Fehlschlüsse der Moderne: Präliminarien

Typisch für die Moderne sind einige Fehlschlüsse, die man allesamt als Fehlschlüsse der Trennung bezeichnen kann, weil sie unzulässigerweise trennen (oder auch Getrenntes verbinden). Typisch sind sie deswegen, weil Ihr Ursprung untrennbar verbunden ist mit dem Gründungsakt der Moderne und weil dementsprechend der Fehler, auf dem sie beruhen, der Moderne immanent ist. Man könnte also fast sagen, dass ein Moderner gar nicht umhin kann, diese Fehlschlüsse zu begehen, andernfalls wäre er kein Moderner. weiterlesen Fehlschlüsse der Moderne: Präliminarien

Fehlschlüsse der Moderne: Die Trennung von Wissen und Weisheit

Dieser Fehlschluss des Modernen (vgl. Moderne, Fehlschlüsse der Moderne) ist in seiner Struktur demjenigen von der Trennung von Inhalt und Form sehr ähnlich. Auch hier wird etwas getrennt betrachtet, was eigentlich eng verbunden ist.
Karl May lässt seinen Ich-Erzähler Kara Ben Nemsi in „Durch Wüste und Harem. Reiseerlebnisse“ zu Hadschi Halef Omar sagen: „Was hilft dir nun der Schatz des Wissens, den du hier gehoben hast?“. In diesem Satz ist das ganze Problem bereits enthalten: Reines Wissen ist im Grunde vollkommen wertlos und dazu zählt auch das in der Moderne so beliebte instrumentelle Wissen, das nur darauf gerichtet ist, einen bestimmten Zweck zu erreichen. Das Problem eines solchen Wissens ist schnell beschrieben: Es ist notwendig unzureichend. Denn da man niemals wissen kann, welche Zwecke einmal erreicht werden müssen, kann man niemals das für jede Situation erforderliche Wissen parat haben und hinkt somit den aktuellen Anforderungen normalerweise hinterher. Das gravierendere Problem ist jedoch, dass reines Wissen sich affirmativ bis neutral zu dem ihm korrespondierenden Zweck verhält. Das heißt: ausgezeichnetes logistisches Wissen kann bestenfalls dazu dienen, die Lagerung und Verschiffung von Containern in einem Hafen bestmöglich zu organisieren. Es eignet sich aber genau so gut dazu, den besten Weg zu erarbeiten, wie man möglichst schnell möglichst viele Menschen deportieren kann. Dem, der nur weiß, ist der Zweck egal, solange er ihn gut erreicht.
Wissen allein erscheint also offenbar ethisch neutral. Obgleich genau deshalb reines Wissen unzureichend ist, liegt darin zugleich dessen Beliebtheit beim Modernen begründet. Denn wieder einmal gilt, dass ein Urteil darüber, was gutes und was schlechtes Wissen ist, eben angreifbar ist und somit dem Modernen nicht behagt, schließlich will er sich ja gerade der Unsicherheit des Urteilens entziehen.
Dementsprechend organisiert er auch das moderne Bildungssystem, das seinen neuesten Höhepunkt im Bachelor/Master-System erreicht hat, wodurch es sich radikal von der klassischen Idee der deutschen Universität unterscheidet.
Wilhelm von Humboldts Idee (und nicht nur seine) war es einstmals, dem ersten Problem, dass man nicht wissen kann, welche Zwecke genau erreicht werden müssen, dadurch zu entgehen, indem er forderte, dass Lernen zweckfrei erfolgen und Wissen deshalb um seiner selbst willen angesammelt werden müsse.
Diese Überlegung stand auf dem Boden der von Immanuel Kant in seinen Hauptwerken Kritik der reinen Vernunft und Kritik der praktischen Vernunft entfalteten, starken Analyse der Fähigkeit des Menschen, auf Zwecke (in gewisser Weise also Wissen) zu reflektieren. Daraus folgt die Aufgabe von Bildung, den Menschen zu befähigen, auf sein eigenes Tun, seine Zwecke, zu reflektieren und im Angesicht der menschlichen Verfassung eigenständig unter anderem darüber zu urteilen, welches Wissen diesbezüglich gut und welches schlecht ist.
Das Wissen in diesem Sinne stand einst im Dienst des Menschen, damit dieser eine menschenwürdige Lebenswelt schaffen soll. Dieses Verhältnis hat sich in der Moderne umgedreht: heute steht der Mensch im Dienst des Wissens und wird, etwa in Fernseh-Quizshows daran gemessen, wie viel unsinniges Wissen er angehäuft hat.
Diese Umkehrung führt zu absurden Konsequenzen, wie sie sich heutzutage an philosophischen Instituten mit Studierenden der Philosophie (mit dem Studienziel Bachelor) abspielen. Da kommen Kandidaten in eine Prüfung und können sämtliches auswendig gelernte Wissen zu einem bestimmten Thema perfekt hersagen. Doch, gefragt, ob der betreffende Philosoph denn Recht habe, ob dessen Theorie stimme oder zumindest plausibel sei, verfallen sie in Schweigen. Bekommen sie für ihr – philosophisch nebensächliches – Lexikon-Rezitativ daraufhin nicht die beste Note, brechen sie in Verzweiflung aus und können schlicht nicht verstehen, warum dies so ist, hätten sie doch alles gewusst. Die Philosophie aber ist nicht, war noch nie und wird auch niemals eine Disziplin des reinen Wissens sein. Denn die Philosophie ist eben, auch ihrem Namen nach, auf die Weisheit, die sophia, gerichtet. Sie will nicht (nur) wissen, sondern insbesondere verstehen, warum etwas so ist. Weisheit ist in diesem Sinne, darin ist Kants Analyse sicher zutreffend, eine Reflexion auf die Zwecke (und damit auf das Wissen) daraufhin, ob es gut ist.
Wer sich nur auf das Wissen verlegt, macht sich zum willfährigen Vollstrecker derjenigen, die das gerade opportune oder aktuelle Wissen vorgeben. Wer jedoch Weisheit sucht, muss einen eigenen Weg gehen, da Weisheit das Ergebnis des eigenen Urteilens ist. Dieser Weg ist freilich ungleich schwieriger, weil man irren kann und fehl gehen, aber er ist der menschengemäß einzig gangbare.