht mehr fähig, den anderen dahinter überhaupt noch zu erkennen, geschweige denn, ihn anzusprechen.

Der Mensch der Moderne ist einsam. Und so irrt er, wie hier auf dem Foto aus Berlin Mitte, verloren durch seine Produkte, die ihm auf sein existentielles Fragen keine Antwort geben. So ist der Mensch der Moderne noch mehr als einsam: er ist verlassen.